Ausstellung «Mock-up»
Wenn Vorführmodelle Schule machen

Das Schweizerische Architekturmuseum Basel untersucht, was sogenannte Mock-ups jenseits ihrer Funktion des Erprobens zu leisten vermögen.

Benjamin Adler
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Atelier Abraha Achermann, Erlenmatt.

Atelier Abraha Achermann, Erlenmatt.

David K. Ross

Für einmal verwehrt eine grauweisse Baustellenblache den Blick in die Ausstellung. Bauen die gerade um, oder gibt es schon etwas zu sehen? Wer den Blick hinter den Sichtschutz wagt, findet allerdings kein emsiges Baustellentreiben, sondern dunkle Stille. An den Wänden des Schweizerischen Architekturmuseums hängen grossformatige Bilder des kanadischen Fotografen David K. Ross. Sie zeigen der Wirklichkeit scheinbar entrückte Fassadenteile, die hier wie in einer Ahnengalerie versammelt sind.

Seit vielen Jahren bereist Ross bei Nacht Baustellen und porträtiert sogenannte Mock-ups – also im Originalmassstab und materialecht errichtete Modelle, mit denen sich das Geplante testen lässt. Immer wieder zieht es ihn in die Schweiz, denn in kaum einem andern Land werden die temporären Gebäudeteile mit solcher Ernsthaftigkeit und Liebe zum Detail errichtet. Ein wahres Paradies für einen Mock-up-Jäger wie Ross.

Davon zeugt auch das einzige klassische Mock-up, das dank seiner vergleichsweise bescheidenen Grösse Eingang in die Ausstellung gefunden hat: Es zeigt einen Fassadenausschnitt des sich noch im Bau befindlichen Ausstellungsgebäudes auf dem Novartiscampus. Offensichtlich konnte die sterile Oberfläche mit farblich firmenkonform gehaltenen Solarpaneelen und LED-Blinkern niemand zu optischen Anpassungen des donutförmigen Raumschiffes motivieren.

Architekturmodelle mit Eigenleben

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Hightech-Spielerei finden sich einige Lowtech-Exponate. So etwa ein paar aufgemauerte und stirnseitig abgeschlagene Ziegelsteine aus dem Archiv von Herzog & de Meuron, die für das Museum Unterlinden in Colmar und das Vitra Schaudepot in Weil am Rhein Modell standen. Oder auch einige für ein Übungshaus von Staufer & Hasler Architekten für Rettungsdienste hergestellte Betonproben, die mit verkohlten Brettern geschalt wurden, um den Eindruck des Verbrannten zu erzeugen.

Angesichts solcher Materialexperimente stellt sich die Frage nach einer klaren Begriffsdefinition des Mock-ups. Tatsächlich steht aber nicht die begriffliche Trennschärfe im Vordergrund, sondern die Ausstellung fragt danach, was diese Vorführmodelle jenseits ihrer Funktion des Erprobens zu leisten vermögen. Und das ist eigentlich ganz gut so. In den Blickpunkt gerät auf diese Weise, dass es sich bei den verschiedenen Modellen nicht nur um trockene Datenlieferanten handelt. Die Auswahl beweist vielmehr, dass Mock-ups ein durchaus erzählenswertes Eigenleben führen können.

Manuel Herz Architects, Fassaden-Mock-up in Tambacounda, Senegal.

Manuel Herz Architects, Fassaden-Mock-up in Tambacounda, Senegal.

Magueye Ba

Für einen Spitalbau im Senegal etwa suchten Manuel Herz Architects nach einer Tonziegelform, die Schutz vor der Sonne und eine gute Durchlüftung garantierte und gleichzeitig mit den örtlichen Mitteln hergestellt werden konnte. Ein Mock-up mit den u-förmigen Ziegeln sollte ihre Zweckmässigkeit unter Beweis stellen. Im Vertrauen auf ein gutes Ergebnis wurde das Mauerelement nicht bei der eigentlichen Baustelle errichtet, sondern in einem benachbarten Dorf, wo die Schule erweitert werden sollte.

Die Tonziegel bewährten sich wie erhofft, und kurzerhand wurden dem isolierten Mauerteil drei weitere und ein Dach hinzugefügt. Seither fungiert die kleine Halle als Unterrichtsraum der Grundschule in Sare Side. Angesichts der Forderung nach einem schonenden Umgang mit Ressourcen kann man nur hoffen, dass dank einfacher und kluger Bauweise das eine oder andere Mock-up als realer Bestandteil der Architektur weiter dienen kann, für die es einst Modell stand.

«Mock-up», Schweizerisches Architekturmuseum Basel, bis 31. 10. 2021.

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