Coronavirus

Auf zum letzten Opernmahl? Die Salzburger Festspiele trotzen Corona virtuos

Die Salzburger Festspiele.

Die Salzburger Festspiele.

Die Salzburger Festspiele krempelten ihr Programm um und bieten bis 30. August Corona-konforme Opern-, Konzert- und Theaterabende. Statt 240 000 Karten liegen dieses Jahr nur 76 000 auf. Obwohl die beiden Opernproduktionen grandios sind, erhält man nach wie vor Karten.

Die Künstler in drei Risikogruppen aufgeteilt, die Besucher im Schachbrettmuster im Saal, die Salzburger-Festspiele-Maske à 10 Euro über der Nase … Alles gut gemeint und immerhin das Gefühl gebend: Es wird schon gehen. Jedenfalls solange nichts passiert. Auf zum Fest: 100 Jahre Festspiele!

Ein Abend ganz im Zeichen von Corona, Theater und Musik.

Ein Abend ganz im Zeichen von Corona, Theater und Musik.

Man sitzt freudig nervös in der Felsenreitschule, im Kopf tanzen die Erinnerungen an 40 Festspieljahre Walzer, die Ouvertüre zu Mozarts Oper «Così fan tutte» steigt fauchend aus dem erhöhten Orchestergraben, die Paare singen ihre falschen Liebesschwüre himmlisch schön und dann passiert’s: Tränen kullern über die Maske. Verfluchte Musik, unergründbar mächtiger Zauber. Eine nasse Maske, es muss der Albtraum eines jeden Virologen sein …

Weg mit ihr, sei dieser Mozart doch unser letztes Opernmahl! Ob beeinflusst vom monatelangen Entzug und der namenlosen Freude, endlich wieder in einem Opernhaus zu sitzen. Seit 1984 hat man in Salzburg keine bessere «Così» gehört. Damals dirigierte Riccardo Muti und nun Joana Mallwitz – feurig stringent. Und dank Regisseur Christof Loy erlebt man eine tiefsinnige und melancholische Regie, die den Geist der Musik wundersam atmet.

Oper und Theater der