«Schaut euch die beiden Frauen an. Was seht ihr?» Iris Kretzschmar steht vor einer Gruppe von rund einem Dutzend Frauen und lächelt ermunternd. Nur keine Scheu. Hinter ihr hängt Alberto Giacomettis «Caroline» von 1962 – ein Bild, das nichts mit den Abbildungen von Frauen zu tun hat, die man üblicherweise in Museen sieht.

Eine sitzende Figur, die den Betrachter direkt anschaut, das Gesicht ganz dunkel vor lauter Pinselstrichen. Ist das wirklich eine Frau? An der Kleidung lässt sichs nicht ausmachen, sie trägt ein grobes braunes T-Shirt.

«Das Individuelle steht nicht im Vordergrund», sagt eine Frau in der Gruppe, «und doch ist das Bild sehr intim.» – «Aber es ist eine Intimität, die nicht vom Körperlichen ausgeht. Die Frau steht nicht als solche im Vordergrund, sie wird nicht sexualisiert», sagt eine andere Teilnehmerin. Kretzschmar nickt erfreut. Hier kann man ansetzen.

Der Mensch im Zentrum

Seit August 2018 bietet die Kunstvermittlerin mit «Inspired by her» Führungen im Kunstmuseum Basel an, die sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Frauen in der Sammlung des Kunstmuseum Basel vertreten sind. Beispiel erstes Obergeschoss: Gerade mal drei Künstlerinnen. Dafür umso mehr von Männern dargestellte Frauen.

Wie kommts? «Kunst ist immer ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse», sagt Kretzschmar. Da sei es nicht verwunderlich, wenn im OG des Kunstmuseums, wo Bilder vom 15. bis zum 19. Jahrhundert hängen, Frauen kaum vertreten seien, und wenn, dann auf und nicht vor der Leinwand. In der Zeit waren Frauen nicht zu den Akademien zugelassen, sie hatten kaum Möglichkeiten, in die Kunstgeschichte einzugehen. Kretzschmar nimmt diese Spiegel und bespricht sie mit ihren Besuchern. Wie werden die Frauen dargestellt? Wie stellen sie sich selber dar? Was sagt das über ihre Zeit aus?

In jeder Führung wählt Kretzschmar einen anderen Fokus. Dieses Mal ist Alberto Giacometti dran, im zweiten Obergeschoss. Hier, in den Räumen des 20. Jahrhunderts, sind Frauen anders vertreten. Öfters, natürlich, aber auch anders dargestellt. Wie bei Giacomettis Caroline. «Da ist jemand, der einfach da ist. Alles andere fällt weg», sagt Kretzschmar. Mit alles andere meint sie: den betont weiblichen Körper, den Künstler jahrhundertelang mit erotischer Bedeutung aufgeladen haben. «Der Mensch steht im Zentrum, nicht der Körper.» Giacometti habe das Wesentliche einfangen wollen, auch hier bei Caroline, die seine Geliebte war.

Wert auf Dialog

Kretzschmar muss für diese Führungen wirklich ein Kränzchen gewunden werden: Sie erzählt fachkundig, lebendig – und so, dass sich die Frauen in der Gruppe trauen, auch mal etwas zu sagen. «Was denkt ihr?» sagt Kretzschmar oft und sie meint es auch so. Sie legt Wert auf den Dialog – auch innerhalb der Gruppe.

Als zweites Giacometti-Werk wählt sie die 30 Jahre früher entstandene «Frau mit durchschnittener Kehle», eine unangenehme Skulptur, die wie ein zerteilter Skorpion wenige Zentimeter über dem Boden auf einem kleinen Podest liegt. Es entspinnt sich eine Diskussion über das Verhältnis von Erotik und Bedrohung. Eine Besucherin hebt das Zärtliche der Skulptur hervor, worauf eine andere sagt: «Ich kenn dieses Werk schon lange, aber das ist mir jetzt noch nie aufgefallen!» Im Hintergrund schaut Kretzschmar zufrieden auf ihre Notizen. Genau so soll es sein.

Bis zum Sommer noch wird sie «Inspired by her» fortführen, danach ist Zeit für Bilanz. Wenn es jedes Mal so anregend zu und her geht wie bei Giacometti, wird sie gut ausfallen. Nur einen kleinen Wermutstropfen gibts bis jetzt: Was haben Männer zum Thema zu sagen? Gerade mal drei Männer hätten die Führung seit Beginn besucht, sagt Kretzschmar. Da ist noch Luft nach oben. Also Männer: Was denkt ihr?

 

«Inspired by her»:Die nächste Führung findet am 20. März um 10.15 Uhr statt. Weitere Infos unter www.kunstmuseumbasel.ch