Etwa acht Übersetzungen habe er schon gemacht, sagt Alex Capus, und verweist auf Google- und Wikipediaeinträge. Einige Romane von John Fante sind darunter und «die grossartige, herrliche» «Verschwörung der Idioten» von John Kennedy Toole. Auf Anfrage des Kampa-Verlags hat er nun James M. Cains Klassiker «The Postman Always Rings Twice» neu übersetzt. Die Arbeit des Übersetzens erfordert grosse Demut, sagt Capus.

Herr Capus, wieso muss man Cains Krimi von 1932 heute noch lesen?

Alex Capus: Grundsätzlich gibt es in der Literatur keine Obligatorien. Und James M. Cain war ganz sicher nicht einer der ganz grossen Autoren, an die sich kommende Generationen werden erinnern müssen. Wer sich aber für die Hardboiled-Romane von Hammett und Chandler interessiert, wird in Cain einen originellen, wenn auch ein wenig randständigen Autor entdecken. «Der Postbote» ist mit Sicherheit sein mit Abstand bester Roman, der vor allem dank der Hollywood-Verfilmungen in den Kanon der amerikanischen Pop-Literatur eingegangen ist. Die beiden Helden sind in unserem kollektiven Gedächtnis haften geblieben, da sie Archetypen sind für den entwurzelten, amoralischen, narzisstischen, egoistischen Underdog des 20. Jahrhunderts, der nur materielle Werte anerkennt und über Leichen geht, um sich diese unter den Nagel zu reissen. Darin liegt die Bedeutung dieses Romans, gewiss nicht in seiner literarischen Qualität.

Was schätzen Sie an der amerikanischen Populärkultur?

Die USA des 20. Jahrhunderts haben uns vor allem Geschichten geschenkt. Die US-amerikanische Literatur von Sherwood Andersen über Hemingway und Steinbeck bis zu Roth, Updike, Carver bis zu Salter, Yates, Fox und Franzen ist zuerst und vor allem Storytelling. Auch Hollywood erzählt mit seinen Filmen Geschichten, und auch der Blues und der Rock ’n’ Roll erzählen Geschichten.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, das Buch zu übersetzen?

Erstens, weil der Kampa-Verlag mich darum gebeten hat, und zweitens, weil ich gute Erinnerungen an die grossartige Verfilmung mit Jack Nicholson und Jessica Lange hatte. Und drittens, weil ich mich stets darüber geärgert habe, wie grundfalsch der Titel ins Deutsche übersetzt wurde. Im Original heisst es «The Postman always rings twice», weil die beiden ein erstes Mal mit ihrem Mord davonkommen, im zweiten Anlauf der Mann dann aber verurteilt wird für einen Mord, den er gar nicht begangen hat. Zudem heisst es auf Deutsch «Postbote», nicht Postmann. Im ganzen Roman kommt übrigens kein Postbote vor, und geklingelt wird auch nie.

Was war das Kniffligste für Sie bei dieser Übersetzung?

Die grösste Herausforderung ist es bei jeder Übersetzung, im Deutschen einen Ton zu finden, der mit dem Original kongenial ist. Unmöglich zu übersetzen ist im Grunde Slang, in diesem Fall der Westcoast-Slang der Dreissigerjahre. Wenn man diesen in einen deutschen Slang – welchen auch immer – überträgt, kann das nicht anders als lächerlich klingen. Ich finde, man bescheidet sich dann besser mit korrektem Deutsch und nimmt in Kauf, dass das Kolorit des Slangs verlorengeht.

Wieso bleibt ein Originaltext bestehen, während die Übersetzung eine kürzere Halbwertszeit hat?

Tolstois «Anna Karenina» im russischen Original bleibt immer «Anna Karenina» im russischen Original, da wird es doch keinem Russen einfallen, Tolstois Russisch ein bisschen zu verbessern. Hingegen sind sämtliche Übersetzungen von «Anna Karenina» selbstverständlich Interpretationen des Originals, und die Interpretation steht stets im Kontext ihrer Zeit und ist alles andere als unantastbar. Deshalb ist es notwendig und gut, dass jede Epoche aufs Neue die Klassiker in einer Weise neu übersetzt, die ihr gemäss ist.