Ukraine
Autoren-Stimme aus der Ukraine: Neben Panzern wächst der Patriotismus

Der Schriftsteller Serhij Zhadan (40) beschreibt seinen Leben zwischen Panzern, Protesten und Prügel in der Ost-Ukraine. Und er schwankt zwischen Hoffnung und Angst für seine Heimat.

Serhij Zhadan
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Proukrainische Demonstrationen in der ostukrainischen Stadt Charkiw am 13. März. Segey Kozlov/AP Photo

Proukrainische Demonstrationen in der ostukrainischen Stadt Charkiw am 13. März. Segey Kozlov/AP Photo

KEYSTONE

Meine Eltern leben im äussersten Osten der Ukraine, ungefähr 30 Kilometer vor der russisch-ukrainischen Grenze. Dieses Gebiet gehört zum Donbass (Donezk) und gilt als die Wahldomäne des ehemaligen Präsidenten Janukowitsch und traditionell als loyal gegenüber Russland und der sowjetischen Vergangenheit. Gestern rief ich sie an, fragte nach Neuigkeiten. Sie waren sehr aufgeregt, antworteten, dass an der Grenze auf unserer Seite ukrainische Panzer und viele Soldaten stehen. Die Anwohner bringen ihnen massenweise Lebensmittel und warme Kleidung. Seltsam sage ich, dass sie das alles nicht den russischen Soldaten liefern. (Ich deute damit den prorussischen Status meiner kleinen Heimat an.) «Aber nein, wo denkst du hin», sagt meine Mutter, «bei uns hier sind jetzt alle für die Ukraine.»

Etwas Ähnliches geschieht auch in der Nähe von Charkiw: An der Grenze steht ukrainisches Militär, und die lokale Bevölkerung verpflegt die Soldaten. Dabei gibt es unter den Menschen dort viele russische Staatsbürger. Diese Gegend war schon immer Grenzgebiet, und viele verdienen ihr Geld nach wie vor durch den Handel mit den russischen Nachbarn. Dennoch versorgen sie heute «ihre» Leute. Ich denke, dass in den letzten zwei, drei Wochen, nach den Ereignissen auf der Krim, sich viele Ukrainer – vielleicht sogar zum ersten Mal – der Existenz ihrer Armee bewusst wurden. Wenn man bei den Protesten auf dem Maidan an sie gedacht hatte, dann herrschte eher Vorsicht. Nach dem Motto: Hauptsache die Armee bleibt neutral, Hauptsache, die Panzer rollen nicht durch Kiew.

Jetzt ist alles umgekehrt: Die ukrainischen Panzer stehen an der Grenze, und das ist womöglich der einzige Umstand, der den ukrainischen Bürgern noch irgendeine Hoffnung vermittelt. Denn weder die neue Kiewer noch die alte Moskauer Regierung vermögen auch nur den Hauch einer Hoffnung zu wecken. Die Handlungen der Regierungen lösen vielmehr Angst, Verdruss, Empörung und Unverständnis aus. Auf dieser Grundlage entsteht bei den Ukrainern so etwas wie eine neue Welle des Patriotismus, ein Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen Land, der Teilhabe am eigenen Staat. Das ist etwas, was es in den letzten 23 Jahren nicht gegeben hat. Was es noch nie gegeben hat.

Diese Welle erhebt sich aber derzeit auch bei den Russen, und zwar nach dem Motto: Russland hat sich wieder aufgerichtet, wir haben unsere Krim zurück, und nun sind Donezk und Charkiw an der Reihe. Das bedeutet, dass ungeachtet des patriotischen Geistes, den beide Seiten teilen, sich die Ziele unterscheiden: Auf der einen Seite ist man voller Entschlossenheit, die eigene Heimat zu bewahren, auf der anderen Seite ist man nicht minder entschlossen, diese Heimat jemandem wegzunehmen. Überhaupt ist der Patriotismus eine zarte und unklare Angelegenheit; es ist einfach, jene Linie zu überschreiten, an der sich die Liebe zum eigenen in Hass gegenüber einem fremden Heimatland verwandelt. Und vor allem: Wir, die Bürger der Ukraine, werden mit den Auswirkungen eines solchen Hasses zurechtkommen müssen.

