Haus der elektronischen Künste

Balance zwischen Utopie und Dystopie: Die Zukunft war auch schon besser

Das Haus der elektronischen Künste Basel zeigt die erste Schweizer Einzelausstellung des Multimedia-Künstlers Lawrence Lek.

Die Zukunft ist rosa, zumindest auf den Bildern der Überwachungskameras, die das Publikum erwarten. «Farsight Freeport» steht am Eingang zur neuen Ausstellung im Haus der elektronischen Künste Basel.

Die Einzelschau des britisch-chinesischen Multimedia-Künstlers Lawrence Lek verspricht einen Vorgeschmack auf das Jahr 2046, wenn sämtliche Arbeitsprozesse automatisiert sind und die Menschheit ihr verloren geglaubtes Paradies in der Virtualität wiederentdeckt haben wird. «Unterhaltung ist die Zukunft des Reichtums», heisst es in einem Werbeclip der Farsight Corporation, der einen gespenstisch leeren Vergnügungspark zeigt.

Farsight Corporation? Die Firma gibt es wirklich – wenn der Wirklichkeit im synthetischen Gesamtkunstwerk von Lawrence Lek oberflächlich auch keine grosse Bedeutung mehr zukommt. Oder wie Lek wiederholt sagt: «Es ist kompliziert.» Seit 2017 ist Farsight als Gesellschaft mit beschränkter Haftung real registriert, in den Videos und Installationen des Wahl-Londoners wirkt sie als übermächtiger Industriekomplex aber schon viel länger.

Eine Retrospektive aus dem Jahr 2046

Eigentlich sollte ein – fiktiver – Farsight-CEO die Besucher als Videoprojektion in Empfang nehmen. «Es geht nicht um mich als Künstler», sagt Lek dazu bescheiden. Als Programmierer hat Lek das Video kurz vor der Eröffnung allerdings noch nicht zum Laufen bekommen und übernimmt die Einführung deshalb selbst.

«Farsight Freeport» ist als künftige Retrospektive gedacht, als ein virtuelles Freilager mit den bereits geschaffenen Werken des Künstlers. Gleichzeitig wird der Basler Ausstellungsort selbst in digitalisierter Form in die Schau integriert, mit verblüffendem Effekt: Statt von Leinwand zu Leinwand zu gehen, steuert sich Lek kurzerhand mit einer Spielkonsole durch die virtuelle Kopie der Ausstellung. «Ich mag es, bei meinen Installationen etwas aus dem lokalen Zusammenhang zu nehmen und kontextuell zu arbeiten», erklärt Lek. Seine Filme seien dagegen persönlicher.

Die Computeranimation «Geomancer» etwa erzählt von einem Wettersatelliten, der zum hundertsten Unabhängigkeitstag des Stadtstaates Singapur zu künstlichem Leben erwacht und sich kreativ ausdrücken will. In der Fortsetzung «Aidol» zeigt Lek, was aus den Ambitionen der künstlichen Intelligenz wird: Der Satellit trifft auf eine Sängerin, mit der er gemeinsam eine Hymne für eine E-Sports-Olympiade kreiert. Die Musik, die aus den Boxen dringt, stammt ebenfalls von Lek: Sie klingt, als würde ein Algorithmus die Powerballade neu erfinden.

Die Kunst als letzte verbliebene Kernkompetenz der Menschheit: In Leks Werken hat sie ausgedient. Wird er sich eines Tages selbst abschaffen und aufhören, als Künstler tätig zu sein? «Erst, wenn ich tot bin», sagt er mit einem grimmigen Lachen. Denn auch wenn der Künstler die Balance zwischen Utopie und Dystopie wahren will: Die Zukunft hat schon besser ausgesehen.

Die Kolonisierung des Alltags

«Früher war die Gesellschaft hoffnungsvoller, es war viel von Fortschritt die Rede», erklärt Lek. Doch das Versprechen, dass mit der Digitalisierung auch die Demokratie gestärkt würde, verfängt nicht mehr. «Heute sind solche Slogans oft nur Trojaner für den ganzen Mist, der damit verbunden ist.» Gestritten wird dabei nicht mehr um Raum, sondern um Zeit.

«Die Aufmerksamkeitsökonomie kolonisiert unseren Alltag», sagt der Künstler. «Wir müssen immer mehr in immer kürzerer Zeit erledigen.» Und darin liege die grösste Gefahr: dass Menschen vor lauter Konsumieren ihre Vorstellungskraft verlieren.

Kühl leuchten die blauen Stellwände, in die Fenster auf die glatte Ästhetik von Leks Digitalkunst ausgespart sind. Es ist eine hypnotische Form der Sinnesüberreizung, die seltsam unsinnlich bleibt. Ein Widerspruch also. Aber wie sagt Lek selbst: «Es ist kompliziert.»

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