Fragt einer: «Heilt Literatur Wunden?», frage man retour: «Reissen Sie Witze?» Das Gegenteil freilich stimmt auch nicht: Ebenso wenig stochert Literatur in Wunden. Literatur verletzt heilsam. Und heilt, ohne dass Wunden dabei sich schlössen. Als Krankenschwester kann Literatur nicht dienen, nicht einmal in der Psychiatrie.

Worin unterscheidet sich also eine Krankenschwester von Literatur? Oder allgemeiner: Wie wird aus einer Person ein «Engel», dessen Wirken und Werk tatsächlich hilft und heilt? Danach nun kann Literatur fragen. Das tut sie jetzt einmal, was selten ist, im neuen Roman von Katja Müller-Lange, eine bedeutende, eminent literarische Schriftstellerin, die lange Krankenschwester gewesen ist.

Katja Lange-Müller, geboren 1951, durfte das Abitur nicht machen: Stattdessen wurde sie der Schule verwiesen, wegen «unsozialistischen Verhaltens». Als Erklärung genügen drei Buchstaben: DDR. Sie lernte Schriftsetzerin; selbst in der DDR gab es den Beruf bald nicht mehr. «Setzer», sagt die Schriftstellerin, «waren nicht nur, wie Hegel sagt, die plebejischen Schultern der Aufklärung. Sie waren auch die Multiplikatoren jedweder Ideologie.» Ein Freund der damals 23-Jährigen, ebenfalls geächtet mit Abiturverbot, arbeitete in der Psychiatrie. «Komm doch in die Klinik», sagte er, «das ist interessant.»

So viel zur vielfach preisgekrönten Schriftstellerin (u.a. Ingeborg-Bachmann-Preis). Fünf Jahre vor dem Mauerfall verliess Katja Müller-Lange die DDR. Sie lebt heute teils in Berlin, teils in Rupperswil AG. Wir trafen sie in Suhr, wo sie in einem halbprivaten literarischen Zirkel den Roman vorgestellt hatte, noch ehe er erschien.

Dafür, was Verlage «zimmern», wird dann die Autorin gerügt

Bei jener Gelegenheit erzählte die Autorin zur Konstruktion ihres Romans Dinge, die jetzt die «Welt» bemäkelt, in einer Rezension: «Man wird den Eindruck nicht los, dass hier aus einer Sammlung von mehr oder weniger autobiografischen Kurzgeschichten oder Reiseerinnerungen unbedingt ein Roman werden sollte.»

Ja, das sollte es – ja, unbedingt. Das aber wollte die Autorin nicht unbedingt, sondern offenbar der Verlag. Warum? Aus dem gleichen Grund, den alle Verlagsleute gegenwärtig einander nachbeten: «Sorry, Kurzgeschichten verkaufen sich einfach nicht.»

Doch egal, ob sein «Gebäude etwas wacklig gezimmert» wurde (die «Welt»), das Buch ist gleichwohl gut. Und trägt den passenden Titel zur losen Konstruktion: «Drehtür».

Unter der Drehtür bleibt Asta Arnold stehen, um zu rauchen. An Flughäfen, wie hier in München, ist das nur noch im Durchzug erlaubt. Und erhöht nicht nur diesen, sondern vor allem das Grau der Luft, die Tristesse. Asta Arnold ist 65 Jahre alt, wie die Autorin heute, ohne Zweifel ein Alter Ego. Asta wurde gerade aus einem Spital in Nicaragua gemobbt, angeblich wegen Schlendrians, dort, wo sie zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte.

Der muntere Abschied durch Kollegen und Kolleginnen im Spital entlarvt den Zweck, als Asta als Abschiedsgeschenk ein One-Way-Flugticket nach Deutschland erhält. Zurück in jähe Perspektivlosigkeit: «Kein Geld, kein Zuhause, keine Familie, keine Freunde, das ist ihre Lage.» Asta zieht an der Zigarette und schaut sich um: Einige Gesichter erinnern sie an andere. Deren Spuren folgt sie dann im Geist, aus der Erinnerung oder in Anlehnung an eine weitere Biografie, was in der Tat zuweilen etwas viel Drehung an der Assoziationsschraube ist. Vielleicht ächzt die Autorin auch bloss dann und wann raffiniert unterm aufgenötigten Korsett.

Es ist gewiss nicht der Rahmen, es sind die durchwehenden Binnenerzählungen, die das Buch lesenswert machen. Und der mutige, unsentimentale, von jeglichem Raunen frei geätzte Ton. Mutiger noch beim gewählten Thema, dem Helfen. Klinisch zu nennen wäre dieser Stil allenfalls wegen der kühlen Temperatur, keineswegs steril ist das aber als Literatur.

Macht Helfen «selig», oder fördert es über andere die Macht?

Mittelmässige scheitern beim Thema «Helfen» fast ausnahmslos. Aus einer kaum beherrschbaren Versuchung heraus: Wer sich literarisch des Guten annimmt, will in irgendeiner Ecke unweigerlich auch etwas gut erscheinen und dadurch in aller Regel sentimental oder – literarisch noch fataler: ungenau. So arbeitet aber erst die mediokre Unschuld. Mittelmässigkeit mit literarischem Skrupel sucht das Heil darum im Zynismus: lieber herzlos scheinen als literarischer Amateur.

Katja Lange-Müller kommt hier nicht nur ungeschoren durch, sie meistert das souverän. Auch dank ihrer sprach-skrupulösen Figur Asta. Sie lässt sich wirklich kein X für ein U vormachen. Sie schmeckt jeden Satz ab, wittert das Behelfsmässige, Nebulöse selbst in Formulierungen, die noch längst nicht abgedroschen sind oder bequem erstarrt zur Redensart.

Natürlich ist das «lästig», aber es «hilft»: nicht im Sinn der Krankenschwester, aber nach Anspruch von Literatur. Genau zu sein, heisst freilich nicht, sich deswegen auch festzulegen auf eine Anschauung, ein Idee dessen, was Helfen am Ende sein könnte. Wurzelt Helfen im Daseinsgrund des Menschen? Oder fördert es im Geheimsten über andere seine Macht? Vielleicht steckt Helfen gar in der DNA jeder Kreatur. Wie Katja Müller-Lange von Wespen erzählt, die einander buchstäblich aus dem Schlamassel zerren, ist ein Beispiel für jene seltene Qualität der Literatur, die gleichzeitig packt und empirisch exakt standhält.

Gepriesen sei bei dem Thema aber auch diese lakonische Einsicht: Dass der Mensch bei fremdem Elend «nicht wegschaut, sondern die Ärmel hochkrempelt, reicht fürs Erste».