Die Frühlingsfeier beschert Weihnachtsstimmung: Glücklich, aufgeregt, erwartungsvoll warten die Menschen vor dem Aargauer Kunsthaus. Eine Besucherin sagt im leichten Schneetreiben: «Vor drei Jahren fürchtete ich, ‹Blumen für die Kunst› wird wohl ‹es bluemets Trögli›. Aber es ist grandios.»

Ein kahler Baum steht im Foyer, doch, oh Wunder: aus seinem Stamm spriessen blass-bunte Nelken, schön nach Farben geordnet wie ...?  Wie ein konstruktives Gemälde.

Blumenkunst

Blumenkunst

Meisterfloristen können sich im Aargauer Kunsthaus so richtig austoben. Mit Gestecken, Sträussen und Installationen präsentieren sie «Blumen für die Kunst».

Bei diesem Anblick wird klar: Hier gehts nicht um gängige Blumensträusse, nicht um ein paar mit Schleierkraut garnierte Rosen. Der Natur wird kräftig nachgeholfen, schliesslich sollen die Floristen-Kreationen den Kunstwerken Paroli bieten. Mit Pflanzen statt mit Worten wollen sie ein Kunstwerk interpretieren.

Im Treppensaal wuchert dürres Gehölz. Von Urs Bergmann in drei Würfeln gebändigt, ist es die wilde Entsprechung zu Stéphane Dafflons minimalistischer Malerei. Wer genau schaut, sieht rosarote Knospen treiben. Ist es Kirschbaum? Oder ein Pommier d’Amour?

Die Besucherinnen fachsimpeln und werweissen nicht nur hier, sie zücken ihre Handys für Fotos, und manch eine hat eine komplette Kamera dabei. Ein Blütenvorhang aus Hunderten Tulpen, Ranunkeln und Hyazinthen ist eines der beliebtesten Sujets. Welche Blüten aber so betörend duften, ist nicht klar.

Ausstellung «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus

Ausstellung «Blumen für die Kunst» im Aargauer Kunsthaus

Die Spielregeln sind einfach: Das Kunsthaus-Team schlägt den fünfzehn beteiligten Floristinnen und Floristen aus der ganzen Deutschschweiz Werke aus der Sammlung für ihren Dialog vor, historische Gemälde oder zeitgenössische Arbeiten. Diese wählen eines aus und lassen sich dafür eine blumige Kreation einfallen.

Für Augen, Herz und Nase

Am Montag bauten sie ihre floralen Werke vor ihrem Bild auf. Nun blüht, duftet – und welkt es eine Woche lang in den Sammlungsräumen des Aargauer Kunsthauses. Es sei eine Ausstellung für Augen Herz und Nase, lobt Kunsthausdirektorin Madeleine Schuppli.

Oft sind es Farben, die das eine mit dem anderen verbinden: gelb-orange Blüten in einem riesigen violetten Pflanzenkelch verzücken das Publikum vor Luigi Luratis geometrischer Komposition. Beat Zoderers farbiges Geflecht aus Metall habe sie fasziniert, obwohl sie weder Werk noch Künstler gekannt hätten, erklären die Floristen Rolf Wytttenbach und Stefan Friederich. So haben sie aus Ästen und bunten Exoten eine Pflanzenskulptur gebaut.

Oft bekommen die Blumen mehr Lob als die Kunstwerke: «Erstaunlich, dass man sich zu einem so langweiligen Bild wie Rudolf Kollers ‹Pflüger› etwas so Schönes, Lebendiges ausdenken kann», schwärmt eine Besucherin über die Kreation aus Blüten unter einer braunen Erde-Decke von Christine Bracher.

«Blumen für die Kunst» ist in der Schweiz, vielleicht gar in Europa einzigartig. Gesehen hat Angela Wettstein das in San Francisco und hat den Schweizer Verein Flowers for Arts gegründet und 2014 das Aargauer Kunsthaus zum Mitmachen gewinnen können. Das hat sich gelohnt: Der Publikumsaufmarsch in den letzten beiden Jahren war riesig, vor allem kommen auch Leute, die sonst kaum je ein Kunsthaus besuchen. Heute schielen die grossen Häuser in Zürich, Basel oder Bern gar etwas neidisch nach Aarau. Eine kurze Woche lang, in der es verlängerte Öffnungszeiten, Duo-Führungen und Gespräche mit Künstlern und Floristen gibt.

Blumen für die Kunst Aargauer Kunsthaus, Aarau. Nur bis Sonntag, 13. März.