"Du und ich wohnen im obersten Weinglas."(Aus: "Die Pürin")

Frau Lerch und ich treffen uns im Diana Pub in Turgi. Mein erstes Interview für meinen Artikel über die Aargauische Literatur. Ich zittere leicht, doch Frau Lerchs Herzlichkeit und Charme beruhigen meine zuckenden Nerven sofort wieder. Die erste Frage rutscht mir noch zaghaft über die Lippen, jede weitere rückt wagemutiger und unbefangener nach.

Frau Lerch, Sie sind im Aargau aufgewachsen und wohnen ja auch jetzt wieder hier. Was verbindet Sie mit diesem Kanton?

Noëmi Lerch: Da ich hier aufgewachsen bin, habe ich natürlich Familie hier und auch einen Grossteil meines Freundeskreises. Und Freundschaft verbindet. In diesem Sinne sind es vor allem die Menschen, die mich mit dem Aargau verbinden – und mein Lebens- und Arbeitsort, ein kleiner Hof oberhalb von Untersiggenthal.

Stichwort "Bauernhof": Auch Ihr neu erschienenes Buch "Die Pürin" spielt auf einem Bauernhof. Darin tragen die Tiere Namen und die Menschen nicht. Verraten Sie uns, warum?

Das hat verschiedene Gründe. Einer davon ist aber sicher, dass ich Tiere manchmal den Menschen vorziehe.

Warum?

Das lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Die Frage hat mich während meiner Arbeit am Buch ständig begleitet. Nun ist das Buch gedruckt, die Frage aber geblieben.

Was hat es mit dem Ausdruck "die Pürin" auf sich?

Ich habe allen menschlichen Figuren in meinem Buch die Namen ihrer Berufe oder Eigenarten gegeben, mit einer einzigen Ausnahme. Die Pürin steht zwischen der Welt der Tiere und der Menschen. Zwischen der Welt des Sprechens und des Schweigens. Zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Sie ist eine Art Scharnier und darum die Hauptfigur im Buch.

Sie mögen also Tiere und Menschen hier. Was schätzen Sie noch am Aargau?

Die Flüsse. Das Wasser. Die Flusslandschaften. Das ist mir vor allem auch durch die Lektüre von Hansjörg Schneiders Werk "Das Wasserzeichen" bewusst geworden… Wasser gehört zu uns Aargauerinnen und Aargauern wie die Berge zu den Walliserinnen und Wallisern. Das spiegelt sich zum Beispiel darin wieder, dass es für uns alle auch ganz selbstverständlich zu sein scheint, dass wir schwimmen können. Im letzten Sommer habe ich auf einer Alp im Tessin gearbeitet. Während meinen dortigen Aufenthalten habe ich einige Menschen kennengelernt, die nicht schwimmen können und es auch nicht weiter aussergewöhnlich finden, dass sie es nicht können.

Hansjörg Schneider… Gibt es noch andere Werke aus dem Aargauischen Literaturfundus, die Ihnen jetzt spontan einfallen und die Sie in irgendeiner Form geprägt oder die Sie gerne gelesen haben?

Ja. Einige. Allen voran wahrscheinlich das "Juramareili" von Paul Haller, das ich auf Kassette habe (vom Badener Hans Rudolf Twerenbold übrigens phantastisch gelesen). Aber mir kommen spontan auch Texte von Ruth Schweikert, Erika Burkart, Andreas Neeser oder Silvia Trummer in den Sinn…

Sie haben mir vorhin erzählt, dass Sie den angesprochenen Text, an dem Sie gerade arbeiten, auf Mundart schreiben. Ihr erster Mundarttext. Inwiefern hat dazu Paul Hallers "Juramareili" beigetragen?

Das "Juramareili" ist im Dialekt geschrieben. Zu Beginn hat sich die Lektüre deshalb als ziemlich schwierig erwiesen, aber als ich einmal drin war, wurde mir die Sprache und dadurch auch das Buch immer vertrauter. So hat mich das Mareili sehr berührt und mir auch meinen eigenen Dialekt, also die Aargauer Mundart, wieder näher gebracht. Für gewöhnlich schreibt man ja als Schweizer Autorin in Schriftdeutsch…

Was halten Sie denn von unserem Dialekt? Sprechen Sie ihn gerne?

