Das klassische Hollywood-Kino liesse diese Geschichte mit den pathetischen Worten einer tiefen, tiefen Männerstimme anklingen: Waren Sie ein Mythos oder gab es sie wirklich, die Jahrtausende alten ägyptischen Städte Herakleion, Thonis und Kanopus? Die legendären Orte also, in denen Paris und die schöne Helena, Kleopatra und Alexander der Grosse wandelten?

«It was one man’s quest to find the truth». Etwa so würde diese Stimme das Intro schliessen.
Franck Goddio heisst der Mann, der 1983 sein geregeltes Leben als gefragter Finanzexperte hinschmeisst. Er lehnt das neuste Jobangebot der Weltbank ab und widmet stattdessen seine ganz Zeit und Energie, sein Leben, der Suche nach den letzten grossen Geheimnissen der Menschheit.

Und diese liegen unter Wasser. Es ist also ausgerechnet ein Statistiker und Mathematiker, ein Mann des Rationalen, der an die Echtheit dessen glaubt, was er in Herodots Schriften liest, der glaubt, was viele andere Wissenschafter bezweifeln: dass es zwei bis drei antike ägyptische Städte in der Nähe Alexandrias gibt. Und er glaubt, dass diese am Meeresgrund geborgen werden können.

Erfand neue Geräte für Bergung

«Warum hätte Herodot lügen sollen?» Vorgestern, rund 34 Jahre später, treffen wir den inzwischen fast 70-jährigen Franck Goddio im zweiten Untergeschoss des Museums Rietberg in Zürich. Zwischen Götterstatuen, Sphinxen, Mumien-Wesen, Kultgegenständen; zwischen fast 300 antiken Objekten von unbezahlbarem Wert – darunter 250 von seinem Team unter Wasser geborgen –, zwischen den Tatbeweisen seines jahrzehntelangen Unterfangens.

Prächtig ausgestellt stehen diese Artefakte nun da, in dunkeln, hohen Räumen, zwischen blauen und roten Stellwänden präzis ausgeleuchtet. Sauber, manierlich und trocken im edlen Museum.

Wie anders war es, sie zu bergen! «Es ist ein Albtraum, vor der Küste Alexandrias zu tauchen», sagt Franck Goddio. Hitze an Bord, hohe Wellen, dreckiges Salzwasser. So muss man sich das vorstellen. Das infrage kommende Gebiet, die Bucht vor Alexandria, messe rund 10 auf 11 Kilometer. Und die Objekte lagerten nicht etwa brav auf dem Meeresgrund, sondern bis zu 40 Zentimeter darunter, verborgen in Schlick und Schlamm.

Darum hat es vor Franck Goddio auch keiner geschafft, diese Schätze zu finden! Und auch Goddio, der, wie er erzählt, seit seinem ersten Ägyptenbesuch von 1984 davon träumte, musste zunächst die Geräte erfinden, die eine solche Expedition überhaupt realistisch machten.

Er hat eigens dafür ein modernes Unterwasserkartographie-Verfahren entwickelt. Mit einem Magnetometer erfasst der Forscher Schwankungen im Erdmagnetfeld. Wo es ausschlägt, wird getaucht.

Jahre dauerte die Vorarbeit. Wochen die Suche vor Ort. Es muss ein unglaublicher Moment gewesen sein, als Goddio und sein Team zum ersten Mal auf etwas Konkretes stiessen, etwas, das seine Theorien praktisch untermauerte: Bearbeitete Steine, ein Stück Mauer. 57 Meter gehe es so weiter, gab das Gerät an. So tauchten sie noch mal, 57 Meter weiter östlich. So entsteht Tauchgang um Tauchgang ein präziseres Bild der Stadt.