Allerdings sollten wir die Situation nicht vereinfachen, indem wir behaupten, dass es im Osten der Ukraine keine russische «Lobby» gäbe. Aktionen wie die Meetings und Demonstrationen des «Russischen Frühlings», die seit Anfang März in Charkiw, Donezk, Luhansk und in anderen Städten der östlichen Ukraine stattfinden, zeigen, dass in diesen Regionen ein Teil der Bevölkerung sich nicht nur aktiv gegen die Kiewer Regierung richtet, sondern sich zum Kreml hin orientiert. Geschickt von eben diesem Kreml, angeheizt und verstärkt durch «politische Touristen» aus Russland (die von bewaffneten Kämpfern aus angrenzenden russischen Gebieten eingefahren werden), destabilisieren prorussische Meetings bis heute die Situation im Osten der Ukraine. Die ohnehin recht hohe Konfrontationsbereitschaft in der Gesellschaft nimmt dadurch weiter zu.

Charakteristisch und sehr aufschlussreich ist folgender Punkt: In Wirklichkeit hat sich der Maidan nie gegen die restliche Ukraine positioniert. Die Initianten des «Euromaidans» protestierten vielmehr gegen die korrupte und käufliche ukrainische Regierung. Die Proteste waren also nicht gegen jene Bürger der Ukraine gerichtet, die andere politische Meinungen vertreten. Im Gegenteil: Die «Maidaner» haben gewissenhaft und konsequent die Notwendigkeit betont, dass ihre Botschaften zu Janukowitschs Wählern vordringen müssen, und zwar vor allem im Osten und Süden des Landes.

Die aktuellen prorussischen Aktionen dagegen zeichnen sich durch ein betont aggressives Verhalten gegenüber ihren Widersachern aus. Eine alternative Position, ein anderer Blickwinkel, wird in diesem Fall als brachialer Frontalangriff begriffen – im direkten Sinn. Für mich persönlich war das immer ein Beweis dafür, dass diese prorussischen Meetings und Demonstrationen von Anfang an in Auftrag geschahen und auf Provokation hin angelegt waren.

Selbstverständlich bin ich mir dessen bewusst, dass die Mehrheit der Menschen, die unter russischen oder gar sowjetischen Fahnen stehen, gewöhnliche ukrainische Bürger sind, die ihre eigene Sicht auf die Zukunft des Landes haben. Doch gleichzeitig ist für mich offensichtlich, dass die treibende Kraft dieser Proteste angelernte und manipulierte Menschen bilden, deren Ziel es ist, die Situation in diesem – für sie oftmals fremden – Land weiter zu destabilisieren und aufzuschaukeln.

Gerade durch dieses Anheizen der Ereignisse von aussen lässt sich die absolut unangemessene Aggression und Grausamkeit der prorussischen Demonstranten erklären, welche am 1. März Studierende und Aktivisten in Charkiw verprügelten, am 9. März das friedliche Meeting in Luhansk brutal auseinandertrieben, und später in einer blutigen Massenschlägerei in Donezk verwickelt waren. (Serhij Zhadan selber war unter den Verletzten in Charkiw, Anm. d. Redaktion). Man kann lediglich mutmassen, wie die weiteren Pläne der Ideologen des «Russischen Frühlings» aussehen und welchen Preis die Bürger der Ukraine für deren Taktik und Strategie zu zahlen haben.

Heute wagt kaum jemand Prognosen über die Entwicklung in der Ostukraine. Denn zu viel hängt hier von der nichtukrainischen Seite ab. In der Tat sind wir heute Geiseln fremder politischer Mächte und Machtgefüge und inadäquater politischer Reaktionen geworden. Die Situation in diesem Teil des Landes ist sehr angespannt. Die Okkupation der Krim hat vor Augen geführt, dass Russland einen ziemlich verschwommenen und relativen Rechtsbegriff hat.

In dieser Lage können sich die Ukrainer nur auf sich selbst verlassen. Dabei ist es sehr wichtig, dass wir uns endlich alle tatsächlich als Bürger eines vereinten Landes verstehen – als Bürger, die für ihre Freiheit, für ihre Unabhängigkeit und für ihre Rechte kämpfen. Denn die ukrainische Revolution hat doch genau damit begonnen.

Serhij Zhadan

Serhij Zhadan ist 1974 im Gebiet Luhansk in der Ostukraine geboren. Der studierte Germanist gilt als eine der wichtigsten literarischen Stimmen der Ukraine. Zu seinen wichtigen Romanen gehört «Anarchy in the UKR» (deutsch 2007) und Hymne der demokratischen Jugend (deutsch 2009). 2012 erschien «Die Erfindung des Jazz im Donbass» (Suhrkamp 2012). Darin schildert er eindringlich den trostlosen und gewalttätigen Alltag auf dem Land. Zhadan lebt in Charkiw, gehört zur «orangen Revolution» und wurde Anfang März verletzt. (sa)

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