Grosses Interview

86 Jahre alt und kein bisschen müde: Emil Steinberger verrät, was ihn weiterhin auf die Bühne treibt

Kult-Komiker Emil über sein neues Programm: «Ich erwarte, dass die Leute zwei Stunden lachen können.»

Emil Steinberger erklärt im Video, was er von seinem neuen Programm erwartet, wie es mit seiner Freizeit aussieht und warum er gerne in Basel wohnt.

86 Jahre alt und kein bisschen müde: Emil Steinberger, der Kabarettist der Nation, über sein neues Programm, schwierige Zeiten im Zirkus Knie und die Angst vor Fitnesscentern.

Das Mail kommt von Emil Steinbergers Ehefrau Niccel: «Wir sind gleich da.» Das Paar hat wenige Minuten Verspätung beim vereinbarten Interviewtermin im Restaurant Kunsthalle in Basel.

Die Steinbergers, die sich in den 90er-Jahren in New York kennen und lieben lernten, leben seit 2014 am Rheinknie. «Pardon, dass wir zu spät sind, aber wir haben noch so viel zu tun für die Premiere im April», sagt der Komiker. «Es ist die heisse Phase, Requisiten organisieren, und, und, und.»

Dann sind wir ja gleich beim Thema, Ihrem neuen Programm: «Alles Emil – oder?!»

Emil Steinberger: Ach ja? Ich hatte schon Angst, Sie wollen mit mir über Schwingfeste sprechen!

Vielleicht später. Sie betreiben mit Ihrer Tour ja in gewisser Weise auch Sport. Sind Sie süchtig nach Applaus?

Nein, wenn, dann bin ich süchtig nach 300 bis 500 Leuten, die herzhaft lachen können. Beim letzten Programm vor zwei Jahren haben die Leute drei Stunden lang durchgelacht. Das tut
gut. Dem Publikum, aber auch mir. Das Lachen des Publikums ist mein Motor. Für seine positiven Strahlungen bin ich auf der Bühne der einzige Empfänger. Andererseits kommt deswegen leider oftmals meine Frau zu kurz, das zerreisst mir das Herz. Denn sie hat so viele Ideen und Pläne, die sie wegen mir nicht verwirklichen kann.

Für Ihr neues Programm sind 125 Auftritte angekündigt, und das in einem Alter, wo andere Menschen oftmals mit Gebrechen zu kämpfen haben. Wie halten Sie sich mit 86 Jahren fit?

Bis vor kurzem gar nicht. Nun haben wir damit begonnen, einmal wöchentlich in eine Turnstunde zu gehen. Das reicht. So in eine Muskel-Trainingswerkstatt würde ich aber nie gehen. Läck doch mir, diese Apparate. Dort sieht es ja aus wie in einer Druckerei! Diese jungen Leute, die ständig trainieren, um noch schneller, noch stärker zu sein. Die tun mir fast leid.

Sie sind in dem Sinn eher der Ausdauersportler: Beim letzten Programm waren Sie 16 Monate unterwegs. Gab es da Momente, wo Sie dachten, jetzt läge ich lieber zu Hause auf dem Sofa?

He, hallo! Ich denke nie ans Sofa. Und ich denke auch nie ans Alter. Als ich 80 wurde, bin ich richtig erschrocken, weil plötzlich alle Medien darüber berichteten. Da realisierte ich erst, wie
alt ich bin. Gspunne!

Was können Ihre Fans nun vom neuen Programm erwarten?

Der grösste Teil meiner 80 Nummern ist noch immer aktuell. Wenn nicht, habe ich sie modernisiert. Es sind also viele alte Stücke dabei, aber keine vom letzten Programm, also keine Polizeihauptwache, kein Kinderwagen und kein Telegrafenamt.

Können Sie uns ein Beispiel eines Updates nennen?

Ich habe eine Nummer mit dem Velofahrer Hugi. Jetzt hat er sich ein E-Velo gekauft, fährt in die Berge und nervt die Wanderer. Und vielleicht wagt er sich in einen Formel-E-Boliden.

Was ist mit Politik? Sind Merkel, Blocher und Trump nach wie vor aus Ihrem Programm verbannt?

