Literatur
Der Maler Louis Soutter aus anderer Perspektive: Er wollte die Kunst anders machen

Das Buch von Michel Layaz über den Maler Soutter lässt uns zweifeln. Schmälert das beim Lesen die Erkenntnis?

Sabine Altorfer
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Michel Layaz aus der Westschweiz wählte den Westschweizer Maler Louis Soutter als Romanfigur.

Michel Layaz aus der Westschweiz wählte den Westschweizer Maler Louis Soutter als Romanfigur.

Bild: Anthony Anex / Key

Zweifeln musst du! Das befiehlt uns der Titel des Romans von Michel Layaz. «Louis Soutter, sehr wahrscheinlich» steht in hartem Weiss auf schwarzem Grund. Darüber ein Ausschnitt einer der heutzutage weltberühmten und enorm teuer gehandelten Fingermalereien Soutters mit ekstatischen, aber vagen Figuren, zerlaufenden Köpfen, groben Flecken. Bildfindungen, die wir als so genial wie verstörend empfinden, in denen wir tiefstes Leid und hellsichtige Erkenntnis über das Menschsein sehen. Heute. Soutter erlebte es anders.

Über Louis Soutter, den Aussenseiter und Verkannten, den Gescheiterten und Weggesperrten hat der renommierte Westschweizer Autor Michel Layaz, 57, geschrieben. Nicht eine Biografie, sondern einen Roman. Diese Mischung von Fakten und Fiktion beunruhigt die Leserin über die ganzen 240 Seiten des Buches. Denn was man hier liest, wird sich – in Abschnitten zumindest – ins Gedächtnis einbrennen und das Bild von Leben und Werk des Malers unweigerlich prägen.

Aber stimmt es auch? Layaz beruft sich auf die kunstwissenschaftliche Biografie und den Œuvrekatalog von Michel Thévoz. Wir erleben den 16-jährigen Louis im grossbürgerlichen, protestantisch geprägten Umfeld einer Apotheker-Familie. Der Eigenbrötler spielt Geige, bewundert seine kleine, wilde Schwester, ist ein hervorragender Schüler, doch eine schlechte Betragensnote bedeutet Liebesentzug der Mutter.

Die Studienzeit – Architektur in Genf (abgebrochen), Malerei in Paris, Geige in Brüssel – lässt Layaz später in Rückblicken aufleuchten. Dafür taucht er abrupt ein in Soutters kurze Ehe mit der Amerikanerin Madge, seine Zeit als Direktor des Art Institutes in Colorado. Erfolge, denen er sich nicht gewachsen fühlt. Und entflieht. Immer wieder setzt Soutter an, will andere Kunst machen. Er findet das Gefühl «einer wollüstigen Erregung», wenn ihm das Porträt seiner Schwester Jeanne auf andere Weise gelingt, und «Momente der Ekstase» als Geiger in den grossen Orchestern in Genf und Lausanne. Aber immer scheitert er, «der komische Kauz, der sich um seine Krawatten mehr sorgte als um ein Europa», das auf den Ersten Weltkrieg zutrieb.

Nackt und mit den Fingern: ­Soutters körperliche Malerei

Die Familie versorgt den 49-jährigen Verschwender im Altersheim. Mal kühl beobachtend, mal sich im Kopf, Herzen und im mageren Bauch des Protagonisten einnistend, begleitet Layaz den Widersprüchlichen. Auf seinen tagelangen Wanderungen, im Konflikt mit der Leiterin oder wenn er die ersten billigen Schulhefte mit in der Post gestohlener Tinte vollkritzelt. «Während der Zeichenstift zeichnete, spürte Louis seinen Körper in einer Art Ungestüm, einem unbekannten Fieber vibrieren.» Bald war ihm der Stift fremd und er malte direkt mit den Fingern, oft nackt, wenn er erschöpft und durchnässt ins Altersheim zurückgefunden hatte. «Alles vergessen: Sich hingeben, sich alles rauben lassen. Er war bereit, erregt und zitternd.» So habe er Jesus am leeren Kreuz gemalt, die Ekstasen, die Tänze.

War es so? Nun, der Roman von Michel Layaz will mehr sein als nur eine Malerbiografie. Er setzt Soutter empathisch ein Denkmal und gibt uns ein Buch, das Gesellschaftszwänge und Aussenseitertum, künstlerisches Müssen und Scheitern thematisiert. Exemplarisch, sehr wahrscheinlich.

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich. Roman, aus dem Französischen von Yla M. von Dach. Verlag die Brotsuppe, 243 Seiten.