Satire

Andreas Thiel: Der Mohammed des Humors ist zurück

Die Frisur steil, die Sprüche über den Islam eher platt: Andreas Thiel.

Die Frisur steil, die Sprüche über den Islam eher platt: Andreas Thiel.

Andreas Thiel inszeniert sich in seinem neuen Programm als Prophet der Satire. Am Dienstag feierte er in Zürich damit Premiere.

Es gibt nur einen Gott des Humors und Andreas Thiel ist sein Prophet. Ein lustig anzuschauender Prophet, mit buntem Haarkamm, der eine frohe und einfache Botschaft verbreitet: Humor darf alles, ausser töten. Also zum Beispiel Doris Leuthards Vagina, «untervögelte» Sozialdemokraten und – vor allem und immer wieder – Mohammed thematisieren. Inschallah.

Andreas Thiel feierte am Dienstagabend im Theater am Hechtplatz in Zürich Premiere mit seinem Programm «Der Humor». Ein Experiment mit dem Publikum, nennt es Thiel. Der Berner Satiriker will die Fragen klären: Was ist Humor und wie funktioniert er? Dazu hat Thiel auch ein Buch mit dem Titel «Humor – Das Lächeln des Henkers» geschrieben. Im Buch und auf der Bühne will Thiel vor allem auch beweisen, dass sich Islam und Humor nicht vertragen. Deshalb erträgt Thiel den Islam nicht. Und deshalb zieht sich der Islam wie ein roter Faden durch seinen Auftritt. Nach zweimal 50 Minuten Bühnenshow ist klar: Hier ist einer in den Heiligen Krieg gegen die Humorlosigkeit gezogen. Und hat sich dabei verrannt.

Andreas Thiel bei Roger Schawinski

Andreas Thiel bei Roger Schawinski

Früher Satiriker, heute Politikum

Andreas Thiel hat in den letzten Jahren kulturelle Debatten ausgelöst – wie kein zweiter Schweizer Satiriker. Seine im November 2011 erschienene Streitschrift «Der Schatten des Ostens» entzündete eine Diskussion der Liga Bärfuss. Thiels 30 000-Zeichen-Text basiert zusammengefasst darauf, dass er (Thiel) den Koran (mehrmals) las und ihm dabei die «tödliche Humorlosigkeit» auffiel – diese zeichnete Thiel dann, Suren zitierend und ausufernd, nach. Ausserdem fand er heraus, dass Mohammed offenbar sowohl Sklaventreiber, Kinderschänder wie auch Massenmörder war.

Die Folgen der in der «Weltwoche» erschienen Streitschrift: ein Aufschrei der Empörung, Morddrohungen, Boykotte, eine Einladung zu Roger Schawinski, woraus eine ausartende TV-Sendung und noch mehr Empörung entstanden.

Andreas Thiel - Asül für Alle

Andreas Thiel - Asül für Alle

Vor dieser Geschichte war Thiel ein Schweizer Satiriker von internationaler Strahlkraft, ausgezeichnet mit dem Salzburger Stier (1999). Mit dem Duo Thiel & Sassine hatte er eine neuartig-anarchische Satire auf die Bühne gebracht, in der er sprachlich eine unschweizerische Präzision an den Tag legte. Thiel war ein Schweizer Satiriker oberster Güteklasse. Heute ist Thiel ein nationales Politikum.

Die Grenzen hat er selbst abgesteckt. Dort der linke Kulturbetrieb, der linken Künstlern via Subventionen die Political Correctness in den Rachen stopft. Und hier er, Andreas Thiel, Prophet der Satire, mit Silvia Blocher im Premierenpublikum und einem Trommelfeuer gegen den Islam im Programm. Die Frage nach der Qualität Thiels ist heute eine politische.

Korankritik: Andreas Thiel entschuldigt sich bei «Giacobbo/Müller»

Korankritik: Andreas Thiel entschuldigt sich bei «Giacobbo/Müller»

Interessanterweise lässt er in seinem neuen Programm immer dann brillante Momente aufblitzen, wenn er sich abseits der ausgelatschten Wuttrampelpfade bewegt. Thiel spielt mit Sprache wie kaum ein Zweiter in der Schweiz. Wenn er über die Unterschiede zwischen europäischen Sprachkulturen doziert («Schweizer sind höflich, Deutsche sind freundlich»), dann fallen die Sätze wie Domino-Steine in einer nie enden wollenden Kettenreaktion. Wenn er den eingemitteten Schweizer Konkordanzhumor seziert, dann tut er dies schneidend, aber er verliert nie die innere Lockerheit.

Was zum Teufel ist mit dem los?

Thiel ist dann nicht mehr der Thiel, über den die «NZZ» 2004 schrieb, er sei «ein Drittel Literatur, zwei Drittel Kabarett», wenn er auf jene zielt, die er des versuchten Mordes am Humor überführt hat. Islamisten, Salafisten und all jene, welche diese mit einem Cocon der politischen Korrektheit schützen. Je länger das Programm dauert, desto platter wird er. Schliesslich gipfelt es in einer Imitation eines Muezzins, nach der Thiel dem Publikum erklärt, im Klang des Gebetsrufes sei nichts Göttliches erkennbar, es bleibe bloss die Frage zurück: «Was zum Teufel ist mit dem los?»

Was zum Teufel ist mit Thiel los? Er hat ausgeteilt gegen den Islam. Und er hat eingesteckt. Massiv eingesteckt. Klagen wegen Verletzung der Anti-Rassismus-Strafnorm. Morddrohungen. Das hat ihn offenbar verändert. Thiel hat sich verbissen. Sogar sein Hausblatt, die «Weltwoche», schreibt: «Fast alles dreht sich bei ihm nur noch um ihn selbst, um seinen Kampf für die Meinungsfreiheit, um den Islam.» Die Lockerheit ist weg. Schade. Gewonnen hat die Schweiz damit bloss einen weiteren Polemiker. Verloren ging ein Satiriker.

Andreas Thiel Der Humor, Theater am Hechtplatz. Bis zum 20. Dezember. / Andreas Thiel, Humor – Das Lächeln des Henkers. Werd-Verlag. 172 Seiten.

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