Musik

Bligg bringt neues Rapalbum – Schafft er den Sprung von Pop zurück zu Rap?

Das Rappen auch mit 43 Jahren noch nicht verlernt: Bligg.

Das Rappen auch mit 43 Jahren noch nicht verlernt: Bligg.

Der Zürcher Bligg macht nach Ausflügen in den mit Hackbrett unterwanderten Pop wieder Rap. Leider ist er dabei nicht konsequent und kann nicht von den schwülstigen Balladen lassen. Dafür hört man seinen Sohn auch auf einem Track.

Eigentlich ist es absurd: Rap ist längst der kommerziell wichtigste Jugendkulturzweig geworden, trotzdem verhält sich die Rap-Gemeinde manchmal noch, als wäre sie ein kleiner, elitärer Zirkel. Besonders zu spüren bekommt man das, wenn man den Pfad der reinen Lehre verlässt. Grasen Rapper beim Pop, werden sie von der Herde verstossen. «Früher», nuscheln die Gralshüter der Szene dann,

Bligg kennt diesen Hate. Er hat den Rap in der Schweiz verpoppt, und vor allem hat er den Rap verschweizert und ihn mit Hackbrett und Gejodel in die Charts geführt.

Das war 2008. Jetzt, 12 Jahre später, hat man sich an den Popstar Bligg gewöhnt. Die Rap-Wurzeln des Zürchers kennen maximal noch die Väter, die von ihren Kindern an die Konzerte mitgeschleppt werden. Dabei war Bligg im Schweizer Rap eine prägende Figur. Im Duo mit Lexx oder als Solokünstler rappte Marco Bliggensdorfer schon landauf, landab, als am Open Air Frauenfeld noch die Rolling Stones statt Eminem auftraten. Und jetzt «Okey Dokey 2». Ein Rapalbum.

Zurück zu den Wurzeln? Bligg winkt ab. «Es ist ein Spassprojekt», sagt der 43-Jährige. Und schiebt nach: «Das soll aber nicht heissen, dass mir meine sonstigen Projekte keinen Spass machen. Es war einfach eine spontane ­Sache.» Bligg sitzt in seiner Wohnung. Corona. Man unterhält sich per Videocall. Es wirkt wie eine Geschichte aus einer vergangenen Zeit, wenn Bligg erzählt, wie für das Album am Rand von Grillpartys noch Parts eingerappt wurden. Dabei war das im vergangenen Sommer.

, sagt Bligg. Aus einer einzelnen Skizze wurde ein voller Skizzenblock. Aus der Bieridee ein Album. «Plötzlich sagten mir meine Kollegen: Hey, das klingt wie ‹Okey Dokey›. Da kam ich auf die Idee, eine Fortsetzung zu machen.»

War mit seiner Strategie bisher sehr erfolgreich und räumte viele Preise ab wie hier beim Swiss Influencer Award 2019: Rapper Bligg.

War mit seiner Strategie bisher sehr erfolgreich und räumte viele Preise ab wie hier beim Swiss Influencer Award 2019: Rapper Bligg.

Eine Hip-Hop-Zeitreise zu «Viva» und Zauberzigaretten

«Okey Dokey» war ein Mixtape. Erschienen 2005. Auch eine Spontangeburt und bis heute eine wichtige Platte für die Schweizer Rapszene. Es lebte vom Moment, vom Witz und von der Direktheit. Es ist weit weg vom mitunter sehr berechnend wirkenden Bligg, der «Rosalie» und «Manhattan» singt. Es war Rap. Gemacht von einem Rapper. Kann Bligg 2020 das noch? Fragen wir ihn zuerst selber.

Anders sei bei diesem Album: mehr Text, mehr Tempo, mehr Doppelbödigkeit. Gelingt es? Über weite Strecken erstaunlicherweise Ja.

