Literatur

Aargauer Schriftsteller Klaus Merz wird 70 und kein bisschen lauter

Für seinen Roman «Jakob schläft» gewann er den Hermann-Hesse-Preis: Klaus Merz wird am 3. Oktober siebzig Jahre alt.HO

Für seinen Roman «Jakob schläft» gewann er den Hermann-Hesse-Preis: Klaus Merz wird am 3. Oktober siebzig Jahre alt.HO

Der Schriftsteller Michel Mettler schreibt über seinen Kollegen Klaus Merz zu dessen 70. Geburtstag. Für seinen Roman «Jakob schläft» erhielt er den Hermann-Hesse-Preis.

«Kind Renz»: Diese Inschrift auf einem Grabkreuz eröffnet den Roman «Jakob schläft»; acht Buchstaben, die mich und Tausende von Lesern auf die Reise durch ein ebenso weiträumiges wie schmales Buch geschickt haben. Solch eine Exposition lässt biblische Anfänge anklingen. Was ihr folgt, ist eine Education sentimentale in einer der typisch-eigensinnigen Talschaften der Schweiz. Auf sie trifft zu, was Peter Weber einst über das Toggenburg sagte: Sie liegen «gleich einem langgezogenen Mollakkord quer zur Weltgeschichte». An diesem nur scheinbar abseitigen Ort wächst ein Erzähler auf, der tatsächlich von sich behauptet, er habe am Grabkreuz seines Bruders lesen gelernt. Auf ähnlich radikale Weise hat nur noch ein anderer Aargauer, Hermann Burger, das Leben vom Alphabet des Todes her buchstabiert. 

Einem Autor mit schwächerem Stilempfinden geriete eine solche Eröffnung fraglos zum Kitsch. Denn die beiden Einsilber «Kind» und «Renz» stehen für den älteren, «verlorenen» Bruder des Erzählers, der ungetauft und deshalb ohne Namen gestorben ist. Dabei hat man sich in dem kleinen Bäckershaushalt auf ihn vorbereitet und hat sich schon einen Namen für ihn zurechtgelegt: Jakob.

Wer auf diese Art schläft, den soll man nicht wecken, wenn man über ihn schreibt. Auch deshalb wollen die Worte behutsam gesetzt sein. Sie können totes Holz zum Leben erwecken, und wenn sie auch das Entgangene nicht zurückbringen, so stehen sie doch für das, was davon geblieben ist. Und sei es ein Kreuz, das im Schuppen langsam verwittert.

Soweit eine der grossen Eröffnungen der Schweizer Literatur. Daraus folgt in aller Konsequenz, derer die erzählende Literatur fähig ist, eine Elegie auf den Kaumgeborenen und die Schicksalsgemeinschaft, die sich um seine Leerstelle versammelt – die «kleinen Leute» jener Zeit. Auf fünfundsiebzig hochkonzentrierten Seiten finden wir ein Panorama des Gedenkens an einen Dorfkosmos und an das viele, was aus seiner vermeintlichen Enge hinausweist, Referenzen an seine Charaktere, die in der Erzählung Wiedergeburt feiern, an das Vertrauen in die Kraft des Lebens ebenso wie an den Verlust desselben, an das spezifische Gewicht eines Sommerabends, an Nähe und Ferne der Geschichte, die vermeintlich anderswo geschrieben wird. Und vor allem an die Fragilität des Lebens in einer Familie, der wenig erspart bleibt, im Guten wie im Argen: der jüngere Bruder in seinem Krankenstuhl, der von Anfällen heimgesuchte Vater, die Mutter unter dem aufziehenden Gewölk der Schwermut.

Der Silbenkünstler

Vor Jahren sagte eine Autorenkollegin: «Prosa kann kompensieren, Lyrik nicht.» Doch wer nun glaubt, Verdichtung bis zur sprachlichen Essenz sei der Lyrik vorbehalten, sieht sich mit Klaus Merz eines besseren belehrt. Seinen Werken, ob sie der Lyrik oder der Prosa zuzurechnen sind, bleibt der elegische Ton erhalten. Er scheint bestimmend für das gesamte Œuvre zu sein: Diese leise, von der Trauer des Verschwindens grundierte Art, wie er «mit gesammelter Blindheit» in das allmähliche Wachsen der Schatten hineinspricht. Sein Schreiben ist auf den Ton eines unausweichlichen Verlusts gestimmt. Der zärtliche Nachdruck, mit dem er auf diesem Moll besteht, bleibt verpflichtend nicht nur für ihn, sondern auch für uns, seine Leserinnen und Leser.

