Kunst

Albert Anker zwischen dem Bauerndorf Ins und der Kunstmetropole Paris

Das Museum Allerheiligen in Schaffhausen zeigt den erfolgreichen, den kritischen und den politischen Albert Anker. Geschichte und Kunst sind dabei lustvoll verschränkt.

Das «Mädchen mit Milchkanne und Korb» ist schuld. Das helle, anrührende Bildnis sei als Dauerleihgabe neu ins Museum Allerheiligen gekommen, erklärte Direktor Peter Jetzler. «So entstand die Idee einer Anker-Ausstellung, die grösser geworden ist als geplant.» Was so einfach klingt, bedeutet für das Museum am Rande der Schweiz einen Hosenlupf.

«Albert Anker und der Realismus in der Schweiz» reiht nicht einfach die beliebten – und teuren – Augenfänger aneinander. Jetzler, Historiker und nicht Kunsthistoriker, hat mit über 200 Werken (60 von Anker) vielmehr einen erklärenden und lustvollen Parcours über Anker und die Malerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aufgebaut.

Von Ins nach Paris

Das Bauerndorf Ins und die Kunstmetropole Paris, Realismus und Idylle, Reformpädagogik und der Aufbruch zum modernen Staat: Das alles gehörte zu Albert Anker (1831–1910). Zum Auftakt hängt eines der seltenen Selbstbildnisse. Als «Zofingerstudent» outet er sich als Liberaler. In einer Vitrine liegt der «Schicksalsbrief» Ankers 1853 an seinen Vater in dem er ihm den Abbruch des Theologiestudiums gesteht, denn «die Malerei ist mir noch immer viel lieber.» Er studierte in Paris und pendelte danach zwischen Ins und der Kunsthauptstadt.

Albert Anker ist heute der Inbegriff des Malers aus dem 19. Jahrhundert und gilt als Idylliker. Doch er gehörte zu den Realisten, die sich gegen den beschönigenden und einengenden Akademismus der Zeit stellten. Dieser Gegensatz wird mit Gemälden von Calame, Bonheur, Courbet und eben Anker vorgeführt.

Realistisch zu malen, bedeutete auch, dass Anker Studien machte, dass er nach Modellen malte und Gegenstände (Milchkanne, Teekrug, Tassen) als Versatzstücke im Atelier lagerte. Einige dieser Dinge, wie auch seine Palette und Farben, stehen in Vitrinen und geben den Gemälden einen währschaften Boden.

Die Akademien legten auch die Rangliste der Gattungen fest: Historienbilder galten – ideell und finanziell – am meisten, es folgten Genre-Bilder, Porträts und Tierbilder. Landschaften und Stillleben rangierten am Schluss, erst die Moderne wird das umkehren. Bei der Präsentation dieser Hierarchien sind die Wände in Schaffhausen rot gestrichen, die Bilder wie im Pariser Salon dicht an dicht und bis zur Decke gehängt. Kunstgeschichte wird so wirkungsvoll zelebriert.

Die Goldmedaille

Der Salon mit Hunderttausenden von Besuchern war das Kunstereignis des Jahres in Paris: mit Karikaturen wird gezeigt, wie tausende von Künstlern ihre Bilder zur Begutachtung brachten, wie die Jurys wirkten und die Refüsierten litten. Anker aber hatte Glück: 1866 gewann er mit einem Doppelkinderbildnis eine Goldmedaille (sie liegt in einer Vitrine). Das sicherte ihm fortan den Zugang, und seine Bilder fanden international Käufer. Um sein Einkommen aufzupolieren, malte er auch über 500 Fayencen – Teller und Keramikplatten – für den führenden Keramikhersteller Deck in Paris.

In Paris amtete Anker als Kommissär für die Schweizer Schau an der Weltausstellung 1876, in Bern war er Grossrat und als Mitglied der eidgenössischen Kunstkommission prägte er die Kulturpolitik mit.

1877 wurde mit dem Fabrikgesetz Kinderarbeit abgeschafft, Kirche und Staat wurden gesetzlich entkoppelt. Schreibende Kinder, fröhliche Kinderkrippen und Schulszenen malte er als Verfechter der Reformpädagogik. Und wenn er einen Gemeindeschreiber oder eine Ziviltrauung liebevoll ins Bild setzte, machte er das als Verfechter der neuen Staats-Ordnung.

Die rasanten Neuerungen in der Kunst machte Albert Anker, nach einem Schlaganfall mit 70, allerdings nicht mehr mit. Ein Kabinett mit Gemälden von Hodler, Amiet und Vallotton zeigt prächtig, wo die Malerei nach ihm hinsteuerte.

Albert Anker und der Realismus in der Schweiz. Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen. 22. März bis 1. September.

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