Leslie Jamison kennt die zerstörende Kraft des Alkohols. Das beweisen schon die ersten Seiten ihres Buchs. «Bei meinem allerersten Schwips war ich knapp dreizehn. (. . .) Als ich zum ersten Mal im Geheimen trank, war ich fünfzehn. (. . .) Zum ersten Mal high war ich, als ich auf dem Sofa eines mir unbekannten Menschen Gras rauchte.» So beginnen die ersten Absätze von «Die Klarheit». Darauf folgen jeweils hymnische Beschreibungen des ungewohnten, elektrisierenden Gefühls. Es ist alles grossartig, ein Zustand, den sie immer wieder erleben will. Er scheint so viel spannender als das normale Leben. Sie trinkt mit Freunden, mit Autorenkollegen. Denn alle trinken, viel und täglich.

«Die Geschichte jeder Sucht ist immer schon erzählt worden», schreibt die 35-jährige Amerikanerin Leslie Jamison. Denn alle Suchtgeschichten liessen sich auf den Dreischritt «Verlangen, Konsum, Wiederholung» herunterbrechen. «Recovering», Genesung, heisst Jamisons Werk im Original. Und so ausführlich und explizit und detailliert sie auch die Alkoholsucht beschreibt, geht es ihr doch vor allem um die Genesung, um den Prozess, aus der Sucht wieder auszubrechen. Und darum, wie man darüber schreiben kann. Wird nicht wirklich gute Literatur erst geboren aus dem Schmerz und mit Alkohol oder anderen Drogen im Blut?

Nüchternheit als Horrorvision

Zusätzlich verfasst Leslie Jamison eine Anklage über den Umgang der USA mit Süchtigen, die Gefängnisstrafen bekommen anstatt Hilfe. Und deren Schicksal von ihrer Hautfarbe und ihrem Geschlecht abhängt: Während trinkende weisse Männer zuweilen als Helden gelten, werden schwarze Frauen als Verliererinnen abgestempelt, die sich nicht um ihre Familie kümmern. Jamison beschreibt all dies mit einer Klarheit in der Sprache und im Denken, dass das Lesen ihres Werks trotz des bitteren Themas zu einem Vergnügen wird.

In vierzehn Schritten erzählt Jamison von ihrer Alkoholsucht und ihrer Genesung und parallel dazu von den Schicksalen vieler Schriftsteller, die über ihre Sucht geschrieben haben. Ray Carver etwa, «sein Schatten war der betrunkenste von allen». Oder Charles Jackson, der in «Das verlorene Wochenende» Tage im totalen Rausch beschreibt. Oder Jean Rhys, die über dem Trinken ihr Kind vernachlässigte, das starb, und die zeitlebens Alkoholikerin blieb. Dazu Duras, Faulkner, Fitzgerald, Hemingway, Highsmith oder David Forster Wallace – man merkt deutlich, aber nicht unangenehm, dass Jamison das Thema schon in ihrer Promotion behandelt hat. Und Stephen King, dessen «Shining» sie als Horrorvision des drogenabhängigen Autors von der Nüchternheit liest.

Stephen King bescheinigt Jamison auf dem Cover der amerikanischen Originalausgabe, der wichtigste Themenstrang ihres Buches sei das konsequente Bestehen auf der These, der Autor, der Drogen brauche, um zu schreiben, «does not exist», existiere schlicht nicht. Zu teuer haben alle, auch etwa Sängerinnen wie Billie Holiday oder Amy Winehouse, für ihre Sucht bezahlt, zu grauenhaft waren die Schammomente, zu hoch die Schulden und die Spitalrechnungen.

«Egal, wie viel Schönheit aus dem Leid entsteht – im Normalfall zahlt sie sich nicht in Glück aus», schreibt Jamison. Sie schreibt an gegen die «Whisky-und-Tinte-Mythologie», die nicht aussterbe, weil «der Markt immer kunstvollere Formen der Zerstörung» braucht. Am Ende jedoch gesteht sie ein: Abhängigkeit kann zu Wahrheit führen, aber sie besitzt kein Monopol darauf. Oder, in den Worten Raymond Carvers: «Der Schmerz entspringt der Dunkelheit, und wir nennen ihn Weisheit. Es ist aber Schmerz.»

Jamison ist hart mit sich

Wann begann das eigentliche Trinken, wann die Sucht?, fragt sich die Autorin. Als sie es richtig auf einen Filmriss anlegte? Oder als das Verlangen überwältigend wurde? Jamison ist hart mit sich und ihrem Thema, bohrt immer tiefer: in ihrer Erinnerung, ihren Beweggründen. In ihren Versuchen, wieder herauszukommen aus der Sucht, die sie mit einem «an den Pfahl gebundenen Hund» vergleicht, «der den Himmel anbellt».

Als sie merkt, dass sie selbst so ein Hund ist, will sie aufhören. Es ist schwer, denn die Nüchternheit löst nicht alle Probleme, sie glitzert und flimmert nicht und kittet auch nicht ihre kränkelnde Beziehung. Vielmehr fühlt sie sich an wie «ein Vernehmungszimmer mit Neonlicht». Die grösste Hilfe in der Abstinenz sind die Treffen der Anonymen Alkoholiker. Mehrmals die Woche nimmt Jamison teil, beschreibt die Entstehung der Idee um Gründer Bill Wilson und Lebensgeschichten, die sie dort hört. Hier lernt sie, dass die Vielheit der individuellen Schicksale das «Wir» ausmacht, dass es nicht darauf ankommt, einzigartig zu sein, aber jeder wichtig ist.

Denn jeder kann mit dem Erzählen den anderen Identifikationsfläche und Hilfestellung bieten. Nicht «Schaut, wie toll ich erzählen kann», sondern «Schau, so elend wie dir ging es mir auch; auch ich hatte Phasen im Leben, in denen ich nicht wusste, wie ich weiterleben sollte». Es ist eine Weisheit der Anonymen Alkoholiker. Es ist aber zugleich ein faszinierendes literarisches Konstrukt. Eines, das Jamison wunderbar verfolgen kann, weil sie ihre Geschichte mit der der anderen Schriftsteller und der anderen Teilnehmer der Anonymen Alkoholiker zu einem einzigartigen «Wir» macht.