Und wenn er im Band «Garn» schreibt: «Sogar das Erlebte will zuerst / beschrieben sein», dann nennt er nur den Ursprung des Verlusts, über den seine Stimme sich seit bald fünfzig Jahren immer wieder erhebt – das Wissen um eine alphabetische Existenz, die aus dem Wiederbenennen des Immergleichen besteht, in sanfter Variation. Wir buchstabieren uns durchs Leben. Was uns irgend schreib- und lesbar ist, wird uns widerfahren. Unsere Welt ist, was wir von ihr beschreiben können. So weitreichend philosophisch können zwei knappe Zeilen sein.

Aber auch das Geschäft der Philosophie wird nur unter der Hand betrieben. Der Erzähler, der in «Jakob schläft» von seinem Aufwachsen berichtet, tut das einfach, konkret und mit weit aufgesperrten Augen – mit dem Ernst der naiven und eben darum souveränen Erzählerseele. Er nimmt das Tal für die Welt, und alles, was auf diese Weise gesagt werden kann, wird ihm zum Nachruf auf etwas längst Verwehtes. Getreu diesem Programm taucht Jakob, der Titelgeber, erst spät wieder auf, als Beschützerfigur in einem Fieberrausch. Ansonsten ist er der antreibende Abwesende, das also, was jeder Text braucht, wenn er mehr sein will, als was er er-wörtern kann: «Latentes Material». Aber wie viel davon in fünfundsiebzig Seiten gepackt werden kann, ohne dass der Eindruck von Gedrängtheit entsteht!

Über dieses geheimnisvolle Vermögen ist schon viel geschrieben worden. Man hat es zum Wahrzeichen des hier Gefeierten gemacht. Und in der Tat, an diesem Umstand kommt nicht vorbei, wer den literarischen Kosmos dieses Silbenkünstlers würdigen will. Nicht nur spricht hier einer leise – er macht auch nicht viel Worte. Stattdessen sucht er die richtigen aus, um sie ins Licht zu rücken: «Kurze Durchsage».

Acht Buchstaben

Aus wenig viel machen: Im Poetischen ist diese Uhrmacherkunst das Gegenteil von Kleinmeierei. Stattdessen hat Klaus Merz eine im schönsten Sinne schweizerische Tugend zu einer solchen Kunst gemacht, dass man für seine Literatur sagen möchte: Je leiser er spricht, desto weiter trägt seine Stimme. Zum Beispiel diese acht Buchstaben: Im Laufe der Lektüre wird «Kind Renz» zu einer Wortfügung, so einprägsam und zugleich funkelnd, wie nur ein Gebilde sein kann, in dem sich viel Substanz verbirgt – ein grosser Stoff mit seinen Rätseln, seinen Schatten und auch mit der Erinnerung an jene eine Spielform von Wirklichkeit, die es einst gab und die in dem Augenblick, da man sie benennt, vergangen ist. «Kind Renz», schicksalsschwerer Klang und Lebensthema, ist (auch) ein Mantra aus den Tälern, ein drehbares Sinngebilde, das in wechselnden Zusammenhängen wechselnde Bedeutungen annimmt. Und eine zweisilbige Referenz an das, was hätte sein können, wäre der Bruder am Leben geblieben.

Acht Buchstaben, und schon hat er sich eingestellt, dieser Merz-Ton, der ein Werk durchzieht. Lange vor «Jakob schläft» hob er an, und bis heute ist er untrüglich geblieben. Unter seinen sanften Schwingen wird alles Erzählte zu einem Requiem auf die Möglichkeitsform. Und wir dürfen ihn beim Wort nehmen, den Wynentaler Landessender, der im Zweitberuf Uhrmacher ist und feine Gewichte balanciert. Denn bei ihm zählt buchstäblich jede Silbe.

Lenzburg Querfahrt zum Siebzigsten, von und mit Klaus Merz. Fr, 25. Sept., Aargauer Literaturhaus ab 19:15 Uhr.

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