Kulturbetrieb

Brav, bieder, bodenständig: Das sind die Vorurteile über Kunstschaffende

9. August: In Strengelbach haben die Dreharbeiten für den Kinofilm Papa Moll stattgefunden.zvg

9. August: In Strengelbach haben die Dreharbeiten für den Kinofilm Papa Moll stattgefunden.zvg

Kunstschaffende seien faul, links, unseriös, rebellisch und zügellos. Solche und ähnliche Klischees kleben in unseren Köpfen wie Kaugummis unter Kantinentischen.

Vielleicht gab es tatsächlich eine Zeit, in der die Kunstszene sich an der Gesellschaft gerieben hat. Es ist gut möglich, dass Künstler einst das Gegenteil dessen verkörperten, was sich bürgerliche Familien unter Anständigkeit vorstellten. Aber so wie sich die Tätowierung vom Erkennungszeichen der Gesetzlosen und der Seefahrer zur diskreten Verzierung wohlerzogener Vorortsgymnasiastinnen gewandelt hat, so beschränkt sich die Rebellion in der populären Kunst heute darauf, Penner zu beschimpfen (Gölä), in pädagogischem Sprechgesang für eine Automarke zu werben (Stress) oder dem Alpenschlager ein paar elektronische Beats zu unterlegen (Bligg). Das legendäre «Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll» aus den 1960er-Jahren heisst in Mundartpop übersetzt: «Hie bin i deheim!», was nichts anderes meint als: «Lasst uns die Heimat so schön belassen, wie sie nie gewesen ist.»

Die populäre Kunst bewegt sich zwischen Harmlosigkeit und nostalgischer Verklärung eines Idealzustandes, von dem es schon früher hiess, es habe ihn nur früher gegeben. Ungeachtet dieser Realität erklärte der Schweizer Satiriker Andreas Thiel neulich in einem Interview, er werde von den Theaterveranstaltern gemobbt. Er begründet dies mit der politischen Ausrichtung der hiesigen Kulturszene: «Die Kunstszene in der Schweiz ist halt sehr links», sagte er nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal.

Adaptionen von Kindergeschichten

Die Aussage blieb unwidersprochen. Während das Publikum wohl noch darüber nachsinniert, wie sehr links die Szene tatsächlich ist, läuft mancherorts schon die Werbung für die zahlreichen vollkommen unpolitischen Seebühnen- und Wohlfühlmusicals im kommenden Sommer. In den unzähligen Schweizer Kleintheatern haben seit Jahren vor allem Comedy- und Gesangskabarettkunst Hochkonjunktur. Das Frechste, was diese Kunst wagt, ist das eine oder andere Scherzchen auf Kosten von Randgruppen oder hin und wieder ein sexistisches Witzchen, um zu beweisen, dass man sich von der Political Correctness nicht versklaven lässt.

Auch der helvetischen Filmkunst sind derzeit nur schwerlich revolutionäre Absichten vorzuwerfen. Die erfolgreichsten Schweizer Filme der letzten Monate waren Adaptionen von politisch unproblematischen Kindergeschichten (Heidi, Schellen-Ursli). Und bereits wartet die Filmkritik gespannt auf die Verfilmung der Papa-Moll-Comics, von denen wohl niemand wird behaupten wollen, sie seien dazu geeignet, das System zu unterwandern. Bleibt die einheimische Kinoindustrie auf dieser Linie, haben wir für die nahe Zukunft wahrlich keinen politischen Umsturz zu befürchten. Viel realistischer scheint es, sich auf Adaptionen von Globi-Büchern und Pingu-Episoden einzustellen.

Haushaltsprobleme und Parkbussen

Wo aber bleibt die, besonders in Online-Kommentaren ständig beschworene und verunglimpfte, «sehr linke» Schweizer Kunstszene? Die Zeitungskolumne, die in anderen Ländern zuweilen eine Plattform für politische Subversion darstellt, wird in Schweizer Medien nicht selten von literaturfernen Prominenten geschrieben. Dementsprechend bieder fällt meist die Themenwahl im Kolumnistenmilieu aus. Da geht es dann wahlweise um Haushaltsprobleme, ärgerliche Parkbussen oder harmlose Zankereien im Ehealltag.

Selbst bei der Popmusik, wo in früheren Jahrzehnten noch am ehesten eine aufmüpfige Haltung auszumachen war, haben längst die Biedermänner und TV-Sesselkleber die Nase vorne. Das Rezept, jeden Heimatkitsch mit Stromgitarren, Synthesizern und Fantasietrachten ein wenig aufzupeppen, scheint seinen Zenit noch nicht erreicht zu haben. «Come on and clap your hands» ist das Äusserste, was die Fans von ihren Stars an Aufmüpfigkeit erwarten dürfen. Die letzten noch lebenden Protestsänger beziehen längst ihre Altersrente, falls sie überhaupt eine haben. Und ihre ideologischen Nachfolger, die wenigen Rapper und Dichter mit gesellschaftlich relevanten Texten wie etwa Greis, Steff la Cheffe oder Raphael Urweider, müssen trotz relativ guter Publikumsakzeptanz täglich um ihre Existenz kämpfen. Erhalten sie einmal einen Werkbeitrag vom Wohnkanton oder einen Kulturpreis, sind sofort die Dummschwätzer zur Stelle, die jeden Stipendien- oder Preisempfänger als arbeitsscheuen Staatskünstler und Profiteur verunglimpfen, ungeachtet der Tatsache, dass die Mehrzahl der Künstlerinnen und Künstler in der Schweiz selbst mit öffentlicher Unterstützung nicht genug verdienen, um von ihrer Kunst leben zu können.

Öffentliche Gremien

Wer von der öffentlichen Hand einen Zuschuss erhält, gehört gemäss Chris von Rohr zum «linksdominierten Schweizer Kulturbetrieb, der sich so gern liberal nennt, aber dies leider meist nur im Abschöpfen von Staatsgeld ist». Darüber, dass Kulturkommissionen, die öffentliche Gelder verteilen, öffentliche Gremien sind, die sich aus demokratisch gewählten Mitgliedern zusammensetzen, scheint der wütende Altrocker nie nachgedacht zu haben. Lieber als selbst in einer Kulturkommission mitzuarbeiten und für ausgewogene Verhältnisse zu sorgen, wandelt von Rohr durch den lauschigen Garten seines Einfamilienhauses und stellt erstaunt fest, dass alle Künstler links von ihm stehen, weil rechts von ihm gar kein Platz mehr frei ist.

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