Unter dem Dach des Zimmermannhauses tritt man ein in die leuchtende Welt von Marianne Engel: Hier ein Sternenbild, dort nie gesehene Pilzwesen: Allesamt erstrahlen sie in galaktischen Farben. Aus Abgüssen, Fotografien und Tierpräparaten hat die Künstlerin ein kleines, organisches Universum geschaffen. Entstanden sind die Werke aus einer Kombination von natürlichen Verwesungsprozessen, einer sinnlichen Beobachtung der Natur und einem spielerischen Umgang mit Formen. Ihre Objekte und Sujets entdeckt Engel auf nächtlichen Streifzügen durch den grossen Garten ihres Bauernhauses.

Um sie sichtbar zu machen, nutzt die Aargauer Künstlerin eine UV-Taschenlampe, in der Pflanzen und Tier-Hohlformen im Dunkel der Nacht erleuchten. In freien, gestalterischen Prozessen kreiert sie damit nie da gewesene Bilder; mit ihren Abgüssen von Pilzen und Tierschädeln in goldener Farbe taucht Engel die Themen von Tod und Verwesung in ein liebevolles Licht.

Wundersame Pflanzenwelt

Pilze sind als wiederkehrendes Motiv vertreten. Als Form nutzt Marianne Engel sie für Güsse aus Epoxydharz, die sie mit einem besonderen Pigment versieht: Unter UV-Licht erstrahlen diese Plastiken in Türkis, Rot und gelb. Auch als Material setzt Engel Pilze ein: Indem sie sie über längere Zeit auf Glasplatten setzt, entstehen wie durch Zauberhand einzigartige, fleckenhafte Schwarz-Weiss-Bilder, welche mit vielen anderen kleineren Gegenständen in einem Regal ausgestellt sind. «Objets Trouvés» nennt Engel diesen organisch anmutenden Setzkasten mit Fotos, Tierpräparaten, Pilzplastiken und vielem mehr. An den Wänden hängen neben den experimentellen Lichtbildern Fotografien von den sterblichen Überresten der Haustiere Engels. Im dunklen Holzbalkendach entsteht so eine schaurig-schöne, geheimnisvolle Nacht-Atmosphäre.

Für das eingangs genannte «Sternenbild» hat Marianne Engel eine Petrischale abgelichtet, auf der sich Meeresbakterien tummeln. Dass diese ab einer gewissen Konzentration leuchten, macht sich die studierte Biochemikerin für künstlerische Zwecke zunutze. Die weissen Lichtpunkte auf dunkelblauem Grund wirken in der zirkulären Anordnung der Petrischale wie eine Minigalaxie. Hinzu kommt, dass das Bild überkopfhoch aufgehängt ist. «Das ist kein Zufall», erklärt Kuratorin Andrea Gsell. Die Assoziation mit Himmelsbildern sei durch die Platzierung durchaus gewollt. Die gesamte Ausstellung erweckt mit ihren fluoreszierenden Farben und wundersamen, nie zuvor gesehenen Formen Eindrücke von unentdeckten Welten, wie man sie von Bildern aus dem Weltraum oder der Tiefsee kennt.

Wem gehört die Erde?

Ein Stockwerk weiter unten riecht es nach Erde. In der Mitte des weissen Raumes liegt ein maulwurfhügelgrosser Haufen davon, daneben ein rechteckig ausgeschnittenes Stück Rasen mit der Grasseite nach unten. An den Wänden eine Bildserie mit unterschiedlichen, schwarz-weissen Mustern. Für diese Arbeit hat Simon Ledergerber auch im übertragenen Sinn einen Erdhaufen aufgeworfen. Der Urner Künstler verknüpft in seinem Schaffen das angewendete Material mit dessen philosophischen Konnotationen. Für diese Ausstellung hat er die Frage: «Wem gehört die Erde?» formuliert.

Die Zusammenhänge zwischen den beiden Räumen liegen nicht unmittelbar auf der Hand. Jedoch ist der Erdhaufen ein Hinweis auf Ledergerbers künstlerische Verwandtschaft mit Engel, die ebenfalls sehr organisch vorgeht. Beim näher Herangehen an seine Schwarz-Weiss-Bildserie und vielleicht einem zusätzlichen Blick in die aufliegende Broschüre erkennt man, dass sowohl Ledergerber wie auch Engel die organischen Gegebenheiten ihrer Materialien respektieren und daraus freie, künstlerische Prozesse ableiten.

Dadurch, dass die beiden unterschiedliche Mittel anwenden und von anderen Fragen geleitet werden – bei Ledergerber sind es philosophische und solche nach den Auswirkungen von Zersetzungsprozessen an Baumaterialien –, entstehen unterschiedliche Gesamteindrücke.

Etwas Neues entsteht

Genau diese Kombination von Arbeiten, die thematisch und in der Herangehensweise ähnlich sind, sich aber ganz anders äussern, interessiert Andrea Gsell, Kuratorin des Zimmermannhauses. «Ich versuche, Doppelausstellungen so zu kuratieren, dass etwas Drittes entsteht». Ausserdem lerne man bei diesem Format Kunstschaffende und Arbeiten kennen, auf die man von sich aus vielleicht nicht gekommen wäre.


Als öffentliche Institution frei vom Druck des Kunstmarkts kann sich das Zimmermannhaus experimentellen Arbeitsprozessen widmen. Hier gastierende Künstler werden aufgefordert, unter Einbezug der räumlichen Gegebenheiten und der Atmosphäre der beiden Ausstellungsräume Versuchsanordnungen zu erarbeiten. So entsteht immer wieder etwas Einzigartiges.


Erdwürmer Marianne Engel und Simon Ledergerber, Zimmermannhaus Brugg. Bis 9. Juni.