«Je mehr Geld Du hast, umso eher kannst Du es Dir leisten schwul oder lesbisch zu sein.» Eine steile These. Sie steht im Zentrum der Produktion «Pink Money», dieser Tage in der Kaserne Basel zu sehen. Als Pink Money wird dasjenige Geld bezeichnet, das die Queer-Szene, oder gender-korrekt, die LGBTI-Community, generiert, vor allem im Tourismus.

Städte wie Zürich, San Francisco, Berlin, Tel Aviv oder Kapstadt bewirtschaften das Potenzial dieser kaufkräftigen und partyfreudigen Kundschaft längst aktiv. Selbst das beschauliche Arosa kurbelt seit einigen Jahren mit einer «Gay Ski Week» das laue Januargeschäft an. Alleine der Umsatz des amerikanischen Pink Markets wird auf 900 Milliarden Dollar geschätzt.

Einerseits ist die Community also Wirtschaftsfaktor und überall dort toleriert, wo sie Geld liegen lässt. Andererseits ist es mit der Toleranz in vielen Ländern nicht weit her. Das verhinderte Coming-out von Hollywood-Stars ist da nur die Spitze des Eisbergs. Und wie sieht das konkret in einem Land wie Südafrika aus, wo die Besucher internationaler Gay-Hot-Spots wie Kapstadt auf eine zu weiten Teilen verarmte Bevölkerung treffen?

Die deutsche, in Basel lebende, Regisseurin und Performerin Antje Schupp ist dieser Frage nachgegangen. Anstoss war eine dreimonatige Residenz in Südafrika, die ihr die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia ermöglicht hat.

Was macht Pink Money mit der LGBTI-Community dort? Mit dieser Frage im Gepäck machte sie sich auf die Suche nach Künstlerinnen und Künstlern, welche die Problematik aus der Perspektive der Südafrikaner kennen. Mit dem Performer und Tänzer Kieron Jina, der Sängerin Anelisa Stuurman aka Annalyzer und der Videokünstlerin und Dj Mbali Mdluli aka Miz Buttons hat Schupp diese gefunden.

Aus einem Tryout namens «Pink Dollar», das am Ende ihres Aufenthalts in Johannesburg gezeigt wurde, ist nun das Stück «Pink Money» entstanden. Geprobt wurde in Basel und Johannesburg, wo die Arbeit bereits gezeigt wurde. Entstanden ist eine vielschichtige Performance, ein Abend mit wummerndem Bass, crazy Outfits, viel Haut und tiefen Küssen.

Gut sind wir im Club

Wir sind in einem Club, und das ist gut so. Für einmal ist es nicht bloss Konzept, dass das Publikum steht und Teil der Szenerie aus Bar, Tanzfläche, Bühnenelementen und DJ-Pult ist. Die von She-DJ Miz Buttons eingespielten Afro-Beats sorgen dafür, dass die Hüften die kommenden 70 Minuten nicht steif werden.

Wie es sich für einen guten Club gehört, halten die Celebrities und Nightbirds erst nach einer Weile Einzug: viel Pelz, dicke Ketten, Glitter, dunkle Brillen. Schwarze Leder-Hotpants und endlose Beine beim Mann, die bajuwarische Variante bei der Frau, samt Schnurrbart und Federhut. Da hat jemand die Insignien der Geschlechterrollen gegen jegliche Klischees gebürstet. Nach einem Intro über die Haupttypologien von Lesben samt zugehöriger Drinks gibt es für’s Publikum einen Shot. Mann und Frau darf sich frei bewegen, die Nähe zu den Performern ist unaufdringlich, wie in einem Club eben.

Was folgt, ist klug und unterhaltend. Eine Mischung aus Party, Vortrag, Video-Show, Theater und Konzert. Die Vielfalt der Formen spiegelt diejenige der Akteure. Das ist die Stärke der Inszenierung: Die Performer haben nicht versucht, unter einen Hut zu zwingen, was gar nicht dort hingehört. Jede persönliche Handschrift erhält gebührenden Raum: Hier die messerscharf analysierende Europäerin, dort der dunkelhäutige Performer, der erzählt, wie es sich anfühlt, von reichen und meist weissen Männern zum Sex aufgefordert zu werden.

Stereotypen von Verkleidung werden durchdekliniert, vom lasziven Strapsträger bis zur Dildo schwingenden Lesbe. Die Paradiesvögel der internationalen Gay-Community grüssen von der Leinwand. Hinter dem ganzen Tand, Glitter und Money, schlummert jedoch ein einfacher Wunsch: Ohne Angst so lieben zu können, wie man möchte.

Die Party endet unschön

Dieser Wunsch geht in Schupps Inszenierung im Kugelhagel unter. Wer es in Südafrika nicht in die gut bewachten Toleranzzonen schafft, lebt gefährlich als Homosexueller. Die Performer erteilen uns mit ihrer Party zwei Lektionen: Erstens ist gleichgeschlechtliche oder irgendwelchen Normen nicht entsprechende Liebe anderswo immer noch lebensgefährlich. Zum Teil auch dort, wo wir in die Ferien fahren.

Zweitens: Diese Künstlerinnen und Künstler haben drängende Anliegen. Sie müssen um ihre Identität kämpfen. Als schwarze Homosexuelle doppelt. Sie meinen es sehr ernst, wenn sie zum animistischen Rauchopfer singen: «Let me be, get me free, allow me to be.»

«Pink Money». Mittwoch, 10., Donnerstag, 11. und Samstag, 13. Januar. Jeweils 21 Uhr. Kaserne Basel. www.kaserne-basel.ch.