Literatur
Adolf Muschg über Günter Grass: «Er war klug, aber weise war er nicht»

Literatur Adolf Muschg über seine Begegnung mit Günter Grass, dessen Mitgliedschaft in der SS und weshalb die Warnung des verstorbenen Nobelpreisträgers vor einem Dritten Weltkrieg ernst zu nehmen ist

Christoph Reichmuth, Berlin
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Günter Grass, Adolf Muschg und Max Frisch 1975 an einer SP-Versammlung im Zürcher Volkshaus.Keystone

Günter Grass, Adolf Muschg und Max Frisch 1975 an einer SP-Versammlung im Zürcher Volkshaus.Keystone

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Adolf Muschg, erzählen Sie uns doch von Ihrer ersten Begegnung mit Günter Grass.

Adolf Muschg: Das war im Haus von Max Frisch im Onserone-Tal, um 1970 oder kurz danach. Frisch war mit Grass seit ihrer Berliner Zeit befreundet und stellte mich ihm vor, und ich war gebührend beeindruckt. Ich hatte mir den Autor der «Blechtrommel» unbändig vorgestellt, aber er wirkte zurückhaltend, nachdenklich und sehr zivilisiert, ein Gentleman.

Adolf Muschg Adolf Muschg (1934) wurde in diesem Jahr mit dem «Grand Prix Literatur» ausgezeichnet, der höchsten Literaturauszeichnung der Schweiz. Muschg studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und Cambridge und schrieb seine Doktorarbeit über Ernst Barlach. Zwischen 1959 und 1962 unterrichtete er an einem Zürcher Gymnasium. Danach arbeitete er als Lektor und Professor an verschiedenen Hochschulen, namentlich in Deutschland (Universität Göttingen), Japan und den Vereinigten Staaten. Von 1970 bis 1999 war er als Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich tätig. Seit 1976 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und präsidierte diese zwischen 2003 und 2005. Er ist ebenfalls Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Adolf Muschg lebt in Männedorf bei Zürich.

Adolf Muschg Adolf Muschg (1934) wurde in diesem Jahr mit dem «Grand Prix Literatur» ausgezeichnet, der höchsten Literaturauszeichnung der Schweiz. Muschg studierte Germanistik, Anglistik und Philosophie in Zürich und Cambridge und schrieb seine Doktorarbeit über Ernst Barlach. Zwischen 1959 und 1962 unterrichtete er an einem Zürcher Gymnasium. Danach arbeitete er als Lektor und Professor an verschiedenen Hochschulen, namentlich in Deutschland (Universität Göttingen), Japan und den Vereinigten Staaten. Von 1970 bis 1999 war er als Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich tätig. Seit 1976 ist er Mitglied der Akademie der Künste Berlin und präsidierte diese zwischen 2003 und 2005. Er ist ebenfalls Mitglied der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Adolf Muschg lebt in Männedorf bei Zürich.

Alex Spichale

Waren Sie fasziniert von diesem Mann?

Faszinierter als von seiner «Blechtrommel» konnte ich von seiner Person gar nicht sein. Ich lernte ihn später immer mehr als Handwerker kennen, aber auch als Koch – im Umgang mit sinnlichem Material wirkte er am stärksten. Seine Gegenwart hatte etwas angenehm Nüchternes, ohne dass man sich ernüchtert fühlte. Auch das Du mit ihm war eher sachlich-professionell als bekenntnishaft – Genossen waren wir zuerst als Pfeifenraucher – auch Frisch gehörte ja zu dieser aussterbenden Art.

Wir gehen davon aus, dass – wenn Frisch, Muschg und Grass an einem Tisch sitzen – das Gespräch sehr politisch war.

Ich erinnere mich beim besten Willen nicht mehr an den Inhalt unserer ersten Unterhaltung im Tessin – geblieben ist ihre Aura. Sie gab einem das Gefühl: Wir sind unter Weggefährten, selbstkritisch, auch wenn es um das eigene Land ging. Als Deutscher wirkte er unaufdringlich und war auch dank seiner ersten Ehe mit Anna Schwarz ziemlich eingeschweizert. Er war über unsere Bräuche im Bilde.

Günter Grass galt als Mahner und wichtiger Redner. Max Frisch erkannte bei Grass allerdings wenig schmeichelhaft einen «Hang zur Publizität». Beobachteten Sie Günter Grass’ Einmischung in die Aktualität ebenfalls mit Argwohn?

