Herr Özdogan, in Ihrem neuen Buch finden sich Passagen der Koran-Streitschrift von Andreas Thiel, in der die heilige Schrift der Muslime als ein einziger Aufruf zur Gewalt bezeichnet wird. Wieso?

Selim Özdogan: Ich hab mitbekommen, wie mein Kollege, der Satiriker Jens Jochimsen, die gemeinsame Tour mit Thiel abgesagt hat. Mich hat interessiert, was einen dazu bringt, so etwas zu tun, und ich kam dann relativ schnell auf Thiels Koran-Artikel, vor dem ich einigermassen fassungslos sass. Der Text hat schön illustriert, welcher Irrsinn über den Islam verbreitet wird und darum hab ich ihn mit anderen ähnlichen Texten in meinem Buch verwendet.

Herr Thiel hat sich diese Woche in der NZZ in einem Interview beklagt, dass er wegen seiner Islamkritik von Schweizer Theaterveranstaltern nicht mehr gebucht und ihm so seine Bühnenkarriere kaputtgemacht werde.

Ich hab das gelesen. Und mit einem hat Thiel recht: Es gibt eine linke Scheuklappenhaltung. Ich finde es sehr problematisch, wie sich Thiel dem Islam nähert. Den Koran lesen und dann meinen, man sei ein Experte. Aber er darf das. Kunstfreiheit wird gerade in der Künstlerszene immer nur dann beansprucht, wenn es jemanden aus den eigenen Reihen trifft. Nicht aber, wenn es um andere Meinungen geht. Wir müssen in einer Demokratie auch mal lernen auszuhalten.

Nur: Thiel stellt sich in die Rolle des einsamen Märtyrers, der es wagt, den Islam zu kritisieren und jetzt darunter leiden muss. Dabei ist Islamkritik doch längst Mainstream.

Ja, Islamfeindlichkeit ist gesellschaftsfähig geworden. Aber Reaktionen wie die gegen Thiel begünstigen das. Er fühlt sich ja jetzt in seiner Koran-Interpretation bestätigt, weil man ihn nirgends mehr auftreten lässt. Wenn ich ein Rechter wäre, würde ich mich in meiner Haltung auch bestätigt fühlen, man wird ausgegrenzt und nicht gleichberechtigt behandelt.

Sie beschreiben in ihrem neuen Buch das unterschiedliche Humorverständnis in der Türkei und in Deutschland. Trennt der Humor Kulturen?

Der deutsche Humor, der türkische Humor: Das gibt es nicht. Es gibt unterschiedliche Tendenzen. Aber wir müssen manchmal verallgemeinern, um etwas zu erfassen. Ja, Humor kann trennen, aber er kann auch genauso einen. Das ist nicht absolut.

Im Fall des Schmähgedichts von Jan Böhmermann gegen den türkischen Präsidenten Erdogan wirkte der Humor trennend.

Naja, Erdogan hat ja gar kein Humorverständnis. Der sagt: Nix ist lustig. Da greifen die Unterschiede zwischen deutschem und türkischem Humor überhaupt nicht. Aber Böhmermann ist interessant. Eigentlich hat er das ja schön gemacht. Wir haben gedacht Satire darf alles, er hat gezeigt, dass nicht alles Satire ist, was wie Satire aussieht. So hab ich jedenfalls sein Schmähgedicht verstanden. Böhmermann ist ja ein Bio-Deutscher, mit einem Satire-Verständnis, das, wenn wir sein Schaffen anschauen, in der Regel keine Schuldigen sucht, nicht moralisch argumentiert und nicht frontal angreift. Mit anderen Worten: ein undeutsches Humorverständnis. Ich mag den sehr gerne, genau aus diesem Grund.

Auffällig ist ja, dass es in der deutschen Comedyszene sehr viele populäre Künstler mit Migrationshintergrund gibt. Kaya Yanar, Bülent Ceylan und so weiter. Wieso eigentlich?

Die haben auch eine Platzhalterfunktion. Die Gesellschaft sagt: Wir nehmen euch nicht für voll, aber den Clown könnt ihr machen.

