Ernst Ludwig Kirchner

Aussen Architekt, innen Künstler

Kunst oder Architektur? Kirchners «Schlösschen für einen Kunstliebhaber».zvg

Kunst oder Architektur? Kirchners «Schlösschen für einen Kunstliebhaber».zvg

Bevor aus Ernst Ludwig Kirchner der grosse Expressionist wurde, hat er Architektur studiert. Die Riehener Galerie Henze & Ketterer zeigt die Zeichnungen dazu.

Gewisse Menschen tendieren dazu, Künstlern der Moderne ihr Talent abzusprechen. Vor dem Picasso proklamieren sie: «Das könnte meine Elfjährige besser!», vor dem Pollock heisst es: «Sieht aus, als hätte mein Vierjähriger seine Malunterlage an die Wand gehängt». Auch die Bilder Ernst Ludwig Kirchners sind vor trotzigen Äusserungen nicht gefeit: «Violette Schatten!? Darauf wär ich jetzt aber auch noch gekommen.»

In solchen Momenten tut es gut, den Besserwissern Frühwerke vor die Nase zu knallen. Picasso malte schon als Dreizehnjähriger perfekte Ölbilder. Pollock wurde im zarten Alter von siebzehn an der renommierten Arts Students League of New York angenommen. Und Kirchner? Der konnte Häuser zeichnen. Bevor er mit Kommilitonen die Künstlergruppe «Brücke» gründete und zu einem der berühmtesten Vertreter des Expressionismus wurde, studierte er nämlich Architektur an der Königlich Sächsischen Technischen Hochschule in Dresden. Das wissen wenige, denn Kirchner hat nach seinem Diplom nie als Architekt gearbeitet.

Jeder Strich sitzt

Dabei hätte er durchaus Talent gehabt. Die Galerie Henze & Ketterer in Riehen zeigt Zeugnisse davon: Saubere, akademietreue Zeichnungen, jeder Strich sitzt, die straffe Ausrichtung des Studienplans drückt durch. Hier hat einer genau befolgt, was von ihm verlangt wurde – mehr aus Verantwortungsgefühl als aus Leidenschaft. Das Studium sei der Wunsch seiner Eltern gewesen, erzählt Galerieassistenz Laura Heyer, wirklich mit Herzblut sei Kirchner wohl nie dabei gewesen.

Wer genauer hinschaut, entdeckt in den Zeichnungen aber doch den einen oder anderen kleinen Ausbruch. Hier ist dieses Frühwerk am schönsten: Wenn Kirchner eine Figur in wehendem roten Mantel auf die Treppenstufen eines wunderbaren Museumsentwurfs stellt, heissen Dampf aus einer Tasse in einem Jugendstil-Interieur steigen lässt oder den Himmel über einem «Schlösschen für einen Kunstliebhaber» gelb einfärbt. In diesen Momenten ist der aufkeimende Sinn für Kunst jenseits des starren Stundenplans zu spüren. Noch kein Aufbocken, aber eine leise Ahnung, dass dieser Student wohl nicht sein Leben damit verbringen wird, hübsche Gebäude zu entwerfen.

Die Ahnung bestätigt sich im Untergeschoss der Galerie: Hier ist die Diplomarbeit des damals 24-Jährigen ausgestellt, ein aufwendiger Entwurf einer Friedhofsanlage. Komplett mit Parentations- und Leichenhallen, Terrassen mit Columbarien, Brunnen, Rampen, Urnennischen, Felsengräbern und Gärtner- und Direktionswohnungen.

Mit diesem ambitionierten Friedhofsentwurf begrub Kirchner seine noch nicht einmal begonnene Karriere. Im selben Jahr gründete er mit Erich Heckel und Karl Schmitt die «Brücke» und schnitt ein Jahr später ihr Manifest in Holz: «(...) Als Jugend, die die Zukunft trägt, sollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften.» Er sollte Wort halten: Kirchner kehrte nie zum traditionellen Beruf des Architekten zurück.

Ernst Ludwig Kirchner Die gesammelten Architekturzeichnungen. Bis 16. Februar 2019, Galerie Henze & Ketterer, Wettsteinstrasse 4, 4125 Riehen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1