Fernsehen

Aus für Luzern: Der Schweizer «Tatort» wechselt nach Zürich

Seit 2010 gemeinsam unterwegs: Das Luzerner «Tatort»-Ermittlerduo Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer).

Seit 2010 gemeinsam unterwegs: Das Luzerner «Tatort»-Ermittlerduo Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Meyer).

Der Luzerner «Tatort» wird 2019 nach Zürich verlegt und erhält ein neues Ermittlerduo. Wieso ausgerechnet jetzt, nachdem die Folgen in letzter Zeit besser wurden?

Noch zwei Luzerner «Tatort»-Folgen werden dieses Jahr gedreht, dann ist Schluss. Bereits 2019 wird das Ermittlerduo Flückiger/Ritschard zum letzten Mal über die deutschsprachigen Bildschirme flimmern, vermeldete das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) gestern.

Ab dann soll ein neues Duo in Zürich auf Verbrecherjagd gehen. Den Entscheid habe man zusammen mit den beiden aktuellen Hauptdarstellern Stefan Gubser und Delia Mayer gefällt. «Wir streben in all unseren Formaten Erneuerung an», kommentiert Urs Fitze, Bereichsleiter Fiktion SRF, diesen Entscheid.

Die Schwierigkeit bestehe dabei immer darin, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Zumindest für Mayer scheint dieser erreicht zu sein: «Nach acht Jahren bin ich der Rolle der Liz Ritschard entwachsen.» Gubser hingegen sagt bloss: «Es war eine aufregende, intensive Zeit, die ich nicht missen möchte.»

Der Luzerner «Tatort» schrieb immer wieder Schlagzeilen – vor allem auch in Deutschland. Dort waren seine Quoten die schlechtesten aller «Tatort»-Teams. Während deutsche Folgen im Schnitt von 10 Millionen Zuschauern verfolgt werden, unterbot der «Tatort» aus Luzern regelmässig die 7-Millionen-Marke. Verlegt SRF den Tatort wegen der tiefen Quote nach Zürich?

Fitze dementiert: «Der Tatort ist für SRF eine Erfolgsgeschichte.» Mit den eigenen Folgen erreiche man regelmässig einen Marktanteil von über 30 Prozent. Der Entscheid, den Dreh einzustellen, sei nicht auf Druck der ARD gefallen. Diese schätze das Schweizer Kommissaren-Team, so Fitze.

Public Viewing für Zürcher «Tatort»

Public Viewing für Zürcher «Tatort»

Ab 2019 wird der Schweizer Tatort von Luzern nach Zürich verlagert. Zürcher Fans der Krimiserie freuen sich.

Achillesferse Drehbuch

Mit neun bzw. acht Dienstjahren werden es Reto Flückiger und Liz Ritschard eine ordentliche Weile in ihrem Job ausgehalten haben. Den Status von Kultkommissaren, wie sie das Münsteraner Team besitzt, hätten sie wahrscheinlich auch bis zur Pensionierung nie erreicht.

Das lag weniger an den Schauspielern als am Drehbuch. Wo man in Österreich und Deutschland im Zank rhetorisch gewieft die Messer wetzte, war das Verhältnis zwischen Ritschard und Flückiger schon zu Beginn von einer tiefschweizerischen Konsensorientierung geprägt gewesen. Ein rhetorisches Feuerwerk liess sich da selten entzünden. Dialoge wie «Und jetzt?» – «Sind wir am Arsch» waren leider keine Seltenheit.

Dabei hat das Schweizer Fernsehen einiges probiert, um den Imageschaden zu beheben, der dadurch entstand, dass man in der ersten Folge versuchte, wie eine amerikanische Krimiserie rüberzukommen. Sofia Milos, Ex-Star der US-Serie «CSI: Miami», wurde schon nach der ersten Folge durch Delia Mayer ersetzt.

Die heiligen Kühe der Tourismusindustrie hatte man nach einiger Zeit zugunsten einer ehrlicheren Stadtansicht Luzerns geschlachtet. Nach anfänglichem Kuhgebimmel – der erste Luzerner Tatort war dem SRF so peinlich, dass man ihm nachträglich eine Kuhglockenszene herausoperierte –, wurde man ehrlicher, zeigte mehr vom Luzerner Nebel.

Mit der Verschlankung des Kommissariats – viele der blassen Nebenfiguren hat man weggespart – hatte das Format zudem weiter an Profil gewonnen.

Warum nach so vielen Weichenstellungen jetzt die Vollbremsung? Deutschlands «Tatort»-Experte François Werner vom Online-Portal Tatort-Fundus.de vermutet eine Orientierungslosigkeit beim Redaktionsteam.

«Wahrscheinlich war man sich grundsätzlich nicht mehr darüber einig, wohin man möchte. So etwas überträgt sich dann oft auf die Darsteller. Also hat man die komplette Erneuerung gesucht und irgendwann einfach den Reset-Knopf gedrückt.»

Zürich bietet etliche Vorteile

Der bodenständige Darsteller Stefan Gubser dürfte auch wegen seiner Rolle im Hintergrund in Erinnerung bleiben. Er war es, der das Format nach dem Ende des Berner Tatorts im Jahr 2001 nach einem Jahrzehnt Pause wieder in die Schweiz holte.

Mit seiner Produktionsfirma Tellfilm, die den ersten Luzerner Tatort mitproduzierte, war er aktiv auf das Schweizer Fernsehen zugegangen.

«Über die Art meines Abgangs werde ich mitreden dürfen», sagt Gubser. Ein Heldentod wäre ihm sicher zu klischiert. Wünschen würde man ihm eine Aussteigerkarriere. Zum Beispiel als Restaurator alter Segelboote.

Bereits im Januar 2019 steht ein neues Ermittlerduo vor der Kamera. Dann laufen die Dreharbeiten in Zürich an, dem neuen Schauplatz des Schweizer «Tatorts». «Zürich bietet ideale Voraussetzungen für eine Tatort-Reihe», sagt Fitze.

Wichtige, weltweit bekannte Institutionen wie die ETH und die Fifa, aber auch internationale Konzerne wie Google seien dort ansässig. Darüber hinaus beherberge Zürich wichtige Kulturhäuser und sei über die Landesgrenzen hinaus bekannt als multikulturelle Partystadt.

Die Verlegung begrüsst auch der Deutsche «Tatort»-Experte François Werner. «Ich habe mich schon bei der Erstausstrahlung des Luzerner «Tatorts» im Jahr 2011 gefragt, warum man die Krimireihe nicht nach Zürich verlegt hat. Die Stadt ist vielen Deutschen besser bekannt und gibt erzähltechnisch viel mehr her.»

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