Aargauer Kunsthaus

2012 ist das Jahr der alten Hasen, versierten Malerinnen und jungen Wilden

Das Aargauer Kunsthaus ist wieder fest in Aargauer Kunsthand. 50 hiesige Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre neuesten Werke in der «Auswahl 2012». Es ist ein gelungener Überblick über einen guten Jahrgang

«Auswahl» heisst die Jahresausstellung im Aargauer Kunsthaus. Sie ist Plattform und Treffpunkt, aber kein Jekami. Die Auswahl treffen zwei Jurys: das Kuratorium, das seine Beiträge vergibt und das Kunsthaus in seiner Funktion als Aargauer Kunst-Kompetenzzentrum. 50 Werkgruppen von 214 Bewerberinnen und Bewerbern haben es in die Ausstellung geschafft. Trotz der kleineren Anzahl (15 weniger als 2011) sind die Säle und Kabinette gut gefüllt, denn grössere Werkgruppen und Grossformate bekommen von Kurator Thomas Schmutz den nötigen Raum. Und spannende Nachbarschaften.

Weniger Videos

Das Fazit gleich vorneweg: 2012 ist ein guter Jahrgang, die Ausstellung gediegen, eher ruhig, der Mix wie immer gewagt, das Flanieren angenehmer als auch schon – vielleicht auch, weil es weniger Darkrooms mit Videos gibt. Fotografie, Malerei, Zeichnung sind angesagt. Allerdings in so grosser vielfalt, dass der Rundgang nicht langweilig wird.

Schön, dass viele der «alten Hasen» dabei sind – angefangen beim diesjährigen Gast Anton Egloff. Max Matter zeigt neue schwarz-weisse Papierarbeiten, Zobrist/Waeckerlin eine gekonnte Wandarbeit aus gespannten Fäden, Mireille Gros subtile Gemälde mit Pflanzenmotiven, Stefan Gritsch kleine Farbkörper-«Trophys», die zu seinen besten Arbeiten gehören, Georg Aerni verstörende Architekturaufnahmen, Beat Zoderer und Daniel Robert Hunziker überraschen mit neuartigen skulpturalen Arbeiten... Auch Heiner Richner ist wieder einmal präsent mit unspektakulären Tuschezeichnungen. Otto Grimm zeigt mit Aquarellkreisen, dass mit ihm weiter zu rechnen ist und Annette Barcelo zeichnet surreale Tiere über Buchseiten, auf denen Tabellen zu Lebenserwartungen aufgedruckt sind.

Genug der Aufzählung, die Namen stehen stellvertretend für die vielen alten Hasen und die versierten Künstlerinnen, von denen man gerne Neues sieht. Die Jungen – oder sagen wir es vorsichtiger – die Jüngeren, sie nehmen gerne weiten Raum ein. Christoph Brünggels fotografische Verfremdungen sind – so heterogen sie auch scheinen – doch von einer Idee getragen und Dunja Herzogs Rauminstallation aus plastikumhüllten Dachlatten wohltuend unspektakulär und grosszügig.

Allerdings braucht es ab und an den Blick auf die Schilder oder in die praktische Broschüre auf die Jahrgänge. Denn Kunst von Jungen sieht nicht immer jung aus. Der Porträt-Serie von Thomas Moor (*1988), sieht man den Jahrgang des Künstlers so wenig an, wie Daniel Fahrnis (*1977) zwei gebastelten Stehlampen. Auch die Installation von Andrea Winkler (*1975) aus Rahmen, Gipsstücken und Lampenschirmen hätte sich in den 1970er-Jahren nicht schlecht gemacht. Trotzdem, die Künstlerin hat den Jurypreis bekommen, sie wird an der «Auswahl 13» also Gast sein. Wir sind gespannt und hoffen.

Ehre Freude – und auch Geld

Handfeste Auszeichnungen an der «Auswahl» gibt es vom Kuratorium und auch von der NAB. Die Bank hat diesmal Stephan Wegmüller ihren Preis ausgewählt für die Fotoarbeit «Wasserwerfer». Das Bild wirkt auf den ersten Blick harmlos, doch das thema birgt natürlich politischen Zündstoff.

Zehnmal hat das Fördergremium des Kantons einen Beitrag à 20000 Franken gesprochen. Acht davon an Frauen – das ist doch ein gutes Gegengewicht zu den Förderbeiträgen 2012 in Literatur, Musik und Theater, die fast nur an Männer gingen.In der bildenden Kunst ist die Frauenquote im Aargau eigentlich nie ein Problem, das darf auch einmal erwähnt sein.

Eher aussergewöhnlich ist dagegen, dass die Beiträge 2012 in neun von zehn Fällen an bestandene Kunstschaffende gehen. «Wir erachten es als unsere Aufgabe, Kunstschaffende zu begleiten und sie in neuen Schaffensphasen wieder zu unterstützen», sagt Jury-Präsidentin Eva Bechstein. Sie weist allerdings darauf hin, dass Schwerpunkte kaum steuerbar seien. «Es ist Zufall, dass in diesem Jahr so viele bestandene Kunstschaffende sich beworben haben.» Da sind etwa die beiden Zeichnerinnen Mette Stausland und Franziska Furter. Thomas Schmutz hat sie ins selbe Kabinett gehängt – minimal aber freihändig arbeitet Stausland; reduziert, signalhaft und grafisch sind die verdichteten Bleistiftarbeiten von Furter. Claudio Moser überrascht mit einem riesigen wandgrossen Foto: Ein Ausblick aus einem Flughafen, der Titel «Tel Aviv» verordnet das spektakuläre schwarz-weiss Foto, das quasi einen Fernblick aus dem Kunsthaus bietet. neckisch ist, dass auf der Rückseite der gleichen Wand das ebenfalls riesige Foto «O.T. Surselva» von Ester Vonplon hängt. Zwei Preisträger, zwei Wandbilder, Rücken an Rücken. Gleich selbst in Form gebracht, bzw. in einen paraventartigen Träger gespannt, hat Raoul Müller seine fotografische Arbeit. Der Titel «Walden» verweist auf den Inhalt: postkartenkleine Waldbilder.

Das ist also viel Kunst über Kunst, übers Kunstmachen und übers lustvolle Schauen. Dass Kunst aber auch gesellschaftliche Brisanz und Relevanz besitzt, zeigt die beeindruckende Installation von Ingrid Wildi Merino. Die Künstlerin hat eine facettenreiche Untersuchung zur Geschichte und Entwicklung ihres ursprünglichen Heimatlandes Chile in künstlerische Formen verpackt. Video-Interviews bringen uns Menschen, ihre Geschichten und Meinungen näher, Texttafeln liefern Infos, ein hinterleuchtetes Foto lässt eine umstrittene Stadt in bestem Licht erscheinen. Als Blickfang und Klammer funktioniert die monumentale Video-Projektion aus einer Übertag-Mine – der Soundtrack mit dumpfem Trax- und Lastwagenlärm taucht Wildis Raum in bedrohliches Gebrumm. Die einzige Newcomerin unter den Geförderten, Katja Jug, kann also auf die Zukunft hoffen – und hoffentlich weiter so lebenssprühende Kunst machen.

Auswahl 12 Aargauer Kunsthaus, bis 6. Januar.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1