Baden
«Es ist so schön, wieder hier zu sein»: Aargauer Musiker eröffnen ein spezielles Blues Festival

Nur 50 Besucher durften das Konzert live miterleben. Alle anderen konnten das Festival über einen Stream von zu Hause aus mitverfolgen.

Stefan Künzli
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Caruso & Friends: Die Sängerinnen Claudia Piani, Gigi Moto, Nana Caruso und Sandra Rippstein.

Caruso & Friends: Die Sängerinnen Claudia Piani, Gigi Moto, Nana Caruso und Sandra Rippstein.

Samuel Amsler

«Heute ist alles etwas anders», sagte Susanne Slavicek, die Chefin des Blues Festivals Baden, am Eröffnungskonzert. Coronabedingt hatten nur 50 glückliche Leute im Kurtheater Einlass gefunden, aber immerhin: Besser so als gar nichts. Das letztjährige Blues Festival musste ganz abgesagt werden. Die reduzierte Variante ermöglicht immerhin wieder Live-Genuss. Dazu werden die Konzerte aber auch über Stream übertragen.

Besondere Zeiten, besondere Gelegenheiten. Die Coronasituation rückt Schweizer Musiker ins Schaufenster und am Auftakt-Wochenende haben mit dem Sänger und Organisten Hendrix Ackle und dem Gitarristen Robbie Caruso gleich zwei Lokalmatadoren die Chance erhalten, sich mit einer Carte Blanche zu präsentieren. Vor einem Jahr war mit Hendrix Ackle noch ein New-Orleans-Programm vorgesehen. Im Laufe des Jahres hat sich das Projekt entwickelt und redimensioniert. Zur diesjährigen Eröffnung haben Ackle und sein musikalischer Partner Richard Cousins (Bass) Sängerinnen und Sänger eingeladen und ein kurzweiliges Programm zusammengestellt.

Zunächst gaben Hendrix Cousins mit Gitarrist Marco Figini, Peter Haas (Schlagzeug) und Perkussionist Robbie Hacaturyan eine Kostprobe ihres Könnens, danach sang die Innerschweizerin Caroline Chevin vier Stücke aus ihrem Repertoire. «Es sind eigentlich vier Konzerte in einem», erklärt Ackle. Ein übergreifendes musikalisches Konzept gab es nicht. Das Konzert hatte denn auch starken Happening-Charakter und war von der Freude geprägt, endlich wieder auf der Bühne stehen zu können.

Hendrix Cousins & Friends: Die Sängerinnen Caroline Chevin (Mitte) und Annie Goodchild.

Hendrix Cousins & Friends: Die Sängerinnen Caroline Chevin (Mitte) und Annie Goodchild.

Rolf Jenni

Schweizer Musiker mit einem Schuss Internationalität

Beim Blues Festival Baden, Ausgabe 2021, spielen Schweizer Musikerinnen und Musiker die Hauptrolle. Der Gitarrist Kirk Fletcher und die Sängerin Annie Goodchild sorgten aber als Gäste für einen kräftigen Schuss Internationalität. Möglich ist dies geworden, weil beide seit einigen Jahren in der Schweiz leben.

Der aus Los Angeles stammende, 41-jährige Gitarrist und Sänger ist als Sohn eines Baptistenpfarrers schon früh in Kontakt mit Gospel gekommen und verbindet heute in seiner Musik wie selbstverständlich die afro-amerikanischen Idiome zu einer zeitgenössischen Version des Blues. Er spielte die Gitarre bei den Fabulous Thunderbirds und hat unter eigenem Namen bereits fünf Alben veröffentlicht, wobei das jüngste «Hold On», für einen Blues Music Award nominiert wurde. In Baden bewies er, dass er mit seiner feinfühligen, dynamischen Spielweise zu Recht zu den besten Gitarristen des Genres gezählt wird. Seine Fähigkeiten als Sänger reichen aber bei weitem nicht an jene des Gitarristen heran.

Caruso: Debüt der Tochter, Comeback der Mama

Schon seit acht Jahren lebt Annie Goodchild in Basel. Die Latina ist in einem irisch-amerikanischen Haushalt in Boston aufgewachsen. Ihre Mutter brachte ihr Jazz und Klassik näher, bekannt wurde sie in der US-Band Postmodern Jukebox, die Pop-Hits in ein Retrokleid steckt. Die Liebe zu einem Schweizer führte sie schliesslich nach Basel. In Baden harmonierte ihre klare Stimme wunderbar mit dem eher dunklen Alt von Chevin. Goodchild ist eine echte Bereicherung der Schweizer Musikszene. Doch Chevin braucht den Vergleich mit der Weltklasse-Sängerin nicht zu scheuen.

Was sich am zweiten Konzert unter dem Titel «Caruso & Friends – Lady Sings The Blues» ankündigte, war eigentlich eine Parade der Schweizer Musikerpaare. Robbie Caruso und Claudia Piani, Gigi Moto und Jean-Pierre von Dach sowie Sandra Rippstein und Chris Heule sind Eheleute. Die eigentliche Affiche des Abends lieferte aber doch die Brugger Familie Caruso, denn die 23-jährige Tochter Nana Caruso überraschte mit einem erstaunlich reifen Bühnendebüt mit einem selbstkomponierten Titel. Dazu gab Mama Claudia Piani nach über zwanzig Jahren ihr Comeback und machte ihre Sache mit ihrer heiseren, tiefen Stimme so gut, dass man sich fragen musste: Wieso eigentlich nicht öfter?

Der Aufwand hat sich gelohnt

Claudia Pianis Rückkehr war nicht nur beachtlich, sie war auch mutig, denn neben ihr standen mit Gigi Moto und Sandra Rippstein schliesslich zwei der besten Sängerinnen des Landes auf der Bühne des Kur­theaters. Vor allem Rippstein, die Frau mit der Löwenmähne, sorgte für magische Momente. Doch Konkurrenzdenken war an diesem Abend sowieso nicht angesagt. Vielmehr wurde hier, nach Monaten der Entbehrung, des Wartens und des Bangens, ein Wiedersehen gefeiert.

«Es ist so schön,wieder hier zu sein», brach es aus Sandra Rippstein heraus, und die fünfzig anwesenden Leute jubelten sich zum gefühlten Massenpublikum. «Unzählige Male haben wir das Festival neu konzipiert. Neu erfunden», sagte Slavicek, «aber es hat sich gelohnt». Ja, es hat sich gelohnt.