Ich muss mich manchmal fast dazu zwingen, darauf zu verzichten. Dabei sammle ich zig Zeitungsartikel zu politischen Themen. Aber wenn, dann müsste ich ein reines politisches Programm machen. Mit meinen alten Nummern kann ich das nicht vermischen. Dort geht es um das Politikum Mensch und unsere schönen Dummheiten.

Wieso ist Politik für Sie tabu?

Sie ist nicht tabu, aber wenn ich zu parteipolitisch würde, wären viele Zuschauer irritiert. Und einfach nur einen Trump-Witz reissen wäre mir zu billig. Andererseits, nahm ich mir schon den Serviceabbau bei der Post vor, und zwar ziemlich hart.

Kult-Komiker Emil über sein neues Programm: «Ich erwarte, dass die Leute zwei Stunden lachen können.»

Kult-Komiker Emil über sein neues Programm: «Ich erwarte, dass die Leute zwei Stunden lachen können.»

Emil Steinberger erklärt, was er von seinem neuen Programm erwartet, wie es mit seiner Freizeit aussieht und warum er gerne in Basel wohnt.

Als gelernter Postbeamter wären Sie doch der ideale Werbebotschafter nach dem Postauto-Skandal.

Die kennen mich gut genug, dass ich nicht der grösste Freund der Post bin, obwohl ich einmal eine Briefmarke gestalten durfte. Nein, nein, die ehemalige Post-Chefin, die Frau Ruoff, hatte einen schlechten Ruf.

Was macht aus Ihrer Sicht eine gute Pointe aus?

Schwierige Frage. Ich muss mich beim Schreiben einfach immer in eine Person reindenken, die querdenkt. Es darf nicht Schema F sein. In der Querlage entsteht das Skurrile. Und oft weiche ich vom Text während des Programms ab, je nach Stimmung im Publikum. Dann bin ich jeweils froh, wenn meine Frau Niccel hinter der Bühne die neue Pointe notiert, die ich zum Ende der Vorstellung wieder vergessen hätte.

Unvergessen bleiben Ihre Auftritte 1977 als Glace-Verkäufer beim Zirkus Knie. Dieses Jahr feiert er sein 100-Jahr-Jubiläum. Würde Sie ein erneutes Engagement reizen?

Sie haben mich mehrmals gefragt, immer wieder. Aber ich musste absagen.

Weshalb?

Fast schon aus Prinzip. Denn es war ein wahnsinniger Erfolg, das konnte ich schlicht nicht mehr toppen. Knie senior sagte mir zwar immer: Du kannst das Gleiche nochmals machen, die Leute stürmen mir das Zelt! Aber das kam für mich nie infrage. Hinzu kommt, dass es anstrengend war. Ich schwang ja mit dem Seil durch das Zelt, da hatte ich ständig Muskelkater in den Armen.

Der Trubel um Sie erreichte durch den Zirkus einen Höhepunkt. Gab es einen Moment, an dem Sie genug von Emil hatten?

Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, wenn mich die Leute auf der Strasse ansprechen. Dafür habe ich Verständnis, und es freut mich auch. Aber in Biel ist es einmal fast ausgeartet. Das war extrem. Ich wurde regelrecht von Fans belagert. Sie stiegen aufs Dach meines Wohnwagens: «Schaut, er schreibt einen Brief!» – «Was, wirklich?» – «Ja, wirklich!» – «Was schreibt er denn?». Verrückt! So war es ständig.

Wie hielten Sie das aus?

Ich musste stark sein, um nicht völlig durchzudrehen. Plötzlich klopfte es und ein ganzer Kindergarten stand vor der Tür und sang ein Lied für mich. Dann eine Kochschule von vis-à-vis, die mit mir Pizza essen wollte.

Und Sie mussten ständig der nette Emil bleiben.

Ganz genau. Wobei das nicht gespielt ist, ich bin von Natur aus geduldig. Aber einfach war es trotzdem nicht.

Einmal mussten Sie sich angeblich in einem Waggon verstecken.

