Alicia Keys: «Musikalisch mache ich keinen Kompromiss»

Die erst 28-jährige amerikanische Sängerin und Pianistin Alicia Keys ist eine grosse Kämpferin. Die AZ hat die Souldiva begleitet.

ruedi Amstutz

Wenn sie zu Studenten spricht, wie im Oktober an der New York University, dann klingt die erst 28-jährige Alicia Keys, als hätte sie schon ein ganzes Leben hinter sich. Sie warnt vor Fehlern, erläutert die Tiefpunkte ihres Lebens, analysiert und erteilt Ratschläge. Einer der anwesenden Musikstudenten will von ihr gar Tipps, wie man einen todsicheren Hit schreibt: Sie antwortet: «Denk nicht an den Erfolg. Ein Song ist immer nur so gut wie die Wahrheit, die in ihm steckt.»

Zwei Tage später, im persönlichen Gespräch, ist die Jugend von Alicia Keys wieder erkennbar, obwohl die leicht dunkle Stimme immer noch wesentlich älter klingt. Sie sei halt das Produkt von New York City, meint sie nicht ohne Stolz. «Diese Stadt hat mich geformt, aus mir gemacht, was ich heute bin. Und es ist eine harte Stadt, in deren Drive und Energie man nie nachlassen darf und immer wieder aufstehen muss, wenn man mal gefallen ist.» Vertont hat sie ihr Verhältnis zu New York in einer fulminanten Ode: «Empire State of Mind», jenem Hit im Duett mit Jay-Z, den sie nun auf ihrem Album «The Element Of Freedom» als Fortführung präsentiert.

Als Kind einer irisch-italienischen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters im berüchtigten irischen Viertel Hell's Kitchen aufgewachsen, kann man den Grund nachvollziehen, weshalb sie oft spricht, als hätte sie schon alles gesehen.

Alicia Keys beeindruckendes Debüt von 2001 hat wie kein anderes Album dieses Jahrzehnts Einblick in die schier unendlichen Talente einer damals noch völlig unbekannten Musikerin offenbarte: «Songs In A Major» klingt noch heute fulminant, auch wenn sich nun zeigt, dass diese Platte mehr als Sammlung von Möglichkeiten gedacht war, denn als konkreter Hinweis, in welche Richtung es Alicia Keys einmal verschlagen könnte.

War «Diary Of Alicia Keys» (2003) noch ganz und gar im Soul und im R 'n' B verwurzelt, flirtete sie 2007 auf «As I Am» mit Popfragmenten. Nun hat sie für «The Element Of Freedom» den Soul mit dem Pop verschmolzen und die Songs auf Stadiongrösse anwachsen lassen. Dass die Arrangements die Intimität von früher vermissen lassen, habe nichts mit einer bewussten Konzeptänderung zu tun, meint sie. «Das Einzige, was ich mir wünsche: dass ich von Album zu Album wachse. Als Musikerin ist es mir wichtig, dass ich stets weitergehe und nie stehen bleibe. Ich will neue Sounds entdecken, neue Möglichkeiten finden, meiner Musik verschiedene Klangfarben zu verleihen. An Ort zu treten und dieselbe Erfolgsformel immer und immer wieder runterzuleiern: definitiv no fun! Ich will, dass sich meine Alben hörbar unterscheiden.»

Wer Alicia Keys schon live gehört hat, realisiert rasch, dass Studioaufnahmen und Konzerterfahrung sich markant unterscheiden. Auf der Bühne nutzt die klassisch ausgebildete und auch im Jazz geschulte Pianistin ihre Wurzeln und verortet ihre poporientierten Balladen im Spannungsfeld von Soul und Funk. «Die Songs in der Studioversion sind Momentaufnahmen», meint Keys, «und live werden sie neu zusammengefügt, und aus dem Ganzen ergibt sich dann ein Film. Das Publikum, die Musiker, die daraus entstehende Energie erwecken die Songs erst zum Leben.»

Clive Davis, die graue Eminenz der Musikbranche und Entdecker von Keys, lobte einst ihre Weigerung, Kompromisse einzugehen. Und im Gespräch entpuppt sie sich als prägnant, wenn es um ihre künstlerischen Visionen geht. Dennoch ist sie mit 25 Millionen verkauften Schallplatten und 12 verliehenen Grammys ein Superstar, der sich in einer Welt den Lebensunterhalt verdient, in dem ganze Alben zugunsten von einzeln heruntergeladenen Songs und von Klingeltönen das Nachsehen haben. Also doch Kompromisse? «Was das Business betrifft: ja. In der Musik: nein. Ich bin überzeugt», fährt sie fort, «dass es längerfristig mehr bringt, wenn jemand ehrliche Musik macht und seinen künstlerischen Weg konsequent verfolgt.»

Und jammern über den Zustand der Branche wie Lenny Kravitz und Ben Harper, die sich der digitalen Welt mit aller analogen Kraft entgegenstellen, mag sie auch nicht: «Das Musikbusiness war ja ganz zu Beginn ein reines Geschäft mit Singles. Erst später wurde der Rahmen weiter abgesteckt und das Album als ein zusammenhängendes Werk betrachtet. Nun hat der Einzelsong als Einheit wieder Aufwind. Die Zeiten ändern sich. Das sollte aber keinen Musiker daran hindern, grossartige Musik zu schaffen. Veränderungen sollte man nicht partout schlechtreden. Es ist nicht das erste Mal, dass wir wegen einer Entwicklung zum Umdenken gezwungen werden. Neue Herausforderungen sind dazu da, bewältigt zu werden. An ihnen wächst man.» Und fügt noch als Erklärung für den ungestillten Kampfeswillen hinzu: «Hey, this is New York City, Man!» Und dann strahlt sie doch noch wie ein kleines Mädchen.

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