Badener Geigenbauer ist dem Stradivari-Klang auf der Spur

Geigenbauer schlafen nie: Sie wollen das Geheimnis um den Stradivari-Klang lüften. Michael Rhonheimer greift zu einer unkonventionellen Methode.

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Schweiz am Sonntag

Von Elisabeth Feller

Antonio Stradivari und seine berühmten Geigen

Eine Stradivari sein Eigen nennen, sie im Konzert zu spielen - davon träumen Geigerinnen und Geiger. Ob Anne-Sophie Mutter, Joshua Bell, David Garrett, Gidon Kremer, Gil Shaham oder Nikolaj Znaider - sie alle sind voll des Lobes über die Klangeigenschaften der «Strad». Wer war der Mann, der die geheimnisumwitterten Geigen gebaut hat? Antonio Stradivari (um 1644 bis 1737) gilt als Schüler des Geigenbauers Nicola Amati. 1667 machte sich Stradivari in Cremona selbstständig. Er experimentierte mit verschiedenen Dicken des Holzes und unterschiedlichen Lacken. Die von der Nachwelt als seine besten beurteilten Instrumente baute er zwischen 1698 und 1725. Kein Wunder, erzielen sie Höchstpreise. Vor drei Jahren wurde bei Christie's Musical Instruments New York eine «Strad» für 3,544 Millionen US-Dollar versteigert. Antonio Stradivari soll rund 3000 Instrumente gebaut haben; davon existieren heute noch 600 Violinen, 50 Violoncelli und 12 Bratschen. (EF.)

Es ist mucksmäuschenstill im Konzertsaal, das Publikum lauscht gebannt diesem Klang, der alles ist: Sonor, weich, strahlkräftig und von unerhörter Substanz. Welch eine Violine! Eine Stradivari, denkt das Publikum und ist von ihr einmal mehr ergriffen. Allein schon die Erwähnung dieses Namens elektrisiert Musikfreunde. Wie erst jene Geigerinnen und Geiger, die eine «Strad» spielen. Seit Jahrhunderten halten Antonio Stradivaris Instrumente die Fachwelt in Atem. Lässt sich der Schleier über den Geheimnissen von Holz und Lack je lüften? Ist der Stradivari-Klang überhaupt zu kopieren? Wer den Badener Geigenbauer Michael Rhonheimer dazu befragt, erntet ein verschmitztes Lächeln und eine pointierte Aussage: «Eine Stradivari lebt nicht nur von ihrem Klang, sondern auch von ihrem Mysterium.»

Damit will Rhonheimer keineswegs Stradivaris unbestritten erlesene, an Auktionen horrende Preise erzielende Instrumente infrage stellen, sondern nur darauf hinweisen, «dass Geigenbauer seit je versucht haben, das Material zu verbessern.» Zum Beispiel mit einem Schimmelpilz namens Xylaria longipes. Wie? Ergeben Geige und Pilz einen Sinn? Ja. «Eine kleine Dosis Schimmel kann den Klang einer Violine verändern», beteuert Francis Schwarze von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Der Forscher ist von den Holz zersetzenden Eigenschaften des genannten Pilzes überzeugt. Dieser muss eine gute Kinderstube genossen haben: Er treibt seine Fäden zwar tief ins Ahornholz, nagt aber die Zellwände lediglich an ganz bestimmten Stellen an. «Durch die Behandlung mit dem Pilz wird die Dichte des Holzes reduziert», erklärt Michael Rhonheimer den Vorgang und verweist auf das Ziel der Empa: mit dem Verfahren «eine stradivariähnliche Holzqualität zu erreichen».

Der italiener Stradivari soll im 17. Jahrhundert von der so genannten «Kleinen Eiszeit» - und allgemein aussergewöhnlich tiefen Temperaturen - profitiert haben. Lange Winter und kühle Sommer haben damals offenbar dafür gesorgt, dass die Bäume in den Südalpen nur langsam, dafür aber gleichmässig gewachsen sind. Fraglos eine gute Ausgangslage für Geigenbauer: Denn so wies das Holz gleichmässige, dünne Jahresringe und eine relativ geringe Dichte auf - gute Voraussetzungen für einen exzellenten Klang.

