Montagsinterview

Bluesmusiker Philipp Fankhauser: «Bünzlig find ich eigentlich noch cool»

«Der Blues gab mir Trost, obwohl ich damals die Worte gar nicht verstand»: Philipp Fankhauser.Sandra Ardizzone

«Der Blues gab mir Trost, obwohl ich damals die Worte gar nicht verstand»: Philipp Fankhauser.Sandra Ardizzone

Es ist heiss, hochsommerlich heiss. Zum Interview mit dem Bluesmusiker Philipp Fankhauser (52) treffen wir uns deshalb auf dem Zürichsee.

Der Wind auf der «Uetliberg» macht die Hitze erträglich. Für Fankhauser ist es eine vertraute Umgebung. Der gebürtige Thuner wohnt in der Region Zürich und ist mit seinem Mops Trevor «sehr gern und oft am und auf dem See».

Wie ist Ihre Beziehung zum Wasser?


Philipp Fankhauser: Ich bin mit Trevor, meinem Mops, sehr gern und oft am und auf dem See. Aber ich habe grossen Respekt vor dem Wasser, weil ich als Dreijähriger im Thunersee beinahe ertrunken bin. Beim Spielen bin ich ausgerutscht und in einen Kanal gefallen. Aus dem Wasser sah ich verschwommen meine Kameraden, ich hatte keine Angst, aber es war mir klar, dass ich hier bleibe und sterbe. Wenn mich eine Nachbarin nicht aus dem Wasser gezogen hätte, wäre ich wohl ertrunken.

Trotzdem sind Sie in zwei Wochen mit der Rock- und Blues Cruise schon zum sechsten Mal eine Woche lang auf dem Mittelmeer unterwegs. Diesmal sogar als eine Art Musikdirektor. 


Ja, ich habe mich sehr darüber gefreut, dass die Veranstalter mich als Programm-Berater angefragt haben, nachdem Polo Hofer nach fünf Cruises nicht mehr wollte. Ich habe einige Kontakte geknüpft und den einen oder anderen Act an Bord geholt. So konnte ich Margie Evans engagieren und habe mich für Florian Ast und The Two eingesetzt. Die wichtigste Person auf der MSC Sinfonia ist jedoch Reiseveranstalter Schämpu Schär, der den Superstar Sir Bob Geldof ermöglicht hat.

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Sie feiern in diesem Jahr Ihr 30-Jahr-Bühnenjubiläum. Wo sehen Sie sich in dreissig Jahren?

Hoffentlich auf der Bühne. Wenn es die Gesundheit zulässt. Ein Treffen mit dem Jazz-Gitarristen John McLaughlin diesen Sommer in Montreux hat diese Hoffnung genährt. Er ist 74 Jahre alt, wirkt aber wie ein 50-Jähriger.

Es ist eigenartig. Ich verfolge Ihre Karriere seit den Anfängen, aber eigentlich kenne ich Sie nicht
wirklich. 


Vielleicht hat das damit zu tun, dass es gar nicht so viel über mich zu sagen gibt. Als Privatmann bin ich eigentlich nicht sonderlich spannend, ein ganz normaler Mitbürger in diesem Land ohne Extravaganzen. Keine Laster, keine Exzesse. Das Kiffen hab ich mit 18 Jahren aufgegeben. Mein Dasein limitiert sich weitgehend auf meine Musik. Wenn mich jemand als Musiker kennt, dann kennt er einen grossen Teil von mir.

Wie ist Ihre Herkunft, Ihr familiäres Umfeld?


Mein Vater stammt aus einer Berner Familie von Forstdirektoren, er selbst war Gymnasiallehrer in Thun. Meine im März verstorbene Mutter war jüdischer Herkunft. Ihr Vater wurde ins KZ von Dachau verschleppt, kam aber raus und konnte in die Schweiz flüchten, weil seine Frau, meine Grossmutter, Luzernerin war. Ich habe zwei ältere Brüder, wobei der eine auch im Musikgeschäft tätig ist und das legendäre Musiklokal Mühle Hunziken führt.

Dann kommen Sie aus einem bürgerlich-mittelständischen Umfeld?


Mein Vater kam aus einer gutbürgerlichen Familie. Die Familie mütterlicherseits war dagegen akademisch gebildet und sehr vermögend. Mein Grossvater hatte in Nürnberg Köche und Mägde, verlor dann aber alles an die Nazis. Meine Mutter hatte später Mühe, sich dem neuen, mittelständischen Lebensstil anzupassen, was immer wieder zu finanziellen Problemen führte. Also ich wüsste, wie es ist, reich zu sein. Einfach ohne Geld.

Naja, so schlecht geht es Ihnen ja wohl nicht.


Nein, nein, ich lebe zurzeit in einer Mietwohnung in der Region Zürich, suche aber etwas mit Garten für Trevor. Auf meiner Mindmap für die nächsten 30 Jahre steht ein Haus mit Garten am Zürichsee.

