Am Ende des Stücks «beat - me - mich» sitzt Lulzim Plakolli in seinem elektrischen Rollstuhl an der Rampe. Er singt einen s-Laut. Unendlich lang, ohne Luft zu holen. Er kann das, weil er von einer Maschine beatmet wird - wie seine sechs Mitspieler. Vier von ihnen sind am Duchenne-Syndrom erkrankt, an unheilbarem, genetisch bedingtem Muskelschwund. Die anderen drei sind ebenfalls durch Krankheiten auf den Rollstuhl und Beatmungsgeräte angewiesen. Diese jungen Menschen, die wir hier sehen, wären alle bereits gestorben, hätten sie sich nicht dazu entschieden, ihr Leben in Symbiose mit einer Maschine zu führen und es so um zehn bis 15 Jahre zu verlängern.

Vor drei Jahren hatten sie einen Plan: Sie wollten mit einem Love-Mobil an der Zürcher Street Parade teilnehmen. Thematisch sollte es sich am Werk H.R. Gigers ausrichten. «Ich fand den selbstironischen Ansatz sehr interessant, aus künstlerischer Perspektive. Gigers biomechanische Wesen spiegeln ja ihre Situation», sagt Jörg Köppl. Der Komponist und Künstler arbeitet Teilzeit als Pfleger im Mathilde Escher-Heim, wo die jungen Protagonisten wohnen.

Köppl nahm sich der Sache an, aber die Organisatoren der Street Parade konnten das H.R.-Giger-Mobil aus sicherheitstechnischen Gründen nicht bewilligen. Die Wagen der Parade müssen innert kürzester Zeit evakuiert werden können, was die schweren Rollstühle der Initianten verunmöglichen. Hinzu kam, dass H.R Giger, der sich für das Projekt interessiert hatte, im Mai 2014 starb. Köppl blieb an der Sache dran. In der Schauspielerin Sandra Utzinger, auch sie arbeitet Teilzeit im Mathilde Escher-Heim, hatte er eine Mitstreiterin für die Idee: von Gigers biomechanischem Bildkosmos ein Theaterstück mit den Patienten des Heims zu inszenieren.

Mit ins Boot bei diesem Experiment kamen der Zürcher Regisseur und Autor Tim Zulauf und das Musikensemble Metanoia. Als Koproduzenten konnten das Basler Wildwuchs-Festival und die Zürcher Gessnerallee gewonnen werden. Dort fand dann am 17. Mai auch die Uraufführung statt.

Die Bühne als produktive Kraft

Es hat etwas Grausames, den fünf jungen Männern und zwei jungen Frauen zuzuschauen. Grausam deshalb, weil man sich als Zuschauer vorstellt, wie verzweifelt man selbst in dieser Situation wäre. Dazu verdammt, unbeweglich, an einer Atemmaschine angeschlossen, bei vollem Bewusstsein, sein Leben zu fristen. Und es stellt sich beim Zuschauen auch die Frage, was die Protagonisten über diese Zurschaustellung denken. «Eine von ihnen hat es gut auf den Punkt gebracht», erzählt Köppl. Sie habe während der Proben gesagt: «Wenn ihr mich auf der Bühne anschaut, fühle ich mich viel wohler, als wenn ihr mich auf der Strasse anschaut.»

Köppl formuliert es vorsichtig: «In gewisser Weise ist diese Verbindlichkeit, welche die Bühne schafft, eine Erlösung von diesen alltäglichen, oft mitleidigen Blicken, oder zumindest eine produktive Erfahrung, die ihnen Kraft gibt.»

Abgedrehte Science-Fiction

Köppl, Zulauf, das Wohnheim und die Produzenten sind mit dem Experiment ein Wagnis eingegangen. ««Es sind ja Laien», sagt Köppl, «wir wussten überhaupt nicht, was wir mit ihnen zusammen machen können. Gibt es Spielszenen? Schaffen wir es, Lieder zu singen?»