Wie es wohl gewesen sein muss, als erstmals wohlerhaltene Objekte zum Vorschein kamen? Wie glücklich müssen sie gewesen sein, als sie den Gott Hapi, eine 5,4 Meter hohe Kolossalstatue, vom Schiff aus mit einer Art Kran aus dem Wasser zogen? Oder als die elf Meter lange Holzbarke auftauchte? Der Horus auf den Krokodilen! Die Nilpferdgöttin! Die Osiris-Kapelle! Die Bronzestatuetten! Artefakte einer komplexen, reichen Kultur, die jahrhundertelang nur die Fische sahen – oder nicht einmal die.

Franck Goddio

Franck Goddio

Mehrtausendjährige Rätsel gelöst

Über jedes einzelne Objekt könnte Franck Goddio Stunden erzählen. Der Unterwasser-Archäologe ist auch ein ernstzunehmender Ägyptologe. Eines seiner liebsten Fundstücke ist eine intakte Stele aus schwarzem Granit. Mit dem Zeigefinger fährt Goddio einigen Hieroglyphen entlang hinunter: «Ich bin der grösste König des Universums», tat der Pharao Nektanebos I. da im Jahr 380 v. Chr. ohne falsche Bescheidenheit kund.

Bestimmungen über Zollabgaben auf alle Güter, die das «Meer der Griechen» passieren, hält diese Tafel «auf ewig» fest. Sie sei «in der Stadt mit Namen Thonis» aufzustellen. Die Forscher hatten sie in Herakleion gefunden – und waren auf der Suche nach einer weiteren Stadt namens Thonis. Doch jetzt war klar: Herakleion und Thonis waren ein und dieselbe Stadt, waren Synonyme. «Die Stele hat ein 2000-jähriges Rätsel gelöst», sagt Goddio.

Herakleion-Thonis war ein riesiges Hafengebiet, überragt von Weihestätten für die Götter. Ihre Entdeckung wirft unter anderem ein neues Licht auf die Rolle Ägyptens im internationalen Handel: Das Land war in der Antike ein viel wichtigerer Handelspartner als zuvor angenommen. Etwa um 750 gingen diese Städte unter – sie standen auf sinkendem, lehmigen Grund; Erdbeben und Sturmfluten dürften ihnen den Rest gegeben haben.

Damals nur Priester eingeweiht

Ein weiteres grosses Geheimnis birgt der Kult um den Gott Osiris, auf den die Ausstellung fokussiert (vgl. Text rechts). Alljährlich sei ihm zu Ehren «die geheimste Zeremonie, die es je gab», durchgeführt worden, sagt Franck Goddio. Nur Priester durften dabei sein – und nie einem Menschen irgendetwas darüber erzählen.

Spezielle Barken aus dem Holz der Sykomore, des Baums des Lebens, geleiteten wohl symbolisch den Gott des Körpers von einem Tempel zum anderen – das Abbild in Echtgrösse eines der gefundenen Boote zeugt davon.

Inzwischen können wir mehr über diese komplexe Zeremonie wissen als die damaligen Ägypter. Denn dem durchschnittlichen Bürger war es nicht erlaubt, die heiligen Stätten je zu betreten. «Heute zahlen wir ein paar Dollar und können rein», stellt Goddio fest. Inschriften auf einer Kapellenwand geben wertvolle Hinweise auf die damaligen Rituale.

An den Grenzen des Möglichen

Dieses See-Abenteuer hat alle an die Grenzen gebracht: den Entdecker, die Tauchcrew, womöglich die ägyptischen Behörden und schliesslich auch das Rietbergmuseum. Es ist die teuerste, aufwendigste Ausstellung, die das Haus je stemmte, wie dessen Direktor Albert Lutz sagt.

Allein der Transport eines lebensgrossen, zwei Tonnen schweren Stiers aus Basalt zu seinem Platz in der Ausstellungsmitte war ein Kunststück. Die drei grössten Statuen sprengen das Mass des Museums gar ganz; sie stehen nun auf dem Vorplatz, in einer eigens dafür konzipierten durchscheinenden Hülle, wo sie abends beleuchtet werden.