Aha, und was steht zuoberst auf der Mindmap?

Zuoberst steht die Gesundheit. Aber ich möchte mich in Zukunft auch vermehrt in die Förderung des Blues- und Musiknachwuchses in der Schweiz engagieren.

Der Blues kennt viele Klischees. Eines davon: Blues ist die Musik der Unterschicht, der Underdogs. Oder: Man muss leiden können, um den Blues zu spielen. Wie
passt das zu Ihnen, einem Sohn des gehobenen Bürgertums?


Das stimmt ja alles, aber auch nicht. Fakt ist, dass der Blues und all seine Spielarten ein afro-amerikanisches Erbe sind. Als ich aber als elfjähriger Bub Sunnyland Slim hörte, kam mir dieses Gefühl der Traurigkeit vertraut vor. Ich hatte zu jener Zeit nicht viele Freunde, kam mir verlassen vor. Der Blues gab mir Trost, obwohl ich damals die Worte gar nicht verstand.

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Hatte dieses Gefühl des Verlassenseins vielleicht auch mit Ihrer Homosexualität zu tun?


Das kann durchaus mitgespielt haben. Ich war kein hübscher Junge, kein Bastian Baker. Das hätte mir damals sicher geholfen. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Es handelt sich bei mir mehr um eine genetische Schwermut. Schon als kleiner Bub musste und wollte ich mit meiner Mutter am Fernsehen die Holocaust-Gräuel anschauen, damit ich etwas über ihre und meine Vergangenheit lerne. Ich war kein Halligalli-Teenie. Glamrock-Bands wie Smokie, Sweet oder Kiss, die damals in waren, haben mich nicht interessiert. Musik oder Kunst sollte für mich immer ernsthaft sein. Auch guter Humor hat für mich etwas Ernsthaftes.

Kann denn Blues nicht auch fröhlich sein und für gute Laune sorgen? Ihre Freundin und Mentorin Margie Evans etwa kichert ständig auf der Bühne.


Der legendäre Bluesmusiker Willie Dixon hat es hier auf den Punkt gebracht: «The Blues are the true facts of life» – Blues beschreibt das Leben in all seinen Facetten. Und tatsächlich ist Margie eine ausgesprochene Frohnatur. Aber gerade sie hat auch alle Abgründe des Lebens erfahren. Afroamerikaner hatten in den Südstaaten der 40er- und 50er-Jahre ein schweres Los, das prägt fürs Leben. Mit ihrem Lachen scheucht sie die Tränen weg.

Gibt es im Blues eine Art umgekehrten Rassismus?


Definitiv, und ich bin der Erste, der ihn kultiviert. Ich finde, Weisse können den Blues nicht singen. Das ist furchtbar schizophren, ich weiss. Aber ich leihe mir den Blues nur aus, er gehört nicht mir und ich versuche, ihn so gut wie möglich zu interpretieren.

Aha. Ist das der Grund, weshalb Sie sich in Ihrer Karriere weitgehend auf die Schweiz konzentrieren?


Es ist doch so: In New York hat es dreihundert Sänger wie ich, in der Schweiz vielleicht einen oder zwei. Wenn man mich in den USA für ein Dutzend Konzerte buchen würde, würde ich nicht Nein sagen. Aber weshalb soll ein Veranstalter den Schweizer Bluesmusiker buchen, wenn er vor der Haustür eine solch riesige Auswahl an Talenten hat? Wir werden weltweit auf Youtube und per Download gehört, das ist ein schönes Kompliment. Aber wenn wir im Ausland spielen, legen wir drauf. Ich darf aber auch mit Stolz sagen, dass ich der erste Europäische Act war, der 2004 am Chicago Blues Festival aufgetreten ist.

Lange galt der Blues als altmodisch und verstaubt. Das hat sich markant verändert?


Wenn du in Chicago den 87-jährigen Jimmy Johnson hörst, dann ist das Musik aus einer anderen, einer früheren Welt. Aus seiner Welt, mit der man hier in der Schweiz vermutlich nicht viel anfangen kann. Ich singe dagegen von hier und jetzt, aus meinem Leben und meinen Lebensumständen. Damit kann sich mein Publikum wohl auch besser identifizieren.

Dann ist der Grund Ihres Erfolgs, weil Sie eine helvetisierte Version des Blues entwickelt haben?


Vielleicht. Es ist nicht Blues, wenn du eine dunkle Sonnenbrille trägst. Und wenn du 30 Jahre lang den Blues-Klassiker «Hoochie Coochie Man» nachsingst, ist das einfach langweilig. Du musst den eigenen Zugang finden. Blues ist kein museales Ding. Und vor allem: Es ist im besten Sinn auch Unterhaltungsmusik. Ich will meinem Publikum auch ein paar unbeschwerte Stunden bieten. Ein Freund von mir meint sogar, dass ich die Menschen glücklich mache.

