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Bringuier und Co.: Das sind die Köpfe des Monats Juni

Tonhalle-Dirigent: Der 29-jährige Franzose Lionel Bringuier.

Tonhalle-Dirigent: Der 29-jährige Franzose Lionel Bringuier.

Wer sorgte für Aufsehen? Die Kulturredaktion blickt zurück und pickt vier der interessantesten Kulturmenschen des Monats heraus.

Kaum war er da, war er schon wieder weg. Das ist der Eindruck, den Lionel Bringuier hinterlässt. Und doch: Zwischen dem kaum da und dem kaum weg liegen ganze vier Jahre. So lange war der Franzose Chefdirigent des Tonhalle Orchesters. Angefangen hatte alles mit einer jugendlichen Liebe auf den ersten Blick. Als das Tonhalle Orchester nach 19 Jahren Ära David Zinman auf der Suche war nach einem neuen Chefdirigenten. Zinman hatte durch geduldige Arbeit sowie durch seine international gerühmten CDs (mit dem Tonhalle Orchester) von Beethovens neun Sinfonien aus dem soliden Stadtorchester einen Klangkörper mit internationalem Renommee gemacht. Den Kurs wollte die Tonhalle beibehalten.

Bei zwei Gastspielen mit Dirigent Andris Nelsons hatte das Orchester Feuer gefangen. Aber man zögerte ... und zögerte ..., und in der Zwischenzeit wurde Nelsons anderweitig verpflichtet. Dies steckte dem Orchester noch in den Knochen, als es auf einen noch jüngeren Dirigenten traf. Beim ersten Liebesfunken griffen Orchester und Management zu. Lionel Bringuier hiess der Mann, der noch fast ein Junge war. Der damals 27-Jährige sollte den Kontakt zu einem ebenfalls jungen Publikum knüpfen, er sollte präsenter sein im Stadtleben als sein Vorgänger. Doch richtig angekommen in Zürich ist er nie. Warum nicht?

Schnelle Ernüchterung

Dass er eine Wohnung in der Altstadt bezogen hatte, schien ein vielversprechender Anfang. Ähnlich wie sein Vorhaben, im ersten Jahr sämtliche Orchesterwerke von Ravel aufzuführen. Und vielversprechend war nicht zuletzt gewesen, wie er das Eröffnungskonzert dirigiert hatte: Prokofjews zweites Klavierkonzert stand auf dem Programm mit der herausragenden Solistin Yuja Wang. Die beiden Jungen entfachten ein musikalisches Feuerwerk. Virtuos dirigieren, das konnte Bringuier. Und er nahm alles, was das Orchester an Lautstärke hergab.

Dass er zwar auf der Bühne laute Töne bevorzugte, aber sich neben der Bühne still gab, war wohl eher ein Charakterzug denn ein Fehler. Dass er allerdings das spektakuläre Tonhalle-Provisorium in der Maag mit einem völlig uninspirierten Beethoven einweihte (zu schnell, zu mechanisch abgespult, und – einmal mehr – zu laut), das liess einen das Provisorium schon beim ersten Konzert doch etwas irritiert verlassen. Doch da war das Ende bereits in Sichtweite.

Dies, nachdem die NZZ dem Dirigenten bereits nach wenigen Auftritten eine gewisse Anonymität in der Gestaltung, zu wenig Profil in der Interpretation und einen zu häufig eingesetzten Forteklang konstatiert hatte. Zunächst liessen Dirigent und Orchester noch verlauten: Man sei gemeinsam am Arbeiten. Im August 2016 waren aus der Tonhalle dann ganz andere Töne zu vernehmen: Bringuiers Vertrag werde nicht verlängert. Nach einer einjährigen Phase des Ankommens und einer Phase der Ernüchterung begann nun die zweijährige Phase des Abschieds.

Sie nahm diesen Monat mit einem Konzert am Münsterhof ihr Ende: gratis, gross angelegt und openair. Mit von der Partie war: Yuja Wang. Diesmal mit Prokofjews drittem Klavierkonzert – ein ungewollter Verweis auf den Beginn der Zürcher Zeit? Jedenfalls gelang zum Abschied, was man sich in Zürich vor vier Jahren erhofft hatte: Die Zürcherinnen und Zürcher fühlten sich angesprochen und kamen zu Tausenden.

