Dieser Feriengast macht einen merkwürdigen Eindruck. Während fünf Wochen sitzt er auf einem Felsvorsprung über dem tosenden Meer in der Bretagne. Er starrt in den Himmel, türmt Steinchen auf, zerreisst Fotos und führt Selbstgespräche.

Eine Art Journal dieser Selbstgespräche ist der Roman «Zwischen den Wassern» des Aargauer Schriftstellers Andreas Neeser. Der 50-Jährige leitete von 2003 bis 2011 das Aargauer Literaturhaus in Lenzburg und ist seither freier Schriftsteller. Neeser hat Gedichte und Erzählbände veröffentlicht. Mit «Zwischen denWassern» erscheint sein zweiter Roman beim Haymon-Verlag.

Der Erzähler des fiktiven Journals reist an den Ort zurück, an dem er vor einem Jahr seine Lebenspartnerin durch einen Unfall verloren hat. Während die beiden am Strand Muscheln suchten, kam plötzlich eine riesige Flutwelle und riss die Frau mit ins Meer. Wie durch ein Wunder überlebte der Mann. Nach Hause reiste der Geografielehrer allein, aber voller Trauer und Schuldgefühl.

Jetzt, im Sommer danach, hat er sich in den Kopf gesetzt, das Schicksal verstehen zu wollen. «Getrauert habe ich», sagt er. «Ein Jahr lang. Aber ohne zu verstehen komme ich nicht weiter.» Um zu verstehen, sucht er die Konfrontation mit dem Unglücksort. Jeden Tag legt er ein Steinchen auf einen Haufen. Und jeden Tag betrachtet er eine Fotografie, die er letztes Jahr von seiner Freundin an diesem Ort gemacht hat. Er erinnert sich, dann zerreisst er die Fotografie in tausend Fetzen und wirft sie ins Meer.

So erfährt der Leser nach und nach, wie der Erzähler seine Partnerin, Véro, kennen gelernt hatte. Wie die zehn Jahre ältere Frau eigenwillig war und ihm auch nach drei Jahren Beziehung immer ein wenig ein Mysterium blieb.

Lektionen über das Meer

An den Ort am äussersten Zipfel der Bretagne war der Erzähler zuvor schon jahrelang regelmässig gereist. Hier hängt er nun mit den lokalen Sonderlingen herum. Max, der gescheiterte Bildhauer, will ihn von seiner Konfrontations-Methode überzeugen, mit der er sich schon mit seinem eigenen Schicksal versöhnt hat. Dem Fischer Jean Le Bars ist hingegen kaum ein Wort zu entlocken. Als der Erzähler erfährt, dass auch Jean Le Bars’ Vater im Meer ertrunken ist, möchte er mit ihm ins Gespräch kommen. Er möchte alles über die gefährlichen Flutwellen erfahren, die ihm die Liebste entrissen. Er möchte wissen, ob er Véro hätte retten können. Doch Jean Le Bars ist abweisend und direkt, dass es fast brutal ist. Es gibt nur zwei Lektionen über das Meer, sagt er: «Das Meer gibt, und das Meer nimmt» und «Das Meer macht keine Fehler».

Mit solchen Weisheiten in den Ohren treibt sich der Erzähler an der Küste herum. Er dreht und wendet alle Überlegungen in seinem inneren Monolog. Er will einen Anfang machen, aber sein wütender Trotz gegenüber dem Schicksal steht ihm im Weg, zu akzeptieren, was ist.

Doch plötzlich hält er fest: «Etwas passiert mit mir.» Für den Leser wird nicht klar, was der Auslöser war – auch für den Erzähler wohl nicht. Doch jetzt beginnt er die Botschaften der wortkargen Käuze zu verstehen: Es nützt nichts, zu fragen, was gewesen wäre, wenn … Das Leben geht nicht in Revision. Und, die Sinnlosigkeit des Schicksals kann nicht mit Sinn gefüllt werden.

Der Roman «Zwischen den Wassern» spricht die Abgründe an, die sich auftun, wenn das Schicksal über das Leben hereinbricht. Der Erzähler ringt obsessiv um Heilung und trotzt doch der Realität in radikaler Weise. Der Charakter des Geografielehrers ist nicht vollends plausibel. Er ist ein Kopfmensch, der alles verstehen und verarbeiten will. Und zugleich hat er Ähnlichkeiten mit den sturen Einheimischen. Doch Andreas Neesers Buch überzeugt dadurch, dass es zeigt, wie geradezu unfassbar der Tod eines geliebten Menschen sein kann und wie er jemanden fast um den Verstand bringen kann.

Andreas Neeser Zwischen den Wassern. Haymon Verlag 2014. 184 S., Fr. 26.90.

Vernissage: Do, 13. Februar, 19.15 Uhr

im Aargauer Literaturhaus Lenzburg.