Die Utopie ist out. In der Literatur blüht das Geschäft mit der unheilvollen Zukunft. Kein Wunder: In Zeiten von Trump und Autokraten wie Putin und Erdogan neigen Autoren gern dazu, eine düstere Zukunft zu prophezeien. Die Dystopie hat Hochkonjunktur.

Ausgerechnet jetzt kommt Björk (52) und nennt ihr neues Album «Utopia». Die isländische Pop-Avantgardistin bezieht sich dabei direkt auf Thomas Morus, der im Jahr 1516 das Bild einer Idealgesellschaft auf dem Inselstaat Utopia beschrieb und damit das Genre der Sozialutopie begründete. Björks Idealwelt ist freilich anders. Sowieso: Björk ist anders, irgendwie nicht von dieser Welt. In ihrem Utopia ist das Patriarchat überwunden und sie lebt in einem Matriarchat ohne Hierarchien.

Als Kinderstar hat Björk in Island selbst erlebt, wie schwierig es ist, mit anderen Menschen Kontakt aufzunehmen. Egal, was sie machte, sie war isoliert. Diese Erfahrung hat sie geprägt und sie lässt sie in «Utopia» einfliessen: Alle sind gleich, niemand ist allein und isoliert. «Wir setzen die Emotion an die erste Stelle im Matriarchat», erklärt sie im «Rolling Stone», «wir können koexistieren, müssen einander helfen, um zu blühen und das Beste in uns rauszubringen».

Pforte des Lichts und der Liebe

Björks Vision mag naiv sein, politisch ist sie allemal. Denn in diesem Staat der Offenheit und der Liebe hat es keinen Platz für die Trumps dieser Welt. Björks Welt ist fantastisch und illusorisch, aber vielleicht doch das beste Argument gegen Trump.

«Utopia» ist Fortsetzung und Gegenstück zum düsteren Vorgänger «Vulnicura», wo uns Björk in dunklen Klangwolken ihren schmerzhaften Trennungsprozess von Multimedia-Künstler Matthew Barnaby offenlegte. Auf dem Cover symbolisierte eine klaffende Wunde auf ihrem Oberkörper in der Form einer Vulva den damaligen Schmerz. Dieser Öffnung begegnen wir jetzt wieder im Video zum Song «The Gate». Doch jetzt ist sie eine Pforte des Lichts. Die Botschaft: Aus Trauer und Schmerz wächst Neues. Aus der Öffnung strömt Leben. Es ist die Pforte des Lebens und der Liebe. Dementsprechend ist «Utopia» auch das emotionale Gegenteil von «Vulnicura», es klingt hell, warm, harmonisch und optimistisch. Die Hoffnung ist zurück, die Zukunft rosig.

Wie schon auf «Vulnicura» arbeitete Björk für «Utopia» mit dem venezolanischen Electro-Avantgardisten Alejandro Ghersi zusammen. Auf «Vulnicura» steuerte der Musiker, der besser bekannt ist unter dem Namen Arca, komplementäre Sounds bei. Jetzt ist er auf dem ganzen Album zum gleichberechtigten Partner von Björk aufgestiegen. Keine Hierarchie! Während sich Björk auf die Gesangslinien konzentrierte, trägt die Musik vor allem die Handschrift des Soundtüftlers. Arca ist kein Dance-DJ. Kategorien wie Beats, Bass und Akkorde gibt es bei ihm nicht. Stattdessen entwickeln und verändern sich seine Klänge in einem ständigen Prozess. Die Sounds leben.

12-köpfiges Flötenensemble

Und doch wirkt die digitale Musik als Ganzes natürlich. Die Kombination von Natur und Technik ist eh eine Konstante in Björks Musik. Gräser rascheln im Wind, Vögel zwitschern, Grillen zirpen in einem Science-Fiction-Blumenmeer. Die Hauptinstrumente in «Utopia» sind aber Harfen und vor allem Flöten. Björk stellte dazu ein 12-köpfiges Flötenensemble zusammen, arrangierte, komponierte und probte mit ihm ein Jahr lang. Sie prägen «Utopia». Im zehnminütigen «Body Memory» sorgt dazu ein Chor für eine sakrale Stimmung.

Mit Björk und Arca tauchen wir in eine märchenhafte Welt, durchdrungen von unschuldiger Sehnsucht. Björk singt beseelt und beflügelt. Doch die Isländerin macht es uns nicht leicht. Die Musik ist hochkomplex, die Gesangslinien polyphon, Sounds und Melodien überlagern sich, eine Songstruktur gibt es nicht. Das Taktmass ist oft aufgehoben. Braucht es nicht, denn in «Utopia» gibt es nur die Gegenwart. Die Musik fliesst im Jetzt. Bei aller Komplexität wirkt die Musik federleicht. Die internationale Pop- und Rockmusik hat uns in diesem Jahr nicht verwöhnt. Zum Jahresende gibt uns Björk mit dieser futuristischen Oper immerhin die Hoffnung zurück. Die Utopie ist zurück.

Björk Utopia (Embassy Of Music/Irascible). Erscheint am Freitag, 24. November.