Bachs viele Facetten machen Lunchkonzert zum Hauptgang

So prominent war kaum je ein Lunchkonzert besetzt: Die französische Pianistin Lise de la Salle gab der Konzertreihe des Luzerner Sinfonieorchesters mit ihrem Bach-Rezital ein neues Gewicht – vor deutlich mehr Publikum.

Urs Mattenberger
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Lise de la Salle bei einem Auftritt vom Lucerne Festival von 2015. (Bild: Priska Ketterer)

Lise de la Salle bei einem Auftritt vom Lucerne Festival von 2015. (Bild: Priska Ketterer)

«Ich bin ein Abendmensch», stellt die Pianistin Lise de la Salle in Bezug auf die Lunchkonzerte klar, in denen sie am Freitag im KKL einen grossen Auftritt hatte. «Auch das Publikum ist um die Mittagszeit ruhiger. Aber ich mag die Herausforderung, da dennoch die Vibrationen und die Aufregung zu schaffen, die sich am Abend leichter einstellen.»

Tatsächlich gab ihr rund um «Bach unlimited» komponiertes Programm der vom Luzerner Sinfonieorchester veranstalteten Reihe ein neues Gewicht. Einzig Bachs «Italienisches Konzert» passte zur Idee eines Muntermachers und spielte in der zügigen Wiedergabe diese Rolle vorzüglich aus: Lise de la Salle liess über der Erdung durch markante Bässe die konzertanten Tutti und Soli prächtig aufrauschen und legte mit dem als unendlicher Melodie ausgespannten Andante Fäden zu den weiteren Werken des Programms.

Bach zwischen Romantik und neuem Jazz

Dieses deutete Bach hin zur Romantik und zur Moderne aus. Schon bei Liszts Fantasie und Fuge über BACH war an Mittagschlaf nicht mehr zu denken: grossartig, wie Lise de la Salle das Pathos durch kristallklare Artikulation verdaulich hielt und die grüblerischen Verschachtelungen und geisterhafte Virtuosität zum hymnischen Choralton bündelte. Mit der Verbindung von Klarheit und romantischem Überschwang war Liszts Bearbeitung von Bachs Präludium und Fuge in a-Moll der Höhepunkt dieser romantischen Bach-Ausdeutung. Bestechend am Programm war aber, das es der ­Gefahr der Überfütterung mit Bach-Deutungen des Jazzmusikers Thomas Enhco entgegenwirkte. Neben einer Minimal-Adaption des «Italienischen Konzerts» galt das vor allem für sein von den Goldberg-Variationen inspiriertes «L’aube nous verra»: Eine Musik, die den Auswucherungen bei Liszt eine Konzentration gegenüberstellte, bei der Bachs Vielstimmigkeit wie eingefroren wirkte in komprimierte Klänge und sich aus dieser Erstarrung allmählich lösten: Ein Moment der Magie, der abschliessend Busonis Chaconne-Adaption im äussersten Kontrast zwischen Intimität und Tastendonner nach allen Seiten weiterführte und löste.

Lise da la Salle tritt in Luzern auch im Mai am Zaubersee-Festival mit russischer Musik auf. www.zaubersee.ch