Leonard Cohen brannte zeit seines Lebens – für die Frauen, wird man sogleich einwerfen wollen. Ja. Aber in ihm brannte auch eine Flamme für die Dichtung. Als er vor rund 50 Jahren als Singer-Songwriter die Bühnen erklomm und mit seinem Erstlingsalbum «Songs of Leonard Cohen» Furore machte, hatte er sich schon ein ganzes Jahrzehnt als Schriftsteller durchgeschlagen. Nachdem er 1956, noch als Student, mit einem Lyrikband debütiert hatte, folgten mehrere Romane, und es war der schiere Erfolg, den Cohen mit seinem reduzierten Folksong-Stil schlagartig erzielte, der ihn bei der Musik behielt, obwohl er sich sein Lebtag lang zur Dichtung berufen fühlte. In den 1970er-Jahren hielt er einen Rückzug aus dem Business keine 12 Monate durch; in den 1990ern dann immerhin fast das ganze Jahrzehnt.

Mit dem Album «You Want It Darker» hat sich Cohen 2016 von der Welt verabschiedet. Er starb zwei Wochen nach der Veröffentlichung. Dass nun posthum auch noch eine literarische Blütenlese erscheint, die er in seinen letzten Lebenswochen noch mit vorbereitet haben soll, ist also durchaus folgerichtig. In deren Genuss kommen dank der zeitgleich erscheinenden zweisprachigen Ausgabe auch Cohens deutschsprachige Fans. Der Band enthält 63 unveröffentlichte Gedichte, die er selbst ausgewählt hatte, sowie eine Auswahl an Notizbucheinträgen, die offenbar einer gigantischen Materialfülle entnommen wurden. Dazwischen sind die Gedichte wiedergegeben, welchen den Lyrics von Cohens letzten vier Alben zugrunde liegen.

Los geht es mit zwei Zeilen, die man ihrem Urheber nur mit viel gutem Willen abnehmen wird: «I was always working steady / But I never called it art». Cohens Arbeit keine Kunst? Seine Lyrik, die er in der Tradition Federico García Lorcas sah, kann kaum gemeint sein; und auch seine Zeichenkunst – die krakeligen Selbstporträts hat man nicht von dem Band fernhalten können – hat er einst durch eine Ausstellung adeln lassen. Aber Cohen wird sich doch nicht als Sänger kleinmachen wollen! Das Eröffnungsstück «Happens to the Heart», kurz vor seinem Tod entstanden, ist ein rhythmisches, liedartiges Gedicht. Mit vielen anderen aus dem Band zeigt es, wie Cohens Songwriting aus einer Lyrik entstanden ist, die beansprucht, für sich selbst stehen zu können.

Die stille Lektüre fällt ab

Neben Cohens Künstlerdasein ist Cohens libidinöses Dasein zentrales Thema des Bandes. Für seine unstillbare Sehnsucht nach sexueller ebenso wie nach romantischer Vereinigung mit Frauen stehen die wiederkehrenden Motive von geöffneten Schenkeln und verschlossenen Herzen. Der Titel «When desire rests» zeigt an, dass es selten genug vorkommt, dass «das Begehren ruht» und Gelegenheit für ein feinsinniges Gedicht da ist, das wohltuend heraussticht. Ruhe gesucht hat Cohen zwischenzeitlich als Mönchslehrling bei einem Zen-Meister. Auch die buddhistischen Lektionen finden ihren Eingang in die Gedichte. Doch Cohen ist Jude, und das Jüdische in seinem Schaffen und Empfinden dringt mit zunehmendem Alter stärker durch. Seinen Gott schreibt er konsequent ohne Konsonanten, als «G-tt» («G-d»).

Die Mehrzahl der Gedichte ist mit der trockenen Melancholie und trotzigen Untröstlichkeit übergossen, in der auch die meisten von Cohens Platten gebadet sind. Was gewiss schon beim Hören eine Frage des Geschmacks ist, ist dies noch mehr, wenn es schwarz auf weiss unter dem Auge stillsteht. Dabei kann Cohen durchaus auch selbstironisch: «Nicht, dass es mir gefällt / in einem Hotel zu leben / an einem Ort wie Indien / und über G-tt zu schreiben / und Frauen nachzulaufen», sinniert er, um lapidar fortzufahren: «It seems to be / what I do». Solche vereinzelte Miniaturen belohnen die Beschäftigung mit der «Flamme», doch über weite Strecken fällt die stille Lektüre von Cohens Lyrics gegenüber seinen stimmungsvoll vertonten Aufnahmen ab und wird nicht dazu dienen können, dem Charisma des Sängers auf die Schliche zu kommen.

Dies trifft besonders auf die deutsche Fassung zu. Übersetzt wurde «The Flame» (möglicherweise aus Termingründen) von einem ganzen Stab von Übersetzern, mit dem Resultat grosser Uneinheitlichkeit und durchzogener Qualität. Einmal wird der Rhythmus und Liedcharakter durchgezogen und ein hoher Preis in der semantischen Präzision in Kauf genommen; ein andermal wird fast eine Interlinearversion geboten, die kaum um klangliche Entsprechung mit dem Original bemüht ist. Eine Ausnahme ist etwa «On Rare Occasions», ein schönes Parlando-Stück, ebenso schön übersetzt von Ron Winkler.

Skelette von Folksongs

Überhaupt sind die meditativen, frei gedichteten Stücke eine willkommene Abwechslung im Singsang der Folksong-Blaupausen. Denn darum, um Skelette von Folksongs, handelt es sich bei Cohens lyrischem Werk im Wesentlichen, wie ein Blick in den zweiten Teil des Bandes mit den Albumtexten zeigt. Die dedizierten Song-Texte sind freilich noch stärker auf klangliche Eingängigkeit getrimmt. Die meisten Reime sind mehr als vorhersehbar: light/night, alone/stone, feel/heal, shame/flame, sin/skin, free/me.

Wer schliesslich in den Notizbucheinträgen das ganz Andere erwartet, wird enttäuscht. Auch die Notizbücher, Zettel und Servietten, die er sein Leben lang vollkritzelte, enthalten kurzzeilige Verse, die man sich gut als Versuche und Entwürfe von Songtexten vorstellen kann. Allein, hier taucht – neben Betrachtungen zu seinem besten Stück – auch viel Triviales auf: «Ich sitze in einer Bar in Genf / oder in Zürich / ich weiss nie wo / …» Poetischer und luzider mutet eines der letzten seiner Notate an: «Ich bin alt geworden / auf Hunderte Arten / doch mein Herz ist jung / & es singt noch immer / über die Liebe / über den Tod.»

Leonard Cohen, «Die Flamme – The Flame», (Kiepenheuer & Witsch) 352 Seiten.