Feuerstätte I und II

Beuysnobiscum: Basel und sein Brandstifter

Während der Fasnacht 1978 entstand eine Arbeit von Joseph Beuys, die heute zu den absoluten Höhepunkten der Sammlung des Museums gehört.

Joseph Beuys, «Feuerstätte». Gibt man diese Kombination bei Google ein, erscheinen unzählige Erwähnungen. Fragt man Jugendliche nach dem Künstler und seinem Werk, erkennt man in ihren Gesichtern oftmals Ratlosigkeit. In den letzten Jahren ist es still geworden um Joseph Beuys. Erst die Diskussion um seine Arbeit «Das Kapital» in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen hat Beuys wieder in die Schlagzeilen gebracht, auch hier.

Energien wieder aktivieren

Dabei war Basel, neben Darmstadt, die Hochburg für sein Werk. Dieter Koepplin, ehemaliger Leiter des Kupferstichkabinetts am Kunstmuseum Basel, und Kuratorin Theodora Vischer haben sich mit Ausstellungen und Texten für ihn engagiert. Koepplin sind die zahlreichen Ausstellungen in Basel – 1969, 1977, 1987 und 1993 – zu verdanken, heute publiziert er vor allem über den Künstler. Das letzte Mal konnte man Beuys in der Region vor sieben Jahren sehen. Walter Kugler, einst Leiter des Rudolf-Steiner-Archivs, kombinierte Zeichnungen von Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Eine spannende Gegenüberstellung, doch sie erfolgte spät. Beuys war Mitglied der anthroposophischen Gesellschaft, zu seinen Lebzeiten wäre eine Ausstellung in Dornach unmöglich gewesen.

Die Beziehungen von Joseph Beuys zu Rudolf Steiners Anthroposophie lässt sich auch heute noch im lesenswerten Interview mit Peter Brügge «Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt» nachlesen. Das Gespräch ist am einfachsten im Band «Rudolf Steiner in Kunst und Architektur», Köln 2007 greifbar. Höchste Zeit also, dass Beuys wieder mit zwei seiner Hauptarbeiten gezeigt wird. Die philosophischen Inhalte seiner Werke haben nach wie vor Sprengkraft und die äusserliche Wirkung hat nichts von ihrer Aktualität und ihrem Gegenwartsbezug verloren.

Trotz Koepplins Ausstellungen hatte das breite Publikum 1984 in der Ausstellung «Skulptur im 20. Jahrhundert» im Brüglinger-Park einfachen Zugang zu seinem Werk. Beuys installierte dort einen «thermisch-plastischen Urmeter». Aus einem Rohr, das wenig oberhalb des Bodens in einem Kellergewölbe mündete, quoll eine Dampfwolke. Der beheizte Kupferkessel blieb im Verborgenen. Beuys inszenierte die dynamischen und energetischen Aspekte von Dampf als eine Metapher für das Denken. Und er äusserte sich damals folgendermassen dazu: «Sie wissen ja ... Weil ich an einem Plastikbegriff arbeite, der mehr die ganzen Lebenszusammenhänge ... versucht zu bearbeiten. Und um das vielleicht sichtbar zu machen, habe ich mich ... hier entschlossen, ein bisschen Dampf zu machen. Mach mal’n bisschen Dampf heisst ja, entwickle mal mehr Kraft, geh mal ein bisschen schärfer an die Fragen heran, beteilige dich mal ein bisschen mehr, also mach mal ein bisschen mehr Dampf.»

Ein Klassiker im Museum

Das klingt einfach und ist es wohl auch. Mit fast denselben Worten, hatte uns Dieter Koepplin im Beuys-Seminar und vor den Vitrinen in Darmstadt die Kunst von Beuys erklärt. Auf diese einfache Art sollte man sich auch heute noch Beuys nähern. Søren Grammel, Leiter des Museums für Gegenwartskunst macht’s möglich. «The Hearth (Feuerstätte)» und «Feuerstätte II» eignen sich optimal.