Rappen, das müssen sogar Bligg-Kritiker zugeben, kann der Mann zweifelsfrei. Er hat ein beneidenswertes Timing, kann locker variieren und hat Punch. Wenn er wie in «32 Bars» einfach ein paar Zeilen kickt, ist das ziemlich gut. Voller Ironie. «Du gründisch e Gwerkschafft? Ich han Werk gschafft! Ernsthaft! Sie fröged wo lernsch das? Kei Ahnig. Das hätt de Herr gschafft/ und jetzt übernimm i d Herrschaft!» Spätestens bei «94 BPM» mit Features von unter anderem Tibner­97ner ist man gedanklich zurück im Jugendtreff nach der Jahrtausendwende und geht draussen heimlich eine Zauberzigarette rauchen. Und der Beat von «Bro­manze» erinnert an «Still D.R.E». Dazu wippen im Kopf die Autos aus dem Videoclip auf Viva.

«Okey Dokey 2» ist denn auch eine Zeitreise. Vom momentan höchst ­beliebten Autotune-durchseuchten Deutschrap ist das Album weit weg. Auch textlich.

, sagt Bligg. Die Themen hätten sich aber geändert. «Rap kommt aus der Erlebniswelt, und es wäre ja irgendwie erbärmlich, wenn sich meine Welt in den letzten 15 Jahren nicht verändert hätte.» Mittlerweile ist Bligg zweifacher Vater. Seine Tochter Vivienne kam diesen Februar zur Welt, aus einer früheren Beziehung stammt Lio. Er macht ein Featuring auf der ­Platte. Auf «Was jetzt!?» gibt er den ­Refrain, während Papa Bligg über all die Widersprüchlichkeiten des Lebens sinniert.

Frisch von der Leber und weiteren Organen

Und über die eigene Zugehörigkeit: «Für links e chli z rechts / für rechts e chli z links / für die Riiche es birebitz z arm / Für die Arme chli z riich / für die Alte chli z schnäll / für die Junge z langsam». Wer es allen recht machen will, macht es am Schluss niemandem recht. Befreit von diesen Fesseln, wirkt Bligg auf «Okey Dokey 2» auch mal schampar locker. Es wird geflucht und steckt voller Referenzen an die Hip-Hop-Zeiten. «Ich habe keine grossen kommerziellen Ziele», sagt er. Eben: «Spassprojekt». Aber natürlich, die Ansprüche seien anders. Eben:

Und genau das hört man «Okey ­Dokey» leider dann und wann an. «Sorry, Mama», das Feature mit Marc Sway, ist schwülstig bis an die Schmerzgrenze. Das ist ein Poptrack, der im (angeb­lichen) Rapkontext wie ein Fremdkörper wirkt. Es ist ein Track, der es allen (besonders den Radiostationen) recht machen will. Genau wie der Protagonist in «Was jetzt!?» scheitert er daran. War «Okey Dokey» noch ein Mixtape frisch von der Leber, arbeiteten beim Nachfolger noch ein paar andere Organe mit. Das geht im Pop, im Rap eher nicht.

Ansonsten ist vieles auf der Platte gelungen. Auch wenn man das «Business» im Hintergrund mitmischeln hört, ist es – auch beattechnisch – nicht überproduziert, verzichtet auf Hackbrett-Firlefanz. Es ist kein «Zurück zu den Wurzeln», aber zumindest ein Zeigen, woraus Bligg gewachsen ist.

«Im Herbst kommt dann ein riesiger Release-Tsunami»

Derzeit hadert das Musikbusiness weltweit mit dem Coronavirus. Konzerte sind abgesagt, Festivals verboten, Releases werden verschoben. «Natürlich habe auch ich überlegt, ob ich die Veröffentlichung verschieben soll», sagt Bligg. Die Plattentaufe im Mai kann nicht stattfinden, man suche ein neues Datum. «Ich wollte die Platte aber jetzt bringen. Im Herbst kommt ein Release-Tsunami. Da geht man als Schweizer Künstler unter», sagt er. Er hoffe, sagt er, «dass die Leute daheim jetzt Lust auf Musik haben.» Wenn das «Spassprojekt» wirklich etwas Spass bringt, dann ist in diesen Tagen ja schon vielen gedient.

Hinweis:
Bligg: Okey Dokey II (Universal). Erscheint am 24. 4.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1