Seit 1997 sein erstes Buch «Quifezit oder Eine Reise im Geigenkoffer» erschien, hat er sich mit seinen surrealen und fantastischen Geschichten einen Namen in der Literaturszene erschrieben: der Bündner Autor Gion Mathias Cavelty. Mit dem Bestseller «Endlich Nichtleser» etablierte er sich als Enfant terrible der Schweizer Literatur. Denn welcher Schriftsteller empfiehlt schon das Nichtlesen? Nun vollendet Cavelty eine Trilogie, bei der es um die letzten Fragen gehen soll. Aber was eigentlich steckt genau hinter seinem satirischen Spiel mit theologischen, philosophischen und popkulturellen Motiven?

Herr Cavelty, Ihr neues Buch heisst «Der Tag, an dem es 449 Franz Klammers regnete». Versuchen Sie, in der Sportwelt Leser zu gewinnen?

Gion Mathias Cavelty: «Eher fahre ich nur auf einem Ski, rückwärts, nackt und mit einer Zuckerwatte im Arsch die Streif hinunter, als dass ein Sportler ein Buch liest.» Zitat aus Markus 10, 25.

Sie haben den Hang, Evangelisten zu zitieren. Was aber verbindet Sie mit dem Skifahrer Franz Klammer?

Als Zehnjähriger habe ich Franz Klammer im Fernsehen einen Berg hinunterrasen sehen. Dieser Mann kannte nichts. Er forderte alles heraus. Die Naturgesetze. Gott. Ja – wer so einen Berg hinunterrast, fordert Gott höchstpersönlich heraus. Wie Kapitän Ahab aus «Moby Dick», meine Lieblingsfigur aus der Literatur. Franz Klammer und Kapitän Ahab wollen das weisse Monster bezwingen – im ersten Fall einen schneebedeckten Berg, im zweien Fall einen Wal. Und dafür setzen sie alles aufs Spiel. Sie wollen unbedingt siegen. Der Unterschied von Franz Klammer und Kapitän Ahab ist natürlich, dass Franz am Schluss über das weisse Ungetüm triumphiert, Ahab scheitert. Franz Klammer hat sein ganzes Leben dem Motto «Ich will Schifahren und sonst nix!» (Originalzitat) untergeordnet. Wenn jemand so genau weiss, was er im Leben will, ist er erleuchtet. Das ist das, was der englische Magier Aleister Crowley mit «Do what thou wilt» meint. Und diesen absoluten Siegertyp – also Franz Klammer – wollte ich zum Helden meines neuen Buches machen.

Wo waren Sie zuletzt Skifahren?

Als Kind musste ich fast jedes Wochenende nach Disentis Skifahren gehen, weil mein Vater im Verwaltungsrat der Bergbahnen Disentis war und vergünstigte Billette bekam. Die Fahrten von Chur nach Disentis waren für mich der Horror. Wir hatten einen alten Citroën mit ganz weichen Sitzen, und mir wurde auf der kurvenreichen Strasse immer kotzübel. Und dann die Gondelbahn und das Gedränge und die Kälte. Irgendwann bin ich dann nicht mehr mit, und das wars.

Sie haben erwähnt, dass Sie im «schönen Schwamendingen» leben. Wie hat es Sie gerade dahin verschlagen?

Eines Nachts hatte ich eine Art Vision, ich solle mal das Wort «Schwamendingen» auf www.homegate.ch eingeben. Und Plopp! Mittlerweile wohnen wir schon vier Jahre hier. Ich wurde schon von der hiesigen Zunft ans Sechseläuten eingeladen, hier gibt es die besten Schnitzel der Welt und wir haben Schafe als Nachbarn. Für mich ist es nichts weniger als das Neue Jerusalem aus der Offenbarung des Johannes. Ich werde Schwamendingen in meinem nächsten Buch würdigen.

Womit wir wieder beim Buch sind. Darin reist Franz Klammer in Begleitung von Johannes dem Täufer durch die Zeit. Respektive mit dessen Kopf. Was ist genau die Mission der beiden?

Der Kopf von Johannes dem Täufer will die ganze Schöpfung ungeschehen machen und deshalb zum Punkt zurückreisen, an dem es noch nichts gab. Denn er hält die Welt für das Pfuschwerk eines minderwertigen Schöpfers, der sich fälschlicherweise für den richtigen Gott hält. Das ist gnostisches Denken, und mit den Gnostikern habe ich mich in den letzten Jahren intensiv auseinandergesetzt. Tatsächlich wird Johannes der Täufer auch heute noch von religiösen Gruppen wie den Mandäern (Religionsgemeinschaft im Irak und Iran, die Red.) als wahrer Erlöser verehrt, während Christus für sie der Erzverräter ist. Johannes der Täufer wollte seine Anhänger von ALLEM erlösen, dem ganzen Irrtum der Materie. Christus dagegen sagte: Haltet auch die andere Wange hin! Um die Reise zum Nullpunkt machen zu können, braucht der Kopf aber einen Körper – den von Franz Klammer, dem unerschrockensten Sportler aller Zeiten.