Natürlich verlautbarte Grass mit Gusto, aber im persönlichen Kontakt wirkte er nicht schulmeisterlich; er liebte pointierte Formulierungen und erwartete sie auch von seinem Partner. In der jungen Bundesrepublik ärgerte man sich oft über ihn, aber man hat ihn gehört – unversöhnliche Fronten haben sich erst nach 68 gebildet, und mit seiner Sprache gehörte er nicht dazu. Manchmal sprach er in heiligem Ernst, aber als Sektierer habe ich ihn nie erlebt.

Hätte Günter Grass mit seiner «Blechtrommel» auch Erfolg gehabt, wenn das Buch 20 Jahre später auf den Markt gekommen wäre?

Ein Buch, das Erfolg hat, muss mit dem Geist der Zeit zusammentreffen, zum Echo gehört immer auch ein bestimmter Raum. Auch Goethe hat nur einen Werther geschrieben – und danach zwar bessere Bücher, aber nicht mehr so wirkungsvolle. Walter Benjamin, der Philosoph und Literaturkritiker, sagte einmal: Wenn sich der Wahrheitsgehalt eines Werks von seinem Sachgehalt getrennt habe, entscheide er über seine Unsterblichkeit. Weniger gross gesprochen: Die Zeiten des Blechtrommlers Oskar mögen vorüber und vergessen sein, er behält eine faszinierende Gegenwart, weil neue und andere Leser etwas Eigenes in ihm erkennen. Die Bücher von Grass behalten, glaube ich, das Zeug für solche Entdeckungen. Sie sprechen für sich – zu jeder Zeit.

Grass wurde nach seinem Tod von Feuilletons vor allem als politischer Denker denn als bedeutender Schriftsteller gefeiert. Zu Unrecht?

In der Politik riskiert man immer, richtiggestellt oder ins Unrecht versetzt zu werden. Das ist ihm oft passiert. Grosse Literatur geht anders. Dass sich Grass immer wieder politisch geäussert hat, macht nur den grössten Lärm; er wird schon in zehn oder zwanzig Jahren verklungen sein, während man – wie ich glaube und hoffe – beispielsweise die Sprache seiner Gedichte zum ersten Mal richtig hören kann. Als politischer Mensch kann und muss man irren. Beim Künstler ist der Irrtum im Spielraum des Werks eingeschlossen. Wenn es lebt, dann von seiner Mehrdeutigkeit. Es muss nicht recht bekommen, und insofern behält es immer recht.

2006 geriet Grass in die Kritik, weil er offenbarte, in den letzten Kriegsmonaten Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Waren Sie erstaunt von diesem späten Bekenntnis?

Ich war viel mehr erstaunt über den Aufschrei, den dieses Geständnis ausgelöst hat. Für mich hat er seit der «Blechtrommel» unaufhörlich gestanden, ein Teil der deutschen Geschichte gewesen zu sein – gerade auch ihres schrecklichsten und peinlichsten Kapitels. In diesem Sinn ist die «Danziger Trilogie», ein einziges Geständnis, in dem der Stiefvater Oskars am Parteiabzeichen erstickt, das er vor dem Einmarsch der Russen verschluckt hat. Die selbsterzeugte Kleinheit Oskars und sein Zertrommeln von Glas ist ein beissender Kommentar zur «inneren Emigration». Grass hat nie verleugnet, dass er selbst im Glashaus sitzt, das sein Oskar zerdeppert. Damit unterscheidet er sich von denen, die es nicht gewesen sein wollen oder sich umgekehrt in einen nicht weniger unappetitlichen Schuldstolz flüchten. Als Politiker mag Grass nicht immer die korrekten Antworten gegeben haben – das ist beim «Dritten Reich» heute genau so schwierig wie 1945 –, aber als Schriftsteller hat er die richtigen Fragen gestellt. Damit macht man sich nicht beliebt. Thomas Mann hat einmal gesagt: unter Hitler habe sich das Beste der Deutschen in ihr Schlimmstes verkehrt. Danach hat Grass als Künstler gehandelt. Er ist Teil einer deutschen Geschichte geblieben, an der die Deutschen lieber keinen Anteil hätten. Aber es bleibt leider wahr, dass die grosse Mehrzahl der Deutschen diesen Führer geliebt hat. In diesem Trauerspiel ist es doch nur eine Fussnote, dass Grass mit siebzehn Jahren einmal in einer SS-Uniform gesteckt hat. Dass daraus eine Haupt- und Staatsaktion wurde, ist ein klassischer Fall von «haltet den Dieb». Wer Grass nicht gelesen hat, wollte jetzt sein Geständnis vermisst haben.