Dieser Pilz macht es möglich Ein spezieller Pilz aus dem Labor von Empa-Fachmann Francis Schwarze sorgt dafür, dass das Geigenholz ähnliche Eigenschaften aufweist wie das Material des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari. Der Forscher hat für sein Experiment einen Helfer mit erstaunlichen Fähigkeiten benutzt: Der Pilz Xylaria longipes (Erreger der Weissfäule) ist ein schwarz gefärbter Schlauchpilz der so genannten Holzkeulen-Gattung (Xylaria). In welchem Umfeld gedeiht er? Die Langstielige Ahornholzkeule lebt meistens sabrobiontisch, das heisst: Sie lebt von sich zersetzenden, organischen Stoffen. Der Pilz ist an abgestorbenen, berindeten Ästen von Eiche, Eberesche und Ahorn, daneben auf Buche und Hainbuche beheimatet. Die Fruchtkörper erscheinen einzeln, gesellig oder in Büscheln; sie wachsen meist aus der Unterseite im Boden vergrabener Äste heraus. Achtung: Die Langstielige Ahornholzkeule ist nicht essbar. Dafür «speist» sich der Pilz am Geigenholz - an bestimmten Stellen. Der Empa-Forscher Francis Schwarze und der Badener Geigenbauer Michael Rhonheimer machen sich das zunutze - um einen exquisiten Geigenklang zu erzielen. Die Pilzbehandlung sieht man einer Geige übrigens nicht an. (EF.)

Dieser Pilz macht es möglich Ein spezieller Pilz aus dem Labor von Empa-Fachmann Francis Schwarze sorgt dafür, dass das Geigenholz ähnliche Eigenschaften aufweist wie das Material des italienischen Geigenbauers Antonio Stradivari. Der Forscher hat für sein Experiment einen Helfer mit erstaunlichen Fähigkeiten benutzt: Der Pilz Xylaria longipes (Erreger der Weissfäule) ist ein schwarz gefärbter Schlauchpilz der so genannten Holzkeulen-Gattung (Xylaria). In welchem Umfeld gedeiht er? Die Langstielige Ahornholzkeule lebt meistens sabrobiontisch, das heisst: Sie lebt von sich zersetzenden, organischen Stoffen. Der Pilz ist an abgestorbenen, berindeten Ästen von Eiche, Eberesche und Ahorn, daneben auf Buche und Hainbuche beheimatet. Die Fruchtkörper erscheinen einzeln, gesellig oder in Büscheln; sie wachsen meist aus der Unterseite im Boden vergrabener Äste heraus. Achtung: Die Langstielige Ahornholzkeule ist nicht essbar. Dafür «speist» sich der Pilz am Geigenholz - an bestimmten Stellen. Der Empa-Forscher Francis Schwarze und der Badener Geigenbauer Michael Rhonheimer machen sich das zunutze - um einen exquisiten Geigenklang zu erzielen. Die Pilzbehandlung sieht man einer Geige übrigens nicht an. (EF.)

Schweiz am Sonntag

Da Forschung nicht graue Theorie, sondern praxistauglich sein will, kam die Empa auf den renommierten Geigenbauer Michael Rhonheimer zu. Seine Augen funkeln vergnügt, denn er ist permanent am Suchen, Tüfteln und Experimentieren. Von Holz, Lack und natürlich vom Pilz ist die Rede. Rhonheimer interessiert diesbezüglich eine Frage brennend: «Können wir klanglich eine Violine ohne Pilz von einer mit Pilz behandelten unterscheiden?» Um das zu erfahren, baute Rhonheimer fünf Geigen: zwei unbehandelte, drei mit Pilz behandelte. Und? Rhonheimers Antwort ist sorgfältig abgewogen: «Zwei der drei ‹Pilzgeigen› sind hervorragend geworden. Das Holz ist in seinen Eigenschaften tatsächlich leicht verbessert - so wie sehr gutes Klangholz.» Dann sind die «Pilz-Geigen» klar besser, folgert die Besucherin voreilig. Rhonheimer winkt abermals mit einem Lächeln ab: So einfach sei die Sache nicht - «weil alle fünf Geigen sehr gut klingen. Aber es sind Nuancen feststellbar.»

Ob das pilzbehandelte Holz tatsächlich klangvollere Geigen liefert, ist demnach eine offene Frage. Wird sie je beantwortet? Vielleicht. Der Adrenalinspiegel der Fachwelt ist jedenfalls bereits in die Höhe geschnellt. Am 1. September wird im deutschen Osnabrück ein Doppelblindversuch stattfinden. Zwei Stradivaris werden gegen vier Rhonheimers antreten: Zwei Geigen des Badeners sind unbehandelt, zwei mit Pilz modifziert. Jeder im Fachpublikum wird die sechs hören können - doch sehen wird er sie ebenso wenig wie den Geiger, der sie spielt. Michael Rhonheimer weiss, wer ihnen hinter dem schwarzen Vorhang berückende Töne entlocken wird, doch der Name dringt nicht über seine Lippen. Etwas Geheimniskrämerei muss sein. Als ob er seines Meisters Gedanken lesen könnte, regt sich mit einem Mal Michael Rhonheimers Hund im Atelier. Den Vierbeiner, gesteht man sich seufzend ein, wird man mit nichts ködern können. Der Treue versteht ein Geheimnis zu bewahren. Es wäre nicht das erste, das er im Zusammenhang mit grossartiger Geigenbaukunst erfahren hätte.

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