Tanz

«Anna Karenina» könnte Kult werden

Verbotene Liebe: Graf Wronski (Denis Vieira) umfängt Anna Karenina (Viktorina Kapitonova), die für ihre Liebe alles geopfert hat. Monika Rittershaus

Verbotene Liebe: Graf Wronski (Denis Vieira) umfängt Anna Karenina (Viktorina Kapitonova), die für ihre Liebe alles geopfert hat. Monika Rittershaus

Ballettdirektor Christian Spuck setzt den Erfolgskurs des Zürcher Balletts mit seiner jüngsten Choreografie fort

Schwarz. Der Zürcher Ballettdirektor und Choreograf Christian Spuck ist einer Farbe verfallen, die er permanent variiert. Spucks Einstand in Zürich mit «Romeo und Julia» war eine nur mit wenigen Farbtupfern aufgehellte Fantasie in Schwarz; seine jüngste Arbeit nach Tolstois Roman «Anna Karenina» ist es ebenso. Spuck und sein Raummitgestalter Jörg Zielinski setzen hier die farblichen Akzente indessen noch spärlicher und dramaturgisch noch bewusster ein – mit packender Wirkung.

Die optisch düstere Verknappung geht einher mit Spucks verknappender Sicht auf einen Stoff der Weltliteratur. Die Choreografie ist auf alle Fälle weit entfernt von jeder Bebilderung des Romans; sie legt den Fokus auf wenige Schlüsselszenen, die so gestrafft sind, dass sie auch für sich stehen könnten. Romantische und von vielen der «Karenina»-Verfilmungen genährte Klischees bedient Spuck nicht, was allein schon seine Musikwahl verhindert. Spuck lässt Kompositionen von Martin Donner, Sergej Rachmaninow, Witold Lutoslawski, Sulkhan Tsintsadze, Josef Bardanashvili und russische Lieder aufeinanderprallen; selbst der schwelgerische Rachmaninow-Sound wirkt in der ausgedehnten Liebesszene, wenn bei Anna Karenina (Viktorina Kapitonova) und Graf Wronski (Denis Vieira) alle Dämme brechen, nicht wie die akustische Spiegelung grosser Gefühle, sondern unwirklich, sogar fremd.

Steif und versteinert

Mit skeptischer Anteilnahme befragt der Choreograf die literarische Vorlage – und erzählt so nicht (nur) die Geschichte einer aus der Ehe ausbrechenden, bedingungslos Liebenden, sondern einer Vereinsamten. Einsam, da im Korsett moralischer Zwänge eingeschnürt, sind sie ja alle, diese Oblonskis, Karenins, Lewins und Wronskis. Wie sehr, verdeutlicht schon das erste Bild, dem Spuck das Geräusch donnernder Eisenbahnwagen voranstellt.

Der Prolog verweist auf das Ende: Anna Karenina hat sich unter den Zug geworfen – nach ihrem Tod versammelt sich die Gesellschaft: steif und versteinert – zur Trauer unfähig. Nach Minuten, die einer gefühlten Stunde gleichen, erfolgt ein Schwenk – in den Salon von Stiwa Oblonski (Arman Grigoryan), wo sich der Hausherr, ein notorischer Betrüger, an zwei Hausangestellte heranmacht. Die Atmosphäre: frostig. Auf Eis folgt Feuer. Anna Karenina trifft am Moskauer Bahnhof Alexej Wronski – schon entflammen beide füreinander. Spuck braucht dafür keine grossen Gesten. Ein längerer Blick, als es die Konvention erlaubt; ein verzögerter Schritt – wir erahnen die Tragödie.

Diese Szene steht mit ihrer Kürze beispielhaft für die folgenden, die – analog zum Film – hart aneinander geschnitten sind. Ob Ball, Landleben oder Pferderennen: Alle Szenen spielen sich in einem fast leeren, bloss mit ganz wenigen Requisiten versehenen Raum ab. Hin und wieder wird ein Vorhang gezogen, auf den schwarz-weisse Fotos projiziert sind, um den Schauplatz zu konkretisieren. Mehr ist nicht. Doch das reicht vollkommen, um das düstere Kaleidoskop einer verlogenen Gesellschaft zu zeigen. Mitten im ausgelassenen Tanz hält etwa die Gesellschaft jäh inne und wendet sich von der Ehebrecherin ab. Dann steht Anna Karenina alleine auf der Bühne.

Schauspielerisches Kapital

Vereinzelung: Genau sie fängt Spuck in Bildern ein, die von Emma Ryotts halblangen, weit schwingenden Kleidern wesentlich geprägt sind. Die spielerische Leichtigkeit, die sie evozieren, erkennt man in den Ballszenen, jedoch nicht in den von widersprüchlichsten Gefühlen erzählenden Pas de deux zwischen Anna und ihrem Mann (Filipe Portugal) oder ihrem Geliebten. Da spielt Spuck grandios mit der Breite und der Tiefe der Bühne. Der Furor mit dem er Anna und Wronski aufeinander zustieben lässt, ist unvergleichlich. Denkwürdig auch der Pas de trois zwischen Anna, Karenin und Wronski. Sie, erschöpft von einer Geburt, wird von einem Mann zum anderen weitergereicht; sie wird getragen, gehoben und geworfen – als ob sie ein Gegenstand wäre: welch entlarvende Szene. Getanzt wird das mustergültig, mit atemberaubender Präzision. Das alleine reicht aber bei dieser, bewusst auf den grossen erzählerischen Bogen verzichtenden Choreografie nicht. Schauspielerisches Kapital, über das gerade Viktorina Kapitonova in verschwenderischer Fülle verfügt, ist unabdingbar. Weil es da ist, macht es «Anna Karenina», Spucks bis anhin schwierigste Zürcher Arbeit, zu einem fesselnden Psychogramm – mit Potenzial zur Kultchoreografie. Damit setzen Spuck und seine Compagnie ihre Erfolgsserie fort. Das Ballett ist in Zürich ein Renner. Die Auslastung von 94,6 Prozent in der Spielzeit 2012/13 spricht Bände.

Anna Karenina Ballett Zürich; im Opernhaus. Choreografie: Christian Spuck. Bis 4. Januar 2015.

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