Er ist Perfektionist, aber eigentlich ein Bastler, er zeigt vor allem Fotografien und bezeichnet sich doch als Bildhauer oder Maler, er zieht die Inspiration aus der Kunstgeschichte, aber passt doch in keines ihrer Schemen.

Der Westschweizer Bernard Voïta (58) ist also ein widersprüchlicher, schwer zu fassender Künstler, erstaunlicherweise kommen seine Werke wunderbar leicht und verständlich daher. Sie lassen sich auf einen ersten, schnellen Blick erfassen, entpuppen sich auf einen zweiten aber als etwas ganz Anderes.

Und sie eignen sich über den Seh-Spass hinaus bestens für vertiefendes Philosophieren über Wahrnehmung, High und Low, Raum, Fotografie ... Und – das ist entscheidend – für die positive Wirkung seiner Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn: Bernard Voïta hat Humor. Er liebt Ironie, unterläuft subversiv Regeln des Kunstbetriebs und freut sich diebisch, wenn er die Betrachterin täuschen und erheitern kann.

Voïta der Strenge

gibt uns einen klaren Parcours vor. Den ersten grossen Saal hat er in ein erhabenes Raumerlebnis verwandelt. Im Gegensatz zu vielen berühmten Installationen ist die Herstellung bei Voïta geradezu simpel: Er hat einfach die exakt aufgereihten Lampen von der Decke auf den Boden umplatzieren lassen.

Et voilà. Schon ist sein Thema: «Recto-Verso», also hinten-vorne, oder eben auch oben-unten, hell-dunkel, vordergründig-hintergründig, wahr-falsch, erhaben-simpel eingeläutet.

Voïta der Ironiker

fügt dem erhabenen Lichtraum ein einziges kleines Ding hinzu: das Modell eines halben Pissoirs. Eines dieser Metallgehäuse, die einst auf städtischen Plätzen den Männern Blickschutz beim Verrichten ihrer Bedürfnisse gaben, von der strengen Form her, sich im Museum aber auch als moderne Skulptur gebärden.

Der Künstler verwandelt das profane Ding durch die Platzierung über unseren Köpfen gar zum objet de désir. Andernorts lässt er das Pissoir-Gehäuse zum raumgrossen «Panorama-Grande-Bataille» anwachsen – auf welche Schlachten er damit anspielt, überlässt er unserer Fantasie.

Voïta der Bastler

verweist uns subtil darauf, dass das Wort Kamera eigentlich von camera (Kammer) kommt, und bastelt also Gehäuse in der Form von Foto-Kameras, fotografiert sie und verteilt sie so in den Räumen, dass wir stets eine von ihnen durch die Türöffnungen sehen. Wer an Überwachungskameras denkt, trifft eine der Absichten des Künstlers.

Voïta der Perfektionist

plante seine Ausstellung in Solothurn minutiös. Monate zuvor simulierte er die Hängung der Bilder mit leeren Lichtprojektionen, die Skulpturen mit Fakes aus Karton. Seinen nächtlichen Spuk hielt er fotografisch fest, sodass wir die Ausstellung, die in sich schon mit Nachahmung und virtual reality spielt, gleich doppelt sehen.

Voïta der Augentäuscher

wurde mit seinen analog-realen Verwirr-Fotografien in den 1980er-Jahren weltbekannt. Er büschelt und arrangiert helle und dunkle Dinge in seinem kleinen Dachatelier seiner Wahlheimat Brüssel, bis durch die Linse der Kamera geometrisch exakte Bilder entstehen. Unser Auge erkennt das Tun, wir schmunzeln über den Effekt, und doch flattert unser Sehzentrum verwirrt zwischen flach und dreidimensional hin und her.

Voïta der Überraschende

löst in seinen neuesten Werken den Konflikt zwischen Bild und Raum scheinbar auf. Die «Jalousien» aus Metall stehen als eindeutige Skulpturen im Raum, wunderbar rot lackiert und so perfekt geometrisch, dass die Zürcher Konkreten vielleicht Freude daran hätten. Oder auch nicht.

Denn die Jalousien lassen sich dank Scharnieren auch zuklappen und werden zum ironischen Zitat der konstruktiven Kunst wie der monochromen Malerei. Wenn Voïta der einen roten Jalousie ennet der Wand ihr komplementäres Gegenstück entgegenstellt – gaukelt er uns vor, das Ding lasse sich gar durch die Wand klappen.

Voïta der Vielfältige

weiss, dass auch Vorhänge, spanische Wände, Leporellos oder dicke Bilderrahmen mit Raum, Hinten-Vorne, Zwei- und Dreidimensionalität spielen. So bastelt er aus Karton Bildträger und lässt Raumteiler aus Metall bauen. Für die Vorhänge, die er durch die Museumsräume spannt, nutzt er zum ersten Mal in seiner Künstlerkarriere ein digitales Medium: ein 3D-Animationsprogramm. Computerkünstler will er sich deswegen nicht nennen.

Bernard Voïta: recto verso Kunstmuseum Solothurn, bis 21. Oktober. Vernissage: Sa, 11. August, 17 Uhr.