Die Darsteller wurden in Workshops, die sich über ein halbes Jahr hinzogen, mit den künstlerischen Intentionen von Köppl und Zulauf vertraut gemacht. In langen Interviews konnten die Protagonisten ihre Themen und Anliegen einbringen. Biografische Elemente sind so in das Stück eingeflossen. Zulauf hat aus diesem Material eine fiktive Collage geschrieben, in deren Zentrum ein Plot um H.R. Giger steht. Ein ziemlich abgedrehte Science-Fiction-Story, in welcher der Künstler in einem geheimen Labor in einer Spiegelwelt seiner verstorbenen Partnerin Li Tobler begegnen soll. Doch das Ganze läuft aus dem Ruder. Giger landet im Körper einer Behinderten. Die Pflegerin (Sandra Utzinger) geht der Sache nach. Ihr Bewusstsein wird ebenfalls in den Körper eines Behinderten gebeamt, während dieser fortan in ihrem Körper zuhause sein wird.

Dieses Spiel mit Spiegelräumen ist die eigentliche Essenz des Stücks. «Wir können uns nicht vorstellen, wie jemand sich selbst sieht in dieser Situation», sagt Köppl. «Genauso wenig können diese Menschen sich vorstellen, wie wir sie sehen. Dieses Thema war der Motor für unsere Recherchen: Wie viel von unserem Selbstbild ist Imagination? Wie viel vom Bild, das wir uns von anderen machen, ist real oder eben auch nur Imagination?»

In der Zusammenarbeit mit den von Beatmungsmaschinen Abhängigen wurde bald klar, dass sie im Grunde Spezialisten für künftige Menschheitsfragen sind. Die Möglichkeit, Patienten so zu beatmen und ihr Leben zu verlängern, gibt es erst seit 15 Jahren. «Diese Menschen sind Pioniere. Noch nie hat jemand vor ihnen in einer solchen Symbiose mit einer Maschine existiert», sagt Köppl. «Für solch avantgardistische Biografien gibt es noch gar keine Referenzen.»

Sexualität, das latente Thema

Das Thema Sex durchzieht das Stück in verschiedenen Szenen. Wobei sich auch da die Frage stellt, warum dies so stark gewichtet wird. Köppl sieht das gelassen: «Ich kenne die Protagonisten schon lange. Es sind junge Männer und Frauen. Ab 12, 13 Jahren sind sie im Elektrorollstuhl. Im Moment, in dem die Partnerwahl aktuell würde, haben sie bereits ein Nachtbeatmungsgerät. Ihre Hormone spielen aber verrückt, wie bei allen in diesem Alter. Sexualität ist dadurch ein latentes Thema, das auch offen diskutiert wird.»

Zudem sei es auch interessant, Sexualität zwischen Behinderten und Nichtbehinderten anzusprechen, weil da die Tabugrenze am Deutlichsten sei. «Uns war es wichtig, das nicht auszuklammern», so Köppl.

Für den Komponisten hat die künstlerische Zusammenarbeit mit seinen Schützlingen auch musikalisches Neuland eröffnet. Gemeinsam mit dem Ensemble Metanoia hat er eine Partitur geschrieben, die beinah das ganze Stück durchzieht. Die Stimmen der Protagonisten und ihre Atemgeräte warfen für ihn viele neue Fragen auf: Wie kann jemand mit einem Atemgerät singen? Kann man so emotionale Inhalte transportieren? «Emotionen leben in der Musik ja von Atemrhythmus und Sprechmelodie», erklärt Köppl. «Bei unseren Protagonisten ist der Atem jedoch von einer Maschine gesteuert. Für die Musik stellt sich die Frage, welche Klangwelt entsteht. Was erzählen uns diese Töne, die so ausserhalb unserer Hörgewohnheiten sind? Was passiert mit einer Stimme, wenn sie von einem Beatmungsgerät rhythmisiert wird?»

Sie singt beispielsweise eine Arie, die nur aus einem unendlich langgezogenen s-Laut besteht


«Beat-me-mich» Do/Fr, 8. und 9. Juni, jeweils 20 Uhr. Kaserne Basel. Infos unter www.wildwuchs.ch