Ja, das war auch in Biel. Ich wollte in Ruhe etwas zeichnen und sah die Menschenmenge draussen. Da flüchtete ich in einen Waggon, in dem die Zirkus-Stühle gelagert waren, ohne Fenster, stockfinster. Da sagte ich zu mir: «Emil, gahts no?» Die Popularität war unglaublich. Da kamen Bauernfamilien aus den Bergen mit den Kindern an die Kasse, wo es dann hiess: ausverkauft! Das ertrug ich fast nicht. Es gab Leute, die deswegen böse wurden, spuckten die Kassiererin an. Es gibt ein Bild von damals in Zürich. Die Schlange vor der Kasse bewegte sich rund um den ganzen Sechseläutenplatz. Unglaublich!

Was erwarten Sie von Ihren Nachfolgern im Knie, Victor Giacobbo und Mike Müller?

Die kennen ihre Stärken selber am besten. Mein einziger Einwand ist, dass der Zirkus nun Kinder- und Erwachsenenvorstellungen getrennt durchführt. Das finde ich falsch. Das ist ein Bruch. Zirkus ist Familie. Als Vater oder Mutter müssen Sie nun entscheiden: Soll ich am Abend gehen, um Giacobbo-Müller zu sehen? Oder mit den Kindern?

Anders als Giacobbo/Müller traten Sie damals in allen Sprachregionen auf. Welche Unterschiede sind Ihnen in Sachen Humor aufgefallen?

In der Deutschschweiz gab es vom ersten Moment an Applaus, als ich ins Zelt mit der Glace-Kiste trat. In der Romandie hingegen: Totenstille, die Leute kannten mich noch nicht. Aber nach zehn, fünfzehn Sätzen begann das Rauschen. Und am Schluss konnten sie nicht mehr vor Lachen.

Spielten Sie je vor einem Publikum, das Sie nicht lustig fand?

Nie!

Mit seinen Nummern füllte er Hallen und Theatersäle im ganzen Land. So auch im Bernhardtheater in Zürich, wo Kabarettist Emil Steinberger 1981 mit seinem Programm «Feuerabend» auftrat.

Mit seinen Nummern füllte er Hallen und Theatersäle im ganzen Land. So auch im Bernhardtheater in Zürich, wo Kabarettist Emil Steinberger 1981 mit seinem Programm «Feuerabend» auftrat.

Auch nicht in Deutschland, wo Sie ebenfalls auftraten?

Nein, im Gegenteil. Die Deutschen sagen mir immer: So, wie Sie reden, das ist Musik in unseren Ohren! Dann kamen sie in die Schweiz und verstanden kein Wort. Sie sagten: Ja, aber Moment mal, den Emil haben wir doch auch verstanden? Sie dachten halt, mein Hochdeutsch sei Schweizerdeutsch.

Welche jungen Schweizer Kabarettisten gefallen Ihnen?

Ich finde, Michael Elsener macht es in seiner neuen SRF-Show «Late Update» ganz gut. Es ist ein sehr schwerer Posten, den er übernommen hat. Natürlich hat er seinen eigenen Charme, der anders ist als der seiner Vorgänger. Aber ich will keine Urteile abgeben, sonst werde ich wieder zusammengestaucht. Ich weiss auch nicht, warum man niemanden mehr kritisieren darf.

Mit Nathalie Wappler erhält das SRF eine neue Direktorin. Was muss sie anders machen?

Das SRF würde es nie wagen, zwischen den ganzen Musikstücken einfach mal ein Kabarettstück einzuspielen. Warum gibt es immer nur Musik, Musik, Musik? Das ist alles so vorhersehbar, so steif. Schade. Auch beim Fernsehen ist alles durchgetakte, und wie in Deutschland kommen die besten Sendungen erst nach 23 Uhr. Da haben die Menschen am nächsten Morgen doch Ringe unter den Augen.

Welche Sendungen meinen Sie?

Niccel und ich schauen gerne die Talksendung von Markus Lanz und natürlich die «Heute-Show». Die ist ganz toll. Allerdings deprimiert mich die Sendung manchmal. Wenn ich sehe, was die deutschen Politiker –nicht allein die AfD – alles von sich geben, ist das grausam. 80 Millionen, und wo sind die guten Leute? Es macht mich traurig.

