Bestseller? Da rümpfen Literaturliebhaber schnell die Nase. Was die Masse verschlingt, kann nichts taugen und ist von vornherein suspekt. Dabei vergessen wir gern, dass sich in den Bestsellerlisten immer auch Qualitätstitel tummeln, wie aktuell von Daniel Kehlmann, Elena Ferrante oder sogar Robert Menasse. Und dass schliesslich schon Goethe der Ansicht war: «Wer aber nicht eine Million Leser erwartet, sollte keine Zeile schreiben.»

Das Zitat erinnert allerdings auch an die jüngst zu lesende Horrormeldung, wonach dem deutschen Buchmarkt in den letzten Jahren mehr als sechs Millionen Leser verloren gegangen sind. So gesehen, kommt «Bestseller», Jörg Magenaus Studie über die «Bücher, die wir liebten», genau zur rechten Zeit. Denn auch wenn der Germanist und Kritiker in erfrischender Drastik einräumt, dass ein Platz auf der «Spiegel»- oder «Focus»-Liste an sich noch offenlässt, ob es sich «um einen Fall von Schwarmintelligenz» handle oder «bloss um ein Beispiel dafür, dass der Teufel halt immer auf den grössten Haufen scheisst».

Jörg Magenau ist ein leidenschaftlicher Leser, für den es immer wieder aufs Neue ein Grund zum Staunen ist, wenn sich individuelles Leseglück und Publikumszuspruch vereinen. Dabei erinnert er an die Einsicht Siegfried Kracauers, wonach jeder Erfolgstitel «Zeichen eines geglückten soziologischen Experiments» sei.

Abbild der deutschen Seele

Magenaus Blick auf die grossen deutschen Bucherfolge seit 1945 zeigt dabei, dass viele Titel erfolgreich werden, weil sie geschickt kollektive Ängste und Nöte bewirtschaften. Bestsellerlisten fungierten somit als «eine Art Fieberthermometer» der Gesellschaft. Mitte der Achtziger zum Beispiel, als die «German Angst» vor Atomtod und Umweltzerstörung grassierte, wurde ein amerikanischer Selbsthilferatgeber aus dem Jahr 1948 wiederentdeckt, Dale Carnegies «Sorge dich nicht – lebe!», der sich auch im folgenden Jahrzehnt wie geschnittenes Brot verkaufte.

2016 standen Thilo Sarrazins apokalyptisch-paranoide Thesen auf Platz 1 der Sachbuch-Liste, gefolgt von der kommentierten Neuausgabe von Hitlers «Mein Kampf» und mit Peter Wohllebens «Das geheime Leben der Bäume» auch noch der deutsche Wald: Die Bestsellerliste als «ein getreues Abbild der deutschen Seele», kommentiert Jörg Magenau süffisant.

Magenau untersucht die grössten Erfolge und ihre Gründe nicht chronologisch, sondern klugerweise thematisch gebündelt. Die Spannweite reicht von der Sorge um das Selbst mit den Titeln von Giulia Enders oder Eckart von Hirschhausen über die grossen Memoirenerfolge (etwa Hildegard Knefs «Der geschenkte Gaul») oder Emanzipationstitel (Ute Erhardts «Gute Mädchen») bis zum Boom von DDR-Romanen seit Uwe Tellkamps «Der Turm» aus dem Jahr 2008.

Erfolgsrezepte

Der Autor macht neben «Bestsellergesetzen» – wie der variierenden Wiederholung von bereits Bekanntem – überraschende Verbindungslinien und Veränderungen sichtbar. So erweist sich für ihn Peter Wohlleben als direkter Nachfahre Bernhard Grzimeks, der sich mit «Serengeti darf nicht sterben» 1959 in den Bestsellerlisten verewigte. Allerdings dominierte bei dem auch im Fernsehen reüssierenden Grzimek in der Natur das Recht des Stärkeren. Wohlleben dagegen präsentiere Natur als eine Art heimeligen Sozialstaat, bei dem die Bäume einander helfen, inklusive «Gruppenkuscheln» und Kindergarten für die Schösslinge. «Vielleicht trifft er genau damit den Nerv der Zeit: Sein Wald kompensiert, was in einer auf Konkurrenz basierenden Gesellschaft verloren geht, in der die Dorfgemeinschaften und Familien zerfallen und jeder alleine für sich selbst sorgen muss.»