Albert Kuhn

Wenn kürzlich in einem Meer von Trauer Michael Jackson plötzlich als King (ohne «of Pop») ausgerufen wurde, müsste man in der musikalischen Adelswelt die Proportionen wieder etwas zurechtrücken. Michael Jackson war gewiss der strahlendste und erstaunlichste Sänger, Schauspieler und Tänzer des Mainstream- Pop. Ein unnachahmliches Unikat. Elvis Presley war etwa dasselbe im Rock 'n' Roll, aber eben noch mehr: Seine Stimme und seine Figur waren und sind Flamme und Ikone des Rock 'n' Roll überhaupt. Elvis ist nicht besser als Michael, aber - für die Weiterentwicklung der Musik - eindeutig wichtiger.

Wichtig nicht nur für die Musik, sondern auch für die Gesellschaft der Fünfzigerjahre: Der Rock 'n' Roll war die befreiende Posaune einer neuen Zeit und einer Jugend, die sich von der Strenge der Kriegsjahre lösen wollte, die nicht mehr Krieg, sondern Spass haben wollte. Wer hat den Rock 'n' Roll zuerst gesungen? Natürlich Schwarze. Als ersten Anwärter könnte man Antoine «Fats» Domino nennen, einen schwarzen Sänger aus New Orleans, der 1949 eine neue Art von Boogie zelebrierte. Ike Turner, später Gatte von Tina Turner, interpretierte 1951 einen Instrumentalsong von Pete Johnson (Rocket 88 Boogie) im Rock 'n' Roll-Stil. Kurz: Rock war um 1950 bereits vorhanden - in fast ausschliesslich schwarzer Form und darum nur lokal verbreitet.

DASS SICH DA EIN NEUER Stil abzeichnete, wurde auch den weissen Radioleuten und Musikproduzenten klar. Alan Freedman, ein weisser DJ aus Cleveland, startete 1951 eine Radiosendung namens «Moondog Rock 'n' Roll Party», was die Sache mit dem Rock 'n' Roll allmählich offiziell machte. Der Punkt aber, wo der neue Stil explodieren konnte, war ein Augusttag im Jahr 1953. Ein junger Lastwagenfahrer aus Tupelo betrat das Büro von Sun Records in Memphis. Er hatte wenige Dollar bei sich, mit denen er sich ein paar Minuten Studiozeit kaufen wollte, zwei Lieder zum Geburtstag seiner Mutter: «My Happiness » und «That's When Your Heartaches Begin». Nach den Aufnahmen liess Studioboss Sam Phillips seine Sekretärin Marion Keisker den Namen des Jungen notieren, sowie den Kommentar: «Guter Balladensänger.»

Keisker erinnerte sich später, dass Sam Phillips zuvor immer wieder sagte: «Wenn ich einen weissen Jungen finde, der den schwarzen Sound und das schwarze Gefühl hätte, könnte ich eine Million Dollar verdienen.» Unterdessen versuchten andere Produzenten, dieses Szenario herzustellen. Die dafür ausgewählte Figur hiess Bill Haley. Bill Haley and the Comets waren die erste Rock 'n' Roll Band, die sich als solche bezeichnete. 1954 brachten sie mit «Crazy Man Crazy» den ersten Rock-'n'-Roll- Song in die Charts, die US-Hitparade. Ihr Erfolg bewies, dass es auch für ein weisses Publikum einen Bedarf gab. Aber das galt nicht für Erwachsene. In den USA war es damals unvorstellbar, dass ein Schwarzer so erfolgreich werden könne wie etwa Frank Sinatra. Die Schwarzen hatten die Stimmen und den Sound, die Weissen die Studios und die Radios.

ZUR SELBEN ZEIT FUHR Elvis Presley seine Lastwagentouren, bewarb sich - vergeblich - bei mehreren Bands und ging, wenn er wieder etwas Geld hatte, in die Sun Studios, um weitere Songs aufzunehmen. 1954 erwarb Sam Phillips den Song «Without You» und erinnerte sich an den Teenager mit der Balladenstimme. Am 26. Juni erreichte Marion Keisker Elvis per Telefon. Der Junge kam zwar mit dem Song nicht klar, aber Phillips liess nicht locker und hiess Elvis, einen Song um den andern zu singen. Schliesslich beschloss der Studioboss, zwei lokale Studiomusiker einzuladen, den Gitarristen Winfield «Scotty» Moore und den Kontrabassisten Bill Black.

Die beiden waren nicht sonderlich beeindruckt von diesem scheuen Jungen, aber man verabredete sich auf den andern Tag. Elvis erschien erwartungsfroh, aber die Sessions waren unfruchtbar, es klickte nicht, die Sache schien, mindestens für diesen Tag, gelaufen. Und dann begann Elvis, Arthur Crudup's «That's All Right» zu singen, begann wie ein Verrückter zu zucken und herumzutanzen, Bill packte seinen Bass wieder aus und Scotty seine Gitarre, angesteckt von den Kapriolen des jungen Sängers. Sam Phillips steckte den Kopf ins Studio und fragte: «Was zum Teufel tut ihr da?» Sofort stellte er die Tonbandmaschine an und gleich noch eine zweite, womit er den Slap Back erzeugte, ein kurzes Echo, das zum Markenzeichen des Rockabilly wurde. Es war Rockabilly, was die drei machten, eine weisse Version von Rock 'n' Roll.

Elvis transformierte nicht nur den Sound des Songs, sondern auch die Emotion. Aus einem Klagelied für eine verlorene Liebe wurde eine neue Sache: Eine lebensbejahende Erklärung von Freiheit und Unabhängigkeit. Ein Schuss Euphorie ins Herz Amerikas. Drei Tage später spielte der populäre DJ Dewey Phillipps «That's All Right» in seiner Radioshow. Sofort liefen die Telefone heiss, man wollte wissen, wer dieser schwarze Sänger sei.

Presley wurde darauf als jugendlicher Delinquent vermarktet: Der «erste grosse Schwindel des Rock 'n' Roll». Denn das war er nicht. Die Vermarktung klappte aber viel zu gut. Es war danach an ihm, die psychische Last des Jugendidols und Superstars zu tragen. Da half kein Sam Phillipps und keine Aufputschdrogerie. Am 6. August 1977 wurde es zu viel. Elvis Presley verendete auf der Toilette.