Wichtig ist es auseinanderzuhalten, dass wir es mit zwei Werken zu tun haben, die nicht zur gleichen Zeit und vor allem aus verschiedenen Motiven entstanden sind. Nimmt man die beiden Werke zusammen, könnte man von einem klassischen dialektischen Dreischritt sprechen. Die These ist eine Raumplastik aus verschiedenen Elementen: drei Wandtafeln mit Zeichnungen, einem Wagen aus Holz mit Deichsel, sowie mit Filz umwickelte Kupfer- und Eisenstäbe, entstanden in den Jahren 1968 bis 1974. Sie wurde 1977 vom Basler Museum erworben.

«Bei dem Werk soll eine neue, interaktive Beziehung der Kunst zum Betrachter geschaffen werden: Zwei der drei an der Wand hängenden Schulwandtafeln stammen aus einem öffentlichen Vortrag von Beuys und erweitern die Raumplastik hin zu einem Gespräch unter Menschen, wobei auch die an die Wände angelehnten Metallstäbe an das Bild einer Versammlung erinnern. Physikalisch findet sich bei einem teilweise mit Filz umwickelten Kupferstab eine schwache Wärmebildung. Da er an einem Eisenkolben angeschraubt ist, entsteht bei der Berührung von Eisen und Kupfer ein wärmender elektrischer Strom, den Beuys gerne auch in Analogie zu psychischer Wärme gesetzt hat.» So der Text auf der Website des Museums. Umstritten war das Werk damals. Aus heutiger Perspektive und vor dem Hintergrund der Arte Povera, der Minimal Art und des abstrakten Expressionismus erscheint das Werk in seiner formalen Strenge und nach wie vor gegenwartsbezogenen Materialität fast klassisch. Dem allem zum Trotz repräsentiert das Werk doch, wie wenig andere, die Absichten von Joseph Beuys, die Grenzen zwischen den Künsten aufzuheben, eine interaktive Beziehung der Kunst zum Betrachter und auch zur Gesellschaft zu schaffen und die Energien zum Fliessen zu bringen.

Die Arbeit «Feuerstätte II» ist als Reaktion auf die erste Arbeit entstanden, doch die Arbeit ist alles andere als reaktionär, sie dehnt vielmehr den Aktionsradius von «The Hearth (Feuerstätte)», und heute gehören die beiden Arbeiten zusammen, als wäre dies nie anders gewesen. Ihre Entstehungsgeschichte war mit einer ganz besonderen Performance verbunden und dies innerhalb der grössten Performance, die jährlich hier stattfindet: der Basler Fasnacht. Die Geschichte ist bekannt, deshalb hier kurz: Die Fasnachtsclique «Alti Richtig» verwendete 1978 den Ankauf von «The Hearth (Feuerstätte)» als Fasnachtsmotiv. Mit Kopien von Elementen aus der Arbeit, mit von Beuys konzipierten und der Schneiderin Irma Hammel hergestellten Kostümen aus Industriefilz sowie mit Tierlarven zog die Clique durch die Stadt – mit einer von Werner Ritter gemalten Laterne und im Beisein des Künstlers Joseph Beuys. Am Fasnachtsmittwoch, kurz nach 14 Uhr, deponierten die Clique ihre Requisiten im Hof des Kunstmuseums. Metallstangen und Filzkostüme wurden anschliessend von Beuys zur Arbeit «Feuerstätte II» kombiniert. Doch bereits während der Fasnacht wurde die Aktion der Clique so genannt.

Notwendige rätselhafter Formen

Das Engagement der «Alti Richtig» trug dazu bei, dass die Akzeptanz für Beuys, sowie seinen Arbeiten und seinem Denken gegenüber, in der Stadt wuchsen. Bei «The Hearth (Feuerstätte)» waren viele Stadtbewohner vor allem vom «Leiterwägeli» irritiert. Beuys meinte dazu: «Vielleicht ist es immer wieder nötig, rätselhafte Formen hinzustellen. Sie sind ja nicht willkürlich rätselhaft entstanden, sondern auf Grund einer Intuition, die vielleicht zunächst auch über meinen eigenen Erkenntnishorizont hinausgehen kann, indem ich zum Beispiel partiell gar nicht weiss, warum das so aussieht, warum es nur gerade so aussehen muss. Es ist ja auch immer wieder interessant, Rätsel in die Welt zu setzen, das Enträtselnwollen beim Menschen zu erwecken.»

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