Gilt das als Entschuldigung für eine Mitgliedschaft in der SS? Es gab auch Beispiele des Widerstandes, Stichwort «Weisse Rose».

Ich habe als Zolliker Pfadfinder noch 1947 «Harus, harus in eine neue Zeit» lauthals mitgesungen, und wenn man mir gesagt hätte, dass ich den Kampfruf unserer «nationalen Front» in den Mund nehme, hätte mir auch das – fürchte ich – die Stimmung am Lagerfeuer nicht verdorben. Hauptsache: männlich; ich gehörte dazu. Auch Hans Scholl war zuerst ein flotter Hitlerjunge. Wer, wenn er nicht Jude oder Kommunist war, hätte sich damals der tollen Sache nicht freudig angeschlossen? Wer sich von solchen Sünden frei weiss, werfe den ersten Stein. Und ich erlaube mir, ihn dann immer noch eher für einen Fantasie- und Ahnungslosen zu halten als für einen guten Menschen.

Kritisiert wurde er weniger für die Mitgliedschaft in der SS an und für sich, vielmehr für den späten Zeitpunkt seiner Offenbarung. Zumal es Grass zuvor nicht unterlassen hat, BDR-Politiker dazu aufzufordern, ihre NS-Vergangenheit offenzulegen.

Ja, er hat ausgeteilt, das war nicht klug, und nicht korrekt, glücklicherweise. Aber das war Grass – so kühn, auch bei andern vorauszusetzen, sie behielten die gebrechliche Grundlage im Auge, mit der die Bürgergesellschaft leben muss, die deutsche mehr als jede andere. Auch politische Karrieren sind darauf gebaut, seine eigene inbegriffen.

Grass reagierte verletzt. Wie haben Sie ihn in dieser Zeit selbst erlebt?

Verletzt, empört, auch ungeschickt. Er hatte keinen PR-Berater, und hätte auch nicht auf ihn gehört. Einem Opportunisten wäre der Fall nicht passiert, und Grass ist davon auch nicht weise geworden. Aber wenn man des Hintergrunds einer Freundschaft sicher ist, kann ihr eine Unklugheit nichts anhaben. Zu diesem Hintergrund gehört bei mir die Episode an einer norddeutschen Literaturveranstaltung: Neben dem arrivierten Grass durften auch vier jüngere Autorinnen und Autoren auftreten, und ich war einer von ihnen. Danach erkundigte er sich im Hinterzimmer nach unserem Honorar. Es zeigte sich, dass er das Vierfache bekommen hatte. Da protestierte er beim Veranstalter und ruhte nicht, bis alle gleich behandelt worden waren. Natürlich kann man in diesem Protest auf eigene Kosten immer noch eine Abart von Eitelkeit wittern. Grass war ein Charakter, der üble Nachrede anzog, und war auch so unklug, sie herauszufordern.

2012 geriet Grass abermals in die Kritik, nachdem er in einem Gedicht Israel scharf attackierte.

Manchmal könnte die Politik auch von der Literatur lernen. Auch als Deutscher muss man sich zu Israel nicht den Mund verbieten lassen. Und es gibt für Deutsche kein grösseres Tabu als Israel.

Warum haben Sie Grass danach so in Schutz genommen?

Mein verstorbener Freund Yehuda Elkanaa meinte, nach dem Holocaust sei es das grösste Verhängnis Israels gewesen, dass es ihn zur Grundlage seiner Identität gemacht habe. Sie wurde mit dem Eichmann-Prozess besiegelt und jeder Diskurs über Israel und die Juden darauf eingeschworen. Er sei mit einem bestimmten Sprech- und Denkverbot verbunden, das den Diskurs über Israel – vor allem bei den schuldigen Deutschen – unfrei, sogar unehrlich mache, bei bestem Willen zum Gegenteil. Mit dem Holocaust schneide eine absolute Trennlinie zwischen Gut und Böse vernünftige Handlungsmöglichkeiten ab – auch für Israel selbst. Das sagte mir ein Jude. Gibt es für andere ein Verbot, es nachzusprechen? Vielleicht, auch wenn sie beim besten Willen nicht danach handeln können. Aber darf es ein Deutscher nicht einmal denken?

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