Lange haben mir das charakterstarke Walliser- oder Berndeutsch viel besser gefallen. Aber dann habe ich eben das "Juramareili" gelesen und auch unseren Dialekt wieder entdeckt – und seine Schönheit. Es macht mir Spass in unserer Mundart zu schreiben.

Und würden Sie sich wünschen, dass Sie vom Schreiben einmal leben können?

Ich glaube, mir ist es am wichtigsten, dass ich mir beim Schreiben treu bleibe. Und vor allem auch den Texten, die ich schreibe. Mit dieser Arbeit hauptsächlich meinen Lebensunterhalt verdienen zu können, wäre natürlich sehr schön.

Ich finde es überhaupt eigentlich sehr schade, dass man als Autorin bzw. als Autor immer zuerst publizieren muss, damit Texte überhaupt wahrgenommen werden. So habe ich das zumindest erlebt. Viele tolle Literaten werden deshalb wahrscheinlich gar nicht entdeckt.

Welche anderen literarischen Werke haben Sie geprägt?

Werke von Alfonsina Storni. Corinne Bille. Friederike Kretzen zum Beispiel. Es sind Bücher, die ich immer wieder aufsuche, wie die Räume oder Zimmer eines Hauses, worin ich wohne.  

Und: Wie schreiben Sie?

Also am liebsten schreibe ich am frühen Morgen. Dann bin ich am kreativsten. Das mache ich aber natürlich nicht jeden Tag... Was ich nicht kann: Schreiben, wenn es zu hell ist oder die Sonne scheint. Das geht einfach nicht.

"Die Pürin" ist indes im Zeitraum von drei Jahren entstanden. Immer wieder habe ich daran gearbeitet. Immer, wenn mir wieder etwas in den Sinn kam. Dann habe ich mir die Gedanken erst auf ein Zugbillet – oder auf was auch immer ich gerade zur Hand hatte – notiert und sie jeweils zusammengetragen, sobald sich wieder ein Häufchen solcher Notizen angesammelt hat. Die Geschichte habe ich also nicht von A bis Z entstehen lassen, sondern mich ihr aus ganz verschiedenen Ecken angenähert und mich quasi auf sie "zugeschrieben". Manchmal erscheint es mir, dass ich meine Texte ähnlich schreibe, wie ich als Kind gezeichnet habe; quasi von den Ecken des Papiers her.

Welche Rolle spielt bei Ihren literarischen Tätigkeiten das Literaturbüro, das Sie, Eva Seck und Patric Marino zusammen gegründet haben?

Nun, natürlich realisieren wir hin und wieder gemeinsam Projekte. Darüber hinaus ist es aber auch einfach wichtig, sich untereinander austauschen und gegenseitig konstruktive Kritik geben zu können.

Noch eine letzte Frage zum Schluss. Eine persönliche. Natürlich liebe ich, Nora Marte, die Literatur im Allgemeinen, interessiere mich im Speziellen aber vor allem auch für die Lyrik. Mir fällt auf, dass viele Menschen beim Wort "Lyrik" oft das Gefühl haben, da werde etwas Altertümliches, etwas Langweiliges angesprochen… Vielleicht weil sie damit an ihre Schulzeit und die Gedichte erinnert werden, die sie damals auswendig lernen mussten. Wie stehen Sie zur Lyrik?

Lyrik ist mir sehr wichtig. Sie ist ja auch überall. Man muss sie nur sehen…

Ja, man muss sie nur sehen… "Zum Beispiel in den sich im Glas spiegelnden - von Frau Lerchs und mir unangetasteten – Pizzahäppchen, die uns serviert wurden?" frage ich mich, nachdem Noëmi Lerch aufgebrochen ist. Ich bestelle mir noch ein Glas Wein. Ich will wissen, ob in ihm auch ein Platz für mich ist.