Literatur
Hunkeler-Autor Hansjörg Schneider zeigt in seinem neusten Buch Basel als geheimnisvolle, heimliche Stadt

In «Die Eule über dem Rhein» überzeugt Hansjörg Schneider mit kurzen, ebenso virtuosen wie persönlichen Texten

Charles Linsmayer
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Der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider zeigt sich in «Die Eule über dem Rhein» von seiner persönlichen Seite.

Der Basler Schriftsteller Hansjörg Schneider zeigt sich in «Die Eule über dem Rhein» von seiner persönlichen Seite.

Colin Frei

1972 löst der 34-jährige Germanist und Regieassistent Hansjörg Schneider mit dem Stück «Sennentuntschi» einen Skandal aus und avanciert für Jahrzehnte zum führenden Vertreter eines spezifisch schweizerischen Theaters.

Er schreibt auch Romane – «Das Wasserzeichen», «Nachtbuch für Astrid» –, aber richtig berühmt wird er erst mit der zwischen 1993 und 2020 in zehn Bänden publizierten Serie seiner Kriminalromane um den Kommissär Hunkeler, von denen sechs mit Mathias Gnädinger verfilmt wurden.

«Basel hat sich nie richtig eingeschweizert»

Auf den populären Volksschauspieler stösst man nun auch in Schneiders jüngstem Buch, dem Prosa-Band «Eule über dem Rhein», der Kolumnen und Porträts aus den Jahren 1998 bis 2017 versammelt. «Ich habe mit Mathias Gnädinger enormes Glück gehabt», heisst es in einem nach dessen Tod im Jahre 2015 geschriebenen Text.

«So viel Glück hat ein Autor selten. Ich wusste, ich kann mich auf ihn verlassen, mit ihm kommt es gut heraus.»

Den Titel des Bandes liefert ein meisterliches Porträt der Stadt Basel. «Eine geheimnisvolle, heimliche Stadt, die sich nie richtig eingeschweizert hat», nennt Schneider, der in Aarau geboren ist, aber seit mehr als fünfzig Jahre in Basel lebt, seine Wahlheimat.

Weil er selbst sich nie richtig «eingebaslert» hat, sind seine Skizzen und Porträts allerdings alles andere als Lokalliteratur, sondern verbinden eine genaue Orts- und Personenkenntnis sowie ein Flair für die unverwechselbare Basler Atmosphäre auf glaubwürdige Weise mit einem Blick aus Distanz.

Hansjörg Schneider blickt nostalgisch und kritisch auf seine Wahlheimat

Ein Abend in der Wirtschaft Stellwerk im Bahnhof St.Johann, ein spätsommerliches Bad im Rhein, wenn Basel zu einem einzigen Strandbad wird, zufällige Begegnungen im Kannenfeldpark, Erinnerungen an Dieter Fringeli, Werner Schmidli und andere längst verstorbene Basler Schriftsteller zeichnen ein nostalgisches Bild der Stadt.

Aber Schneider hält auch mit Kritik nicht zurück, wenn er die Geschichte eines geplanten Flüchtlingsheims erzählt, das durch die Einsprache von Frauen verhindert worden ist, die für ihre Betroffenheitsrhetorik bekannt waren.

Erinnerungen an Äpfel und ein Gruss an die Mutter

Hansjörg Schneider: Die Eule über dem Rhein. Diogenes Zürich 2021.

Hansjörg Schneider: Die Eule über dem Rhein. Diogenes Zürich 2021.

Diogenes

Der Band enthält auch Porträts von Hans Küng oder Vàclav Havel. Von besonderer Leuchtkraft aber sind die Texte, die aus Schneiders Leben erzählen: die «Apfelpoesie», in der all die Apfelsorten eingebracht sind, die er in seiner Jugend gekannt hat. Die Schilderung des Schulwegs im Zofingen seiner Kindheit. Die Kantonsschulzeit in Aarau, das Erlebnis der von Repression bestimmten Rekrutenschule, das auf Jahre hinaus Angstträume in ihm hinterliess. Weihnachtsabende im Elternhaus, als junger Ehemann, als Grossvater.

Und am Ende ein Text auf Dialekt, der seiner Mutter gewidmet ist und den vielsagenden Satz enthält: «I glaube, weni mi Muetter nid gha hätt, wäri igange wiene Solot-Setzlig ohni Wasser. Eifach verlampet.»

Hansjörg Schneider: Die Eule über dem Rhein. Prosa. Diogenes Zürich 2021. 288 S. Fr. 34.90

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