Das Publikum lacht nicht wegen, sondern über die Comedians?

Es ist ja meist ein Spiel mit Klischees und Stereotypen, das die da treiben. Wären das Bio-Deutsche, könnte man es ihnen als Rassismus ausgelegen. Aber weil Sie Migrationshintergrund haben, darf das Publikum lachen. Das finde ich als Phänomen extrem fragwürdig.

Auch Sie sind ja immer der türkischstämmige Autor. Und werden als Experte für Migrationsthemen herangezogen. Nervt Sie das?

Das kommt immer darauf an. Im Moment vermarkte ich ein Buch, das in der Türkei spielt. Da sind Türkeifragen berechtigt. Mich fragen derzeit viele Journalisten: Wie reagiert die türkische Gemeinde in Deutschland auf den Putschversuch in der Türkei. Es gibt keine türkische Community und das Bild in den Medien ist bereits gesetzt.

Wie meinen Sie das?

66 Prozent der wahlberechtigten Türken in Deutschland haben gar nicht gewählt. Aber die Medien sprechen immer von den 60 Prozent, die Erdogans Partei gewählt haben. Und dann heisst es, die Türken in Deutschland sind
Erdogan-Anhänger. 10 000 Türken an einer Pro-Erdogan-Demo in Köln zeigen doch nicht, wie die 3 Millionen Türkischstämmige in Deutschland denken.

Was bedeutet diese Vereinfachung für die Integration?

Man müsste erst einmal klären, was Integration heisst. Aber selbst wenn wir vollständige Assimilierung damit meinen, ist es ja unmöglich.

Wieso?

Wenn sie Özdogan heissen, ist es nicht möglich, assimiliert zu sein. Da verändert sich der Blick sofort. Aber das geht ja nicht nur vermeintlichen Ausländern so. Das geht auch Frauen so. Eine Frau, die in der Öffentlichkeit steht und Jeans und T-Shirt trägt, trägt nicht Jeans und T-Shirt, sondern sie gibt sich leger. Eine Frau, die ein Kleid anzieht, will chic wirken. Der Blick ist vorbelastet. Nicht nur bei Minderheiten, auch bei Frauen.

Sie haben Ihr neues Buch 2014 in
Istanbul geschrieben. War da die Repression schon spürbar?

Viele Journalisten fragen mich: Wie hat sich die Situation Ihrer intellektuellen Kolleginnen und Kollegen nach dem Putschversuch verändert? Aber die hat sich nur in der Intensität verändert. Was sich durch die Hunderttausenden von Verhaftungen verändert hat: Die Repression ist beim einfachen Mann angekommen. Es kann nun jeden treffen, auch wenn man kein Journalist oder Künstler ist.

Als Sie 6 Monate in Istanbul waren: Hat Sie eigentlich etwas überrascht?

Eine neue Erfahrung war, dass ich mich aufgrund der Sprache fremd fühlte. Ich spreche gut türkisch und falle nicht sofort auf. Aber im Alltag sagte ich dann Dinge, die mich sofort als Fremden auffliegen liessen.

Haben Sie ein Beispiel?

Der Ladenbesitzer direkt um die Ecke hat jedes Mal, wenn wir vorbeigingen, und das war oft, meiner Tochter etwas Süsses in die Hand gedrückt. Total nett. Würde in Deutschland nie passieren. Aber es ist einfach zu viel Schokolade. Also hab ich ihm irgendwann, so freundlich wie möglich, gesagt, dass wir das sehr zu schätzen wissen, aber vielleicht nicht jeden Tag. Sein Gesichtsausdruck sagte mir sofort: Fettnapf. Ich fragte dann meinen Cousin, ey, wie hätte ich es machen müssen. Er sagte: Es gibt keine Möglichkeit. Er wird es immer als Beleidigung auffassen. Nach ein paar Tagen war wieder alles gut. Aber es war trotzdem klar: Ich gehöre nicht dazu.

Selim Özdogan Wieso Heimat, ich wohne zur Miete. 248 Seiten, Haymon.