Noëmi Lerch bestellt Tee. Ingwer-Boost, aufgewärmt, als brauche sie etwas Energie. Wir reden - nicht ohne Grund - über das Wetter, über den seltsamen Winter. «Es war zu trocken, schon im Sommer, dann kam der warme Herbst.» Noëmi Lerch weiss, wovon sie spricht. Seit Jahren arbeitet die 28-Jährige saisonweise auf einer Alp. «Ich würde mich selbst noch nicht als Schriftstellerin bezeichnen», sagt sie, obwohl sie gerade ihre erste Erzählung, «Die Pürin», veröffentlichte und einen Bachelor in Literarischem Schreiben sowie einen Master in Deutscher Literaturwissenschaft hat.

Ein wahres Märchen

Ihr Debüt ist die Geschichte eines - in ihren Worten - «kargen» Bauernhofes, der Bäuerin und ihrer Gehilfin; und der Tiere. Vor dem Hintergrund der vier Jahreszeiten erzählt «Die Pürin» von den Gedanken einer jungen Frau, die sich mit den Kühen und Katzen am besten versteht, ihren gelegentlichen Abstechern in die Dorfkneipe und ihrem einsamen Leben in einer grossen Villa. Dabei folgt ihr der Geist ihrer verstorbenen Grossmutter überall hin. Die Erzählerin, die bis zum Schluss namenlos bleibt, versucht gar nicht erst, ihr Leben und ihre Arbeit von ihren Träumereien konsequent zu trennen. So erinnert «Die Pürin» an ein Märchen, bei dem man nie wirklich weiss, was nun wahr, was Einbildung und was Traum ist.

Lernen von der Pürin

Noëmi Lerch ist schlank, hat leicht gelocktes, dunkelblondes Haar und trägt keine Schminke. Einige schlichte Lederarmbänder zieren ihre schmalen Handgelenke. Die gebürtige Badenerin, die im Untersiggenthal und in Graubünden lebt, macht einen scheuen Eindruck und überlegt lange, bevor sie etwas sagt. Das tut sie dann aber umso bestimmter. «Die Pürin ist sehr real. Sie ist der lebendige Gegenpol zu der Welt der Toten in der Erzählung», sagt sie über die Hauptfigur, die stets nur die Bezeichnung «Die Pürin» erhält. «Obwohl man, sobald man den Stift auf das Papier setzt, zu erfinden beginnt.» Was wie ein Rätsel klingt, rundet sich in ihren Erzählungen immer mehr ab zu einer klaren Idee. Der jungen Autorin gelingt es in ihrem Buch, die innere Welt einer Erzählerin zu schildern und einen Reifeprozess darzustellen, den die Gehilfin Dank der erfahrenen Pürin durchmacht. Mit viel Bedachtsamkeit und Poesie vermag es Noëmi Lerch, Grenzen aufzuheben: zwischen Gegenwart und Vergangenheit, Traum und Erinnerung, Realität und Vorstellung.

Zwischen Leben und Tod

Lerchs Bewunderung für die Tierwelt kommt in «Die Pürin» mehrfach zum Tragen. Die Erzählerin redet am liebsten mit den Kälbern über ihre Gedanken, pflegt einen verletzten Raben bis zu seinem Tod und lässt dann eine Holzurne für ihn schnitzen. Die Beziehungen zwischen der Erzählerin und den Tieren sind dabei nicht zufällig: Noëmi Lerch hat jeder Tierart bestimmte Eigenschaften zugedacht. «Die Kühe, zum Beispiel, sind ganz klar auf der Seite der Lebenden.» Anders als die Vögel, die für Noëmi Lerch wie Verbindungsglieder zwischen den Lebenden und den Toten wirken.

Ist «Die Pürin» nicht einfach die Geschichte davon, wie eine junge Frau eine gescheiterte Liebesbeziehung zu verarbeiten versucht? Noëmi Lerch lächelt. «Ich weiss nicht, ob man das überhaupt verarbeiten kann; ich glaube eher, es verarbeitet einen. Wie in einer Mühle oder im Maul eines kauenden Tieres, und um sich zu retten, macht man eben etwas. Man versucht, sich zu erinnern – oder zu vergessen.» Die Erinnerung ist denn auch ein zentrales Thema in «Die Pürin»; obwohl bis zum Ende nicht ganz klar ist, ob die Erzählerin versucht, sich zu erinnern, oder eher zu vergessen.

Zahnrad im Kopf

Dass die Erzählung autobiografische Elemente enthält, verneint die Autorin nicht. Es sind Bilder, die Lerch sieht, Sätze, die ihr in den Sinn kommen. Beobachtungen, die sie macht, wenn sie mit der Natur alleine ist oder anderen Leuten zuhört. Ihnen allen liegt eine Liebe zur Sprache zugrunde. «Ich mag es einfach, wie Worte klingen; ich lese mir selbst immer gleich vor, was ich aufschreibe.» Das ist auch eine Grundidee für eines ihrer weiteren, künstlerischen Projekte: Gemeinsam mit der Cellistin Sara Käser vertont die Autorin ihre Texte an musikalischen Lesungen; als nächstes im Rahmen der «Sofalesungen» in Aarau. «Es geht nicht darum, meine Texte musikalisch zu begleiten, sondern darum, sie mithilfe der Musik auszudrücken. Die Musik ist dabei eine eigene Sprache.» Man könne es förmlich sehen, wie die Geschichte im Kopf des Zuhörers weitergesponnen werde; «Als ob sich ein Zahnrad im Kopf in Bewegung setzen würde.»

«Die Pürin» von Noëmi Lerch, die brotsuppe verlag, 88 Seiten.

Musikalische Lesung: Aarau Di 16.2, 19 Uhr, Neuenburgerstrasse 3, Anmeldung unter sofalesungen.ch

«Sofalesungen» ist eine Initiative des Förderfonds Migros und wird von diversen Literaturhäusern unterstützt. Junge Autorinnen und Autoren lesen in WG-Zimmern aus ihren Büchern vor. Dabei soll ein persönlicher und unkonventioneller Rahmen für Literatur geschaffen werden, der Schreibende und Lesende zusammenbringt. Lerchs Lesung von «Die Pürin» ist die erste Sofalesung im Aargau.