Können Sie unseren Lesern erklären, was genau ein Gnostiker ist?

Ich für mich definiere Gnosis so: Es geht um das Erkennen, dass «etwas respektive alles hier nicht stimmt». Das kann zu gefährlichen Verschwörungstheorien führen – aber auch zu brillanter Satire, und die Gnostiker sind für mich in der Tat brillante Satiriker. Wenn einem irgendeine religiöse Instanz etwas erklärt oder vorschreibt, dann fühlt sich der Gnostiker herausgefordert, dazu eine Gegenerklärung oder Gegenwelt zu erschaffen. Angefangen mit der Schlange im Paradies: Wenn die Kirche sie zum Bösen erklärt, dann will sich der Gnostiker das natürlich genauer anschauen – und wird womöglich zu anderen Schlüssen gelangen. Es ist wie im Film «Matrix»: Will jemand die blaue oder die rote Pille schlucken?

Wer ist denn Ihr Lieblings-Gnostiker?

In aller Bescheidenheit: ich selbst. Eigentlich bin ich ja Nichtleser und lese nur meine eigenen Bücher. Aber da gibt es viele tolle gnostische Schriften, zum Beispiel «Das Apokryphon des Johannes».

Ein schwieriger Buchtipp. Da erscheint beispielsweise Adam und Eva ein Adler, der ist aber Christus. Welchen Nutzen hätte der Leser, wenn er solche Werke durchackert?

Aber Herr Balzer! Sie sind doch der Bündner mit dem neunthöchsten IQ!

Danke fürs Kompliment. Immerhin unter den ersten zehn!

Bitte. Ich liebe so hermetische Werke, in denen es vor seltsamen Symbolen nur so wimmelt. Da muss man sich eben von seinem Verstand verabschieden und die Seele als Schlüssel verwenden. Interessant ist ja auch vor allem, warum bestimmte religiöse Bücher verboten wurden. Und warum es andere etwa in das Neue Testament geschafft haben.

Wieso wurden dann bestimmte Werke ausgeschlossen?

Warum stehen auf den Schweizer Bestsellerlisten nur mittelmässige Werke? Weil die meisten Schweizer Literaturkritiker nichts anderes als Literaturbeamte sind, ohne Fantasie, ohne Ahnung, letztlich Menschen voller Angst.

Was wünschten Sie sich denn von der Schweizer Literatur?

Ich wünschte mir, dass es in den Büchern einmal um wirklich etwas ginge. In den allermeisten Fällen geht es nur um endlose Beschreibungen irgendwelcher Symptome. Um die Ursachen geht es nie. Sprich: Es geht um Probleme des Lebens, des Alltags, der Realität. Wieso diese sogenannte Realität aber überhaupt existiert, fragt sich niemand. Es geht um die Beschreibungen des Labyrinths. Wer das Labyrinth aber überhaupt hingestellt hat, fragt sich keiner. Und wie weisse Mäuse rennen die meisten die Wände des Labyrinths entlang oder mit den Köpfen dagegen und gefallen sich noch dabei. Das ist unfassbar öde.

Haben sich die Menschen nicht von diesen Fragen verabschiedet, weil sie bis heute keine Antwort darauf gefunden haben?

Das wäre aber schade! Vielleicht hätten sie morgen eine Antwort gefunden. Wobei ich es da mit dem Physiker Niels Bohr halte: «Es gibt triviale Wahrheiten und es gibt grosse Wahrheiten. Das Gegenteil einer trivialen Wahrheit ist einfach falsch. Das Gegenteil einer grossen Wahrheit ist auch wahr.» Echt wahr!

Sie lesen morgen in Basel. Was interessiert Sie hier besonders?

Also, ich finde den Baslerdialekt bei Frauen ja irrsinnig erotisch. Dann bin ich seit kurzem komplett Tattoo-süchtig, und mein Lieblings-Tätowierer ist der Stefan von Saintnoir Tattoo an der Elsässerstrasse. Die Uhrenmesse Baselworld ist super. Auf meinem Pult stehen die drei Basler Ehrenzeichen Leu, Wild Maa und Vogel Gryff aus Keramik, weil ich die einfach interessant finde. Martin J. Meier, ein Churer wie ich, malt seit Jahrzehnten in Basel fantastische Bilder. Von Almi & Salvi bin ich auch Fan. Tja, das ist das, was mir grad so spontan einfällt.