Dann können wir doch mit einem politischen Programm rechnen?

Nein, das würde ja doch nicht helfen. Und vielen Menschen würde es wohl nicht gefallen.

Dann müssten Sie wohl wieder nach New York auswandern, so wie 1993.

New York war schön, es hat mir gutgetan. Die Jahre davor in der Schweiz waren intensiv, ich konnte kaum noch etwas sagen, ohne dass daraus eine Riesenstory wurde. Das hat mich belastet.

Zum Beispiel?

Einmal reiste ich zu einem Fototermin nach Lausanne ins «Beau Rivage» und hatte dafür Requisiten dabei. Allerdings war gerade die Libanon-Konferenz im Gange, mit bewaffneten Sicherheitskräften. Natürlich waren sie überrascht, als sie meinen Koffer kontrollierten, ich konnte es ihnen aber schnell erklären. Am nächsten Tag musste ich in der Zeitung lesen: «Emil als Spion verhaftet». Eine andere schrieb: «Emil mit Maschinengewehren gestoppt.» Das war alles überbordend. Manchmal hatte ich Angst, an den Kiosken vorbeizulaufen und die Schlagzeilen zu lesen.

Wie reagieren die Menschen in Basel, wo Sie seit 2014 leben?

Die Basler sind sehr zurückhaltend. Manche laufen neben mir und sagen einfach: «Schön, dass Sie in Basel wohnen, freut uns.»

Kommen auch Kinder und Teenager auf Sie zu?

Ja, heute sogar mehr als vor zehn Jahren. Mir erzählte ein Vater kürzlich, dass er seinem Sohn eine CD gab und ihm sagte, er soll sie sich im Zimmer anhören. Erst wollte der Kleine nicht, weil er sich andere Unterhaltung gewohnt war. Doch als es anfing, konnte er nicht mehr aufhören. Das freut mich, ich bin ein guter Babysitter (lacht).

Was planen Sie in Zukunft? «Die Schweizermacher» ist schon eine Weile her, das war 1978. Wie wäre es mit einem neuen Kinofilm?

Ich bin kein Schauspieler, der Regieanweisungen umsetzen kann. Damals habe ich mitgespielt, weil ich quasi mich selbst spielen konnte.

Der Filmtrailer zu «Die Schweizermacher» (1978).

Und wenn Sie ein gutes Drehbuch in die Finger bekommen?

Meine Frau und ich haben lange an einem eigenen Drehbuch gearbeitet und hatten grosse Hoffnungen, dass der Film zustande kommt. Nachdem wir das Drehbuch einem Produzenten gezeigt hatten, erhielt ich wenige Tag später eine Antwort per Mail: «Wird gedreht!». Es hiess, dass Michael Steiner Regie führen würde und ein Medienhaus sich beteiligen werde. Es wäre natürlich eine Komödie geworden.

Was ist passiert?

Über zwei Jahre haben neue Schreiber am Drehbuch herumgeschraubt. Als meine Frau und ich die fertige Version gelesen hatten, kamen wir unabhängig voneinander zum Schluss: Das drehen wir niemals!

Aber das Original liegt in der Schublade, bereit, gedreht zu werden?

Ja, das schon. Dort liegt aber auch die Idee für einen Dokumentarfilm über mich. Allerdings dürfte auch dieser schwierig zu realisieren sein. Das Fernsehen will einen Dok-Film, der 50 Minuten lang ist. Aber wie will man 80 Jahre in 50 Minuten packen? Das ist doch oberflächlich. Man muss mein Leben spüren können.

Sie sind 86, stehen Sie auch mit 100 Jahren noch auf der Bühne?

Die Zukunft ergibt sich von selbst. Eigentlich wollte ich 1987 ganz aufhören, doch das gelang mir nicht. Wenn etwas reif ist, soll man es machen, egal wie alt man ist. Sei es mit einem Bühnenprogramm, einem Spielfilm oder einer Dokumentation. Oder ich erzähle einfach Geschichten aus meinem Leben. Hauptsache, die Menschen können herzhaft lachen.

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