Was hofft Franck Goddio noch zu finden? Noch sehr viel! «Ich gehe davon aus, dass wir erst 5 Prozent ausgegraben haben.» Doch weil man schon viel wisse, sei man inzwischen viel effizienter, finde immer schneller immer mehr. «Jedes Jahr mehr als im Jahr zuvor.» Es wird noch viele Ausstellungen rund um diese Funde geben. Oder wie es eine tiefe Stimme in einem bereits existierenden Dokfilm darüber formuliert: «There is no end of what you can learn.»

Weitere Informationen und ein Video zur Ausstellung finden Sie unter www.osiris-zuerich.ch

Der zerstückelte Gott

In 14 Teile gehauen und wieder belebt: Der faszinierende Gott Osiris steht im Fokus
der Ausstellung. Er beweist: Die Liebe ist stärker als der Tod.

Ein 4000 Jahre alter Mythos besagt, dass Osiris, Sohn der Erde und des Himmels, von seinem eifersüchtigen Bruder Seth getötet worden ist. Um auf Nummer sicher zu gehen, zerstückelte Seth Osiris in 14 Teile und warf sie in den Nil. Doch seine ihn liebende Schwester Isis suchte die Leichenteile, setzte sie zusammen und erweckte ihn wieder zum Leben. Gleich im Anschluss zeugte sie mit ihrem Bruder und nun Gemahl ein Kind, den Gott Horus. Horus wurde zum ersten Pharao von Ägypten.
Ein Herzstück der Ausstellung zeigt «Osiris auf dem Totenbett», eine schwarze Diorit-Skulptur aus der 13. Dynastie. Es ist eines jener Objekte, die noch nie vor dieser Wanderausstellung ausserhalb von Ägypten gezeigt worden sind – und nur dank Franck Goddios guten Beziehungen zu Ägypten nun auch in Zürich stehen. Wir sehen Osiris in einer Art Dreifaltigkeit: getötet, wiederauferstehend und seinen Sohn zeugend. Vier Falken, die Horus symbolisieren, schützen den Körper des liegenden Vater-Gottes Osiris. Gleichzeitig findet Horus’ Zeugung statt.

Abstraktes und Konkretes vereint

Osiris ist der Gott des Ackerbaus, der Zivilisation, der Fruchtbarkeit. Seine zerstückelten Leichenteile und ihr Zusammenkommen symbolisieren die Überflutung der Felder durch den Nil. Zieht sich dieser wieder in sein Flussbett zurück, können die fruchtbar gemachten Äcker bestellt werden. Nur diese alljährliche Überflutung sicherte das Leben in Ägypten.

Osiris ist auch ein faszinierendes Beispiel dafür, wie die alten Ägypter Abstraktes und Konkretes zusammenführen und zusammen denken konnten. Und auf wie vielen Ebenen jede Legende, jeder Gott funktionierte: Osiris gilt auch als die erste Mumie. Sein Körper wird nach dem Tod zu neuem Leben überführt, sein Körper wird mumifiziert. Folgerichtig ist Osiris auch der Meister der Unterwelt.

Bei den Osiris-Mysterien wird die Mumifizierung des Gottes rituell nachgespielt. Sein Tod wird betrauert, seine Wiedergeburt gefeiert. Die Felder trocknen allmählich aus und werden wieder bewässert. In Scheinmumien, «Osiris vegetans», kommt beides kongenial zusammen: Eine Osiris-Figur aus Erde und Getreide wird in eine Art Sarg gelegt: und beginnt alsbald zu keimen.

Wohl kaum zufällig erinnert Osiris’ Auferstehung nach dem Tod an jene Jesu. Auch die Figuren von Isis mit ihrem Kind Horus als Baby sind Vorläufer der Ikonografie von Maria mit dem Kind Gottes. Franck Goddio nennt als eine der essenziellen Botschaften dieser Jahrtausende alten Kultur: «Die Liebe ist stärker als der Tod.»