Kunst

Auf Welt- und Zeitreise mit Germaine

Die bewegte Biografie von Germaine Winterberg wird im Kunsthaus Baselland auf betörende Weise erzählt.

Am Anfang stand eine Frage: Wenn der Himmel im Jenseits nur für Katholiken reserviert ist, was geschieht dann mit allen anderen Menschen, die nicht getauft sind? Germaine Winterberg stellte sie als kleines Mädchen ihrem Pfarrer. Seine Antwort: Die hätten dort eben keinen Platz, aber sie solle für die Ungläubigen beten. Worauf Germaine nächtelang für die Armseligen hinkniete, bis ihr klar wurde, dass dies Quatsch sei und der Pfarrer ein Schwindler. «Ich war als Mädchen sehr religiös», sagt Germaine heute. «Eigentlich war es ein Glück, einem so dummen Pfarrer begegnet zu sein.»

Das Kreuz des Katholizismus nahm sie damals schon von der Wand, die Suche nach Spiritualität aber blieb. Diese hat die Baslerin zur Weltreisenden gemacht. Am Ende dieser Reise, zum 80. Geburtstag, beginnt sie am Küchentisch ihrer Freundin Maria Anna Mathis ihr Leben zu erzählen. Diese holt ihre Schwester Muda Mathis und deren Partnerin Sus Zwick ins Boot. Die Künstlerinnen beschäftigen sich schon lange mit Formen der Erinnerung und mündlichem Erzählen. Gemeinsam mit Mudas Bruder, dem Dokumentarfilmer Hipp Mathis, zeigen sie nun im Kunsthaus Baselland «L’univers de Germaine».

Germaine tanzt. Germaine zeigt ihre Beine, spielt mit der schlaffen Haut an ihrem Bauch. Germaine spannt ein Tonband ein, luftige Stoffe fliessen, maghrebinische, indische und elektronische Rhythmen geben den Takt vor. Begleitet von den Performerinnen Maria Anna Mathis und Fränzi Madörin umspielt Germaine Winterberg die Themen ihres Lebens: Musik, Bewegung, Textilien, Tanz und befreite Körperlichkeit. Die Videomontage im ersten Raum ist der Prolog zu dieser dreiteiligen Ausstellung.

Zum Epilog im hintersten Raum lädt das Videoporträt von Hipp Mathis. Der Film fasst wichtige Stationen und Statements aus dem Leben von Germaine zusammen. Kindheit und Jugend in den Dreissiger- und Vierzigerjahren in Basel. Der Ausbruch aus der bürgerlichen Welt mit ihrem Mann Sigi Mitte der Fünfziger. Ihre Ehe, die 60 Jahre lang gehalten hat, obwohl Germaine ihre Reisen meist ohne Siggi machte. «Für uns galt: nur keine Zweierkiste. Wir haben von anfang an eine offene Ehe gelebt. Das braucht Disziplin und ist nicht etwas für jedermann und -frau. Die Monogamen sollen monogam leben, die Polygamen polygam.»

Germaine Winterberg hat in vielerlei Hinsicht ein nonkonformes Leben geführt. Sie war eine Reisende wie Annemarie Schwarzenbach, ein Hippie, bevor diese zur Mode wurden, eine selbstständige Frau, bevor es das nationale Frauenstimmrecht gab. Ein frei schweifender Geist, und doch geerdet. Mutter zweier Söhne, Textilassistentin im Völkerkundemuseum, am Basler Lehrerseminar zuständig für aussereuropäische Textilkunst.

Mitte der Siebzigerjahre verliert Ehemann Siggi seine Arbeit als Hochbauzeichner. Das Paar eröffnet die Orientboutique «Indigo» im Gerbergässlein in Basel. Germaine ist während über 20 Jahren für den Einkauf zuständig. «Insgesamt war ich fünf Jahre meines Lebens in Indien. Zwei ganze Jahre im Maghreb.» Der Dokumentarfilm fasst dieses reiche Leben in 25 Minuten zusammen und ist eine gute Vorbereitung auf die zentrale Kammer in Germaines Universum.

Im Sog der Erzählungen

Im mittleren Raum laden bequeme Schaukelstühle mit Kissen und Kopfhörern zum Verweilen. Sieben Projektionen laufen simultan, 30 Episoden werden präsentiert, Geschichten aus Germaines Leben, erzählt von ihr selbst. Fünf Stunden aus insgesamt 19 Stunden Material sind hier zu einem vielstimmigen Porträt montiert (siehe Kasten). Die Künstlerinnen haben über den Zeitraum von zwei Jahren aufgenommen und gesammelt. Zuviel, könnte man meinen. Aber Germaines Universum entwickelt einen derartigen Sog, dass schon zwei Stunden wie im Flug vergehen. Das liegt nicht nur an ihrer Suggestionskraft und an den geistreichen Geschichten, sondern auch an einem geschickten Kunstgriff.

Kaum taucht der Zuhörer in eine Story ein, sieht er die Titel anderer, die noch zu hören wären. «Zehn Gebote, um überall gut zu schlafen», «Besuche in Striptease-
lokalen», «Begegnung mit Ratten», «Pissstopp, Afghanistan», «Trekking mit Bauchgrimassen» oder «Wie halte ich mir aufsässige Männer vom Leib». Ein Füllhorn an Verlockungen.

Das Leben als spirituelle Reise

Germaine erzählt beispielsweise, wie sie in den Sechzigerjahren den Maghreb alleine bereist, im Gepäck ein schweres Tonbandgerät, um die extatische Musik der Sufis zu dokumentieren und selbst tanzend in Trance zu verfallen. Sie berichtet von ihren Besuchen in den Textilwerkstätten von Neu-Delhi, von der Webkunst der Berber-Frauen in Südtunesien, von ihrer lebenslangen Faszination für Magier, Heiler und Zauberer.

Germaine begibt sich mit einem 93-jährigen indischen Aghori, einem spirituellen Meister, auf mehrwöchige Wanderschaft, verbringt in Thailand zwei Wochen in einem Dunkelraum eines taoistischen Lehrers, beginnt auf Ratschlag ihrer Söhne mit 60 Jahren zu raven, hat mit 62 ein Erweckungserlebnis auf LSD. «Keine Angst vor neuen Erfahrungen haben», ist ihr Credo bis heute.

«Ich habe nie Tagebücher geschrieben», erzählt Germaine bei einer Führung durch die Ausstellung. «Viele dieser Geschichten habe ich zum ersten Mal erzählt. Sie entspringen dem reinen Erinnerungsvermögen. Mir ist über das Projekt Vieles klar geworden von meinem Leben.»

«L’Univers de Germaine» ist denn auch ein äusserst interessantes Beispiel dafür, wie eine Biografie in all ihren Facetten aufgearbeitet werden kann. Bedingung dafür ist jedoch, dass jemand sich getraut, so schonungslos offen über sein Leben zu reden.

Im «Epilog» erzählt Germaine, wie die Demenzerkrankung ihres Mannes sie Ende 2017 an den Rand ihrer Kräfte bringt, wie sein Tod, kurz nach Beendigung der Aufnahmen eine schmerzliche Lücke in ihr Leben reisst. «Was will das Schicksal von mir?», fragt sie. Germaine nimmt den Schmerz als Herausforderung. «Mein Mann ist gestorben. Jetzt muss ich die Leerstelle neben mir selbst füllen. Ich darf mich noch einmal neu erfinden.»

«L’univers de Germaine» Muda Mathis, Sus Zwick und Hipp Mathis. Bis 7. Januar, Kunsthaus Baselland.

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