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Verstehen Sie sich als Entertainer?


Ja, definitiv. Ich bin halt schon sehr mitteilungsbedürftig. Was ich zwischen den Songs erzähle, ist nicht einstudiert. Ich bin ein guter Geschichtenerzähler, weil ich auch viele gute Geschichten erlebt habe. Und das ist es, was den Blues ausmacht – the true facts of life halt. In der Schweiz steht meiner Meinung nach oftmals nur die Musik im Vordergrund, aber der Blues lebt durch Geschichte und Geschichten. Es geht um Inhalte.

Hat der aktuelle Blues immer noch eine gesellschaftskritische Komponente?


Das glaube ich nicht. Zumindest nicht in der Schweiz. Ich fände es sogar etwas vermessen, in unserem kleinen Paradies gesellschaftskritisch zu sein. Ich sehe und spüre aber schon, was rund um uns passiert.

Sind Sie ein unpolitischer Mensch?


Das mag sein. Ich habe meine Überzeugungen, aber nicht festgefahrene Positionen zu politischen Anliegen. Ich höre von links bis rechts gültige Meinungen.

Was ist Ihnen denn wichtig?


Das Zusammenleben der Menschen. Der Egoismus und Machthunger vieler Menschen stört mich. Ich versuche, durchs Leben zu gehen, ohne allzu viel Leichen zu hinterlassen. Was natürlich nicht immer möglich ist. Manchmal muss man unbequeme Entscheide treffen, die verletzen, oder nicht allen gefallen. Dazu ist mir Gerechtigkeit wichtig und eine gewisse Bescheidenheit. In meinen Texten zeige ich nicht mit dem Finger auf etwas, sondern will zum Nachdenken anregen.

Sie sind jetzt 52 Jahre alt. Bluesmusiker, so heisst es, spielen je älter, desto besser. Ist auch das nur ein Klischee?

Ich hoffe nicht. Ich kann das jedenfalls unterschreiben. Wenn ich Sachen höre, die ich vor 30 Jahren gespielt habe … grauenhaft. Umgekehrt gibt es auch junge Bluesmusiker, die schon reif sind. Der Blues-Übervater Robert Johnson zum Beispiel, ist im jugendlichen Alter von 28 Jahren ermordet worden. 
Johnny Copeland hat mit siebzehn Jahren den Hit «Further On Up The Road» geschrieben. Er hat ihn leider für 50 Dollar verkauft. Aber das ist eine andere, traurige Geschichte.

Blues ist Macho-Musik. Haben Sie in Ihrer Karriere aufgrund Ihrer Homosexualität irgendwelche Nachteile erfahren?

Nein, überhaupt nicht. Aber wenn ich mit schwarzen Oldschool-Bluesmusikern aus den Südstaaten unterwegs bin, muss ich mich ja nicht unbedingt als Schwuler outen.

Hat Ihr Mentor, der grosse Bluesmusiker Johnny Copeland, gewusst, dass Sie schwul sind?


Das glaube ich nicht. Seine Tochter, Shemekia Copeland, wusste es aber. Sie ist ja so etwas wie eine Schwester für mich. Und der vertraut man sich an.

Wie hätte er reagiert, wenn er es gewusst hätte?


Johnny war ein tiefgründiger Mensch. Zivilisiert, philosophisch. Ich glaube, es hätte ihn überhaupt nicht gestört.

Setzten Sie sich als Privatmann für die Anliegen von Homosexuellen ein?


Nicht genug. Ich könnte Benefizkonzerte geben, doch Blues ist keine typische Gay-Musik. Ich habe 2005 auf dem Bundesplatz in Bern gespielt, als es um die eingetragene Partnerschaft ging. Nur rund fünfzig Leute haben vor der Bühne zugehört. Alle anderen haben sich lieber hinten an der Bar aufgehalten, wo urbanere Gaymusik gespielt wurde. Aber ich flirte gern von der Bühne, übrigens auch mit Frauen.

«The Voice of Switzerland» hat Sie bei einem breiten Publikum bekannt gemacht. Wird es die Casting-Sendung wieder geben?

Das glaube ich nicht und ich sehe auch keine Notwendigkeit. Wenn ich aber angefragt würde und Stefanie, Stress und Marc auch mitmachen würden, würde ich es mir zumindest überlegen.

Ich nehme Sie als Geniesser wahr.


Ich geniesse es, in diesem Land in Frieden zu leben. Ich geniesse die Zuverlässigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Pünktlichkeit und Freundlichkeit der Leute. Wir sind etwas bünzlig, aber ich finde bünzlig eigentlich noch cool.

Könnten Sie sich denn ein normales bürgerliches Leben vorstellen?

(überlegt) Das wahrscheinlich doch nicht. Ich habe so angefangen. Habe eine KV-Lehre gemacht. Aber wahrscheinlich wäre ich dann heute eher Tierpfleger oder würde Wein anbauen.

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