Anna Rosenwasser (28): Die wortgewandte Aktivistin

Anna Rosenwasser

Anna Rosenwasser

Seit September ist sie Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz – jetzt hielt die Politologin und Journalistin Anna Rosenwasser am 17. Juni beim Demonstrationsumzug Pride Zürich eine aufsehenerregende Eröffnungsrede. Und weil die am besten im Original wiedergegeben wird, hier ein Ausschnitt:

«Liebe Schwestern, Brüder und Geschwister.

(...) Wir sind hier, weil es alle sehen sollen. Dass wir richtig sind, genauso queer, wie wir sind; wir Bisexuellen, denn das ist nicht nur eine Phase; wir Kampflesben, weil wir gerne für etwas kämpfen; wir Asexuellen, die den besten Kuchen abbekommen; wir trans Menschen, die sich selbst am allerbesten kennen; wir Schwuchteln, denn wir scheissen auf das Konstrukt von Männlichkeit; wir Pansexuellen, denen die Leute sagen; ‹aber die Begriff sind doch ali erfunde!› Schätzli. Jedes. Wort. Isch. Erfunde. Ja, wir erfinden uns selbst.

Weil wir uns nicht zufrieden geben mit Happy Ends, die bloss Hetero Ends sind. (...) Wir wollen die gleichen Rechte überall, und zwar jetzt, alles aufs mal. Und wir wollen unsere eigenen Happy Ends: Wir wollen glückliche Queers, und zwar überall: In Büchern und Filmen, in Serien und Fotos. Wenn es Orks und Zauberer, Elfen und Riesen gibt, dann gibt es auch Twinks und Demigirls, Aces und Femmes, Butches und Enbies. Wir verdienen alle ein Happy End, und wenn nicht, dann mindestens verdammt. Gutes. Drama.»

Die Rede erntete grossen Beifall. Ein Einstand nach Mass für die Wahlzürcherin. 

Teju Cole (43): Der Neuerfinder des Sehens

Teju Cole, Schriftsteller und Fotograf.

Teju Cole, Schriftsteller und Fotograf.

Im Jahr 2014 war Teju Cole Ateliergast des Literaturhauses Zürich. Nun kommt der US-amerikanische Autor mit nigerianischen Wurzeln zurück. Der Strauhof in Zürich hat noch bis 29. Juli eine Ausstellung eingerichtet, in der Teju Cole Fotografien und Texte aus seinem jüngsten Werk «Blinder Fleck» (Hanser, 352 S.) zeigt.

Das Buch ist eine Neuerfindung des Reiseberichts. Die darin enthaltenen Bilder und Texte ergeben in ihrem Zusammenspiel einen lyrisch-visuellen Essay. «Mich faszinieren der Zusammenhang zwischen Orten, die Verbindungen, die Schwingungen, die ‹singing line›», sagt der Autor. In seinen Fotografien richtet er den Blick auf Details und zeigt die Gedanken, die diese in ihm auslösen.

Auf dem Brienzersee etwa hört er eine Symphonie von Brahms, oder beim Anblick des Muottas Muragl entdeckt er zwischen den tektonischen Platten die Erinnerung an die Glut der Hexenverbrennungen. Sein Buch ist eine Schule des Sehens. Es beruht auf dem Vertrauen, dass wir Menschen uns auf emotionaler und psychischer Ebene sehr ähnlich sind. 

Carlo Chatrian (46): Berlin ruft

Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter des Filmfestivals Locarno, hat drei Kinder und wohnt immer noch in einem Bergdorf im Aostatal.

Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter des Filmfestivals Locarno, hat drei Kinder und wohnt immer noch in einem Bergdorf im Aostatal.

Er sei ungeeignet, hat Carlo Chatrian stets beteuert. Er sei ja kein Showman und könne kein Deutsch. Trotzdem ist der Italiener ab 2020 neuer Chef der Berlinale. Wo man dem alten Chef – ein deutschsprechender Showman – keine Träne nachweint. Chatrians Motto: Für die Show sind die Filme verantwortlich, nicht er. Das passt. Denn Filmsprache versteht
jeder. 

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