«Feuer und Flamme» 1

Comiczeichner Boris Zatko und der standhafte Marinesoldat

60 cm, 15 Kilos und viele offene Fragen: Zatkos Statue eines Marinesoldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

60 cm, 15 Kilos und viele offene Fragen: Zatkos Statue eines Marinesoldaten aus dem Ersten Weltkrieg.

Der Basler Comiczeichner über seinen treuen Begleiter, den er mit elf Jahren in der Wolfsschlucht ausgebuddelt hat.

«Als kleiner Bub habe ich mich auf dem Schulweg sehr viel im Wald herumgetrieben. Ich liebte diese Orte, die mir einen Ausweg boten aus dem heimischen Albtraum einer alkoholkranken Mutter. Bis heute gehe ich gerne auf Kopfreisen und werde zum Abenteurer, was sich auch in meinen gezeichneten und geschriebenen Geschichten niederschlägt.

An jenem Sommertag im Jahre 1984 spielte ich mit einem Freund in der Wolfsschlucht zwischen Gundeli und Bruderholz Räuber und Polis. Ich hatte ein tolles Versteck in der Wurzelhöhle eines alten Baumes gefunden, als ich eine schwarze Ecke aus dem Boden ragen sah. Zuerst dachte ich, das sei ein Stück Plastik, aber es war zu stabil und liess sich mit dem Fuss nicht wegschieben. Also fing ich an zu buddeln und holte kurz darauf meinen Kollegen als Verstärkung dazu.

Mit vereinten Kräften legten wir die Statue eines Marinesoldaten aus dem Ersten Weltkrieg frei. Sie misst mehr als 60 cm und wiegt gute 15 Kilos. Entsprechend dauerte es eine Ewigkeit, bis wir sie zum Leimgrubenweg, wo ich aufgewachsen bin, geschleppt hatten. Schon auf dem Weg nahmen in meinem Kopf die verworrensten Geschichten ihren Lauf: Ist das Diebesgut? Wer hat die Statue da vergraben? Wie lange lag sie unter der Erde?

Vielleicht ein Versteck für einen Schatz wie bei Tim und Struppi

Sehr deutlich kann ich mich an den bärtigen Mann erinnern, der uns beim Tragen ansprach und mir zwei Franken für die Statue anbot; vielleicht was es sogar ein Fünfliber. Auf jeden Fall war es viel Geld für einen Elfjährigen. Der Mann war sehr hartnäckig, doch ich blieb stur und dachte nicht daran, mich von meinem Fundstück zu trennen.

Boris Zatko

Den Fundort seines Soldaten, die Wolfsschlucht, hat er in seinem Roman «Anna Fink» eingebaut.

Den Fundort seines Soldaten, die Wolfsschlucht, hat er in seinem Roman «Anna Fink» eingebaut.

Seither begleitet mich diese Statue bei jedem Umzug. Der Soldat – einen Namen habe ich ihm nie gegeben – wurde mein treuer Begleiter und eine Hilfe, wenn ich in meiner Fantasie in neue Abenteuer abtauchen will. Natürlich habe ich ihn geschüttelt, in der Hoffnung im hohlen Inneren sei der Hinweis auf einen verlorenen Schatz versteckt. So wie bei Tim und Struppi im Band «Der Schatz Rackham des Roten», wo sich im Mast eines Schiffsmodells vom Flohmarkt eine Schatzkarte befindet.

Ein eingravierter Name mit möglichem Verweis auf Basel

Auch war ich im Staatsarchiv und habe auf Google nach dem eingravierten Namen gesucht. Ist «M. Bonierbale» der Künstler oder der abgebildete Soldat? Was hat das «Basel» in seinem Namen für eine Bedeutung? Ich habe nichts gefunden, wobei ich auch gemerkt habe, dass ich vielleicht gar nicht mehr wissen will. Denn so bleibt der Soldat eine Projektionsfläche, eine weisse Leinwand.

Selbstverständlich war ich damals kurz nach dem Fund nochmals in der Wurzelhöhle, denn vielleicht lagen ja noch mehr Schätze dort vergraben. Aber ich habe nichts gefunden und war seither auch ewig nicht mehr dort. Ich sollte mal schauen gehen, ob es den Ort noch gibt. Ich könnte dann meine Söhne mitnehmen, mit denen ich während des Corona-Lockdowns ein paar Ausflüge unternommen habe zu Orten aus meiner Vergangenheit.

Der Soldat hat sich übrigens einen guten Platz ausgesucht bei uns: Er steht im Gang gleich neben der Eingangstür. Das ist vor allem gut für mich, denn so müsste ich ihn nicht zu weit tragen, wenn unser Haus in Flammen stünde. Natürlich gäbe es Wichtigeres, das ich dann retten müsste. Beispielsweise meinen Laptop mit Entwürfen und Zeichnungen, von denen ich unvorsichtigerweise zu selten Back-ups mache. Es gäbe auch Wertvolleres, wie etwa die Kunstdrucke und Originale, die ich an meinen Wänden hängen habe, weil ich keine Poster mag. Doch hat die Statue, die mich nun seit 36 Jahren treu begleitet, den grössten emotionalen Wert.

Eine Erinnerung, bei der eigenen Handschrift zu bleiben

Der Soldat und die Umstände, wie ich ihn gefunden und verteidigt habe, erinnern mich immer wieder daran, dass ich mir immer treu bleiben und nie aufgeben will. Es freut mich, wenn Auftraggeber auf mich zukommen, die explizit mich wollen und nicht einfach einen Zeichner und Schreiber. Es ist erfüllend, wenn meine Handschrift gefragt ist. Ich glaube, das ist es auch, was meine Follower auf Instagram schätzen; die eigene Handschrift. Ich mag diese Plattform. Ich betrachte sie als das grösste Schaufenster der Welt, während Facebook eher die grösste Kanzel der Welt ist. Dass mittlerweile über 60 000 Leute meine Arbeiten verfolgen, ehrt mich, besonders weil ich mich nie aktiv um diese Zahl bemüht habe.

Sehr beliebt sind meine Suchbilder, bei denen ich einen Ort zeichne und das Bild dann dort verstecke. Auch hier zeigt sich meine Liebe fürs Schatzsuchen. Wenn ich das in Basel tue, dauert es nach meinem Post keine halbe Stunde, bis jemand das Bild gefunden hat. Unlängst wurde ich von einem Hotelier aus Zermatt gefragt, warum ich denn so viele Hotels gezeichnet habe, aber seines noch nicht. Daraufhin lud er mich und meine Familie für ein Wochenende ein. Das war schön. Denn ich reise ja auch im richtigen Leben gerne, nicht nur im Kopf. Dann bleibt der Soldat aber jeweils zu Hause.»

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