Afghanistan

Afghanen auf der Spur der eigenen Kultur

Einfache: Die Module zu Paul Bucherers Wanderausstellung können einfach zusammengesteckt und wieder abgebaut werden. In der afghanischen Provinz, wo Nägel und Schrauben Mangelware sind, ist das ein grosser Vorteil. (Martin Töngi)

Paul Bucherer

Einfache: Die Module zu Paul Bucherers Wanderausstellung können einfach zusammengesteckt und wieder abgebaut werden. In der afghanischen Provinz, wo Nägel und Schrauben Mangelware sind, ist das ein grosser Vorteil. (Martin Töngi)

Paul Bucherer hat mit Material aus seinem Bubendörfer Afghanistan Institut eine Wanderausstellung zusammengestellt. Sie wird nun in allen 11 000 Schulen Afghanistans gezeigt.

Hans-Martin Jermann

Tränen in den Augen hatte Hamid Karzai, als ihm im Präsidentenpalast in Kabul ein Entwurf zur neuen Ausstellung über die Geschichte Afghanistans präsentiert wurde. Die Ergriffenheit des Staatspräsidenten und anderer hochrangiger afghanischer Vertreter beim Anblick der Schautafeln mag erstaunen, hat aber ihre Gründe: Die Bilder, die Paul Bucherer in seiner Ausstellung zeigt, gibt es in Afghanistan nämlich nicht mehr.

Millionen Fotos verbrannt

«Bilder, welche die Geschichte des Landes dokumentieren, sind in den letzten Jahrzehnten systematisch vernichtet worden», sagt Paul Bucherer. Zum Beispiel das Bildarchiv der nationalen Nachrichtenagentur: Nach der kommunistischen Machtergreifung von 1978 wurden Millionen von Schwarz-Weiss-Fotos in Säcke verpackt, abtransportiert und verbrannt. In den heutigen afghanischen Geschichtsbüchern gibt es keine Bilder. «Selbst Historiker wissen oft nicht, wie die früheren Könige und Freiheitskämpfer ausgesehen haben», verdeutlicht Bucherer. Hinzu kommt, dass die Taliban und zuvor die sowjetischen Besatzer auch die mündlich überlieferten Heldengeschichten unterdrückten, die jeweils an langen Winterabenden von Generation zu Generation weitergegeben wurden. «Die staatstragende Idee einer Nation, einer Gemeinschaft, wurde damit zerstört», betont Bucherer.

Nationale Identität stärken

Dennoch gibt es jetzt eine Ausstellung, die den jungen Afghanen die Helden ihres Landes, nicht mehr existierende Königspaläste und Kulturdenkmäler sowie geschichtliche Zusammenhänge in Bildern und Texten näher bringt. Das Material stammt aus dem riesigen Fundus des Afghanistan Instituts in Bubendorf, das Paul Bucherer seit 1975 betreibt (siehe Update).

Die einzigartige Ausstellung verfolgt ein ehrgeiziges Ziel: Sie will die nationale Identität der Afghanen stärken. Damit könne fundamentalistischen Tendenzen der Nährboden entzogen werden, sagt Bucherer. Zudem sei ein nationales Bewusstsein für die Entwicklung des Landes zentral: «Die Afghanen müssen wissen, was sie wollen. Doch dazu müssen sie zuerst wissen, woher sie kommen.» Bucherer betont, der Bevölkerung nichts aufpfropfen zu wollen. «Ich mache nur, was von afghanischer Seite gewünscht wird.» Die Idee zur Ausstellung kam denn auch von einem Afghanen. Das afghanische Bildungsministerium, zu dem Bucherer gute Kontakte unterhält, sorgt nun für die Zirkulation der Ausstellung.

68 Kopien wandern durchs Land

So sollen in den nächsten drei Jahren alle 11 000 Schulen Afghanistans in den Genuss von Bucherers «Geschichtsstunde» kommen. Sechs Millionen meist junge Menschen werden dann nicht nur die Bilder bestaunen, sondern auch die in den beiden Landessprachen Paschtu und Dari sowie Englisch und Deutsch verfassten Texte lesen. Um dies logistisch zu ermöglichen, hat Bucherer die Ausstellung in 68 Exemplaren anfertigen lassen - zwei für jede der 34 Provinzen des Landes, das ungefähr so gross ist wie Frankreich. «Wir müssen die Ausstellung zu den Menschen bringen», erklärt er. Würde sie alleine in Kabul gezeigt - das Nationalmuseum würde sich anbieten - wäre die Beachtung nie so gross.

Bei der Konzeption musste Bucherer etliche Eigenheiten des Landes berücksichtigen. Die Wanderausstellung besteht nicht zufällig aus fünf frei stehenden Türmen. Wände sind zur Präsentation nicht nötig. «Auf dem Land gibt es oft keine Schulräume. Der Unterricht wird in Zelten oder im Freien, im Schatten der Bäume, abgehalten», ruft Bucherer in Erinnerung.

Als Architekt hat er die Module so entworfen, dass sie einfach zusammengesteckt und wieder abgebaut werden können. Weder Nägel noch Schrauben sind nötig. In der afghanischen Provinz sind auch Werkzeuge und andere Kleinteile Mangelware. Das Fundament der Türme bildet die Kiste, in welche die Schautafeln eingepackt werden können. «Es sind diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die in einem kriegsgeplagten Land darüber entscheiden, ob eine solche Ausstellung erfolgreich ist», sagt Bucherer. Deshalb wurden auch die 68 Betreuer der Ausstellungen in einem einwöchigen Kurs in Kabul ausgebildet.

Beiträge auch aus Baselland

200 000 Franken hat die Ausstellung gekostet. Finanziert wurde das Projekt unter anderem vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), dem deutschen Auswärtigen Amt sowie vom Baselbieter Lotteriefonds. Paul Bucherer hat für die Ausstellung das Konzept verfasst, die Bilder zusammengestellt und die Texte geschrieben. Dafür weilte er seit Anfang 2007 mehr als anderthalb Jahre in Afghanistan. Einheimische Handwerker fertigten die Holzmodule schliesslich an. Bucherer betont, abgesehen von den rückvergüteten Reisespesen keinerlei Entschädigung bezogen zu haben. «Die Ausstellung liegt mir am Herzen. Ich hoffe, damit dem afghanischen Volk auf seiner Suche nach einem neuen nationalen Bewusstsein helfen zu können - auch wenn es nur ein bisschen ist.» Nimmt man die Rührung der Staatsgäste bei der Präsentation der Ausstellung zum Massstab für die Tour durchs Land, so dürfte dies dem Bubendörfer gelingen.

Die Ausstellung über die Geschichte Afghanistans ist dieser Tage auch kurz in Liestal zu sehen. Infos unter: info@afghanistan-institut.ch

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