Die Fans von «Fifty Shades of Grey» müssen sich noch ein Weilchen gedulden, bis die Kino-Version kommt. Mit einem Bühnenstück wird ihnen unterdessen die Wartezeit versüsst. Die deutsche Lizenzproduktion der amerikanischen Musical-Version muss sich, offenbar aus rechtlichen Gründen, mit dem Namen «49 ½ Shades!» begnügen. Anfang Jahr war Premiere in Düsseldorf, nächste Woche kommt die Show in die Maag Halle. Auf Einladung des Zürcher Veranstalters durften wir uns im Düsseldorfer Capitol Theater unters Publikum mischen.

Sofa mit SM-Werkzeug

Artig herausgeputzt stehen die Düsseldorferinnen im Foyer herum. Leder, Lack oder Latex sucht man vergeblich. «49 ½ Shades!» wird von Frauengrüppchen besucht, einige haben ihren Mann auf ein Date mitgeschleppt. Über diese womöglich auf die eine oder andere Art Genötigten wird sich von der Bühne herunter noch ein Quäntchen Häme ergiessen.

Im Foyer versucht man, Stimmung zu erzeugen. Über die Lautsprecher wird informiert, wer seine Tasche nicht an der Garderobe abgebe, werde von Christian Grey bestraft. Aber dafür sind wir doch hier! Die Merchandise-Theke bietet die nötigen Sex-Utensilien feil: Peitschen, Handschellen mit pinkfarbenem Plüschüberzug, und dergleichen mehr. Der Andrang hält sich in Grenzen. Weiter hinten steht ein Sofa im Scheinwerferlicht, ausgestattet mit Sado-Maso-Werkzeug – damit sich die Besucher austoben oder wenigstens für die Handykamera so tun als ob. Niemand entblödet sich dazu.

(Quelle: Youtube/MehrEntertainment)

49 1/2 Shades!

Spiessig wie das Original

Das Musical entpuppt sich als eigentliches Singspiel mit einer guten Grundidee: Drei Frauen, die über Frust in der Beziehung und im Bett klagen, nehmen sich in ihrem Lesezirkel «50 Shades of Grey» vor. In diese Rahmenhandlung eingelassen sind die Szenen des Buchs – gewissermassen als leibhaftige Imaginationen. Dieser Kniff erlaubt es, sowohl die Geschichte von Ana und Christian zu erzählen wie auch das Phänomen rund um den Bestseller und seine Rezeption zu thematisieren.

Die Geschichte verläuft ähnlich spiessig wie das Original, und die Botschaft der drei Leserinnen – Frau soll im Bett Spass haben und mitbestimmen – ist von Anfang an geschenkt. Besser ist die Musik. Die Sängerinnen sind teilweise spitze, und die vierköpfige Live-Band spielt knackigen Rock, Funk und Swing. Im Bereich Optik und Tanzkunst stellt das Team von drei Tänzerinnen und drei Tänzern die Hauptdarsteller in den Schatten. Diese sechs sind scharf und sehenswert. Das kann man von der männlichen Hauptfigur nicht sagen. Christians Darsteller, André Haedicke, ist ein kleiner Mann mit Schwabbelbauch, und diese Tatsache wird ins grelle Rampenlicht gezerrt. Man lässt ihn in einem pinkfarbenen Borat-Anzug auftreten. Seine Figur wird als hilfloser Kontroll-Freak und Möchtegern-Dominator lächerlich gemacht. Sogar sein Bekenntnis, eine schlechte Kindheit als ungeliebtes Waisenkind gehabt zu haben, wird vorgeführt und veräppelt.

«Lasst es raus!»

Natürlich ist das Musical eine Parodie und der Wille zum Amüsement ist der grösste gemeinsame Nenner des Publikums – in diese Richtung äussert sich auch Regisseurin Gerburg Jahnke auf Anfrage. Dennoch wird nicht einsichtig, wieso Christian Grey nicht sexy wie im Buch sein sollte. Seine grosse Anziehungskraft ist doch, was ihn für Anastasia derart unwiderstehlich macht, dass sie sich überlegt, ein Vertragswerk zu unterschreiben, in dem steht, dass er sie erniedrigen und verhauen darf.

Wie in der Vorlage kollidiert in «49 ½ Shades!» das Anrüchige mit seinem Gegenteil. Die Botschaft der Lesezirkelfrauen, die sich im Lauf des Stücks zu Nymphomaninnen in Lack und Leder mausern, ist reichlich platt: «Lasst es raus!», schmettern und jubeln sie, und machen auch für den letzten Hinterbänkler klar: Alles kann, aber nichts muss, und auch im Ehebett könnte sich ja wieder mal etwas regen. Nach der Show hastet das Publikum einiges schneller durch das Foyer als zu Beginn. Und als kaum noch jemand da ist, posieren dann doch noch ein paar Frauen miteinander auf dem Sado-Maso-Sofa.

Vorstellungen Zürich, Maag Halle, 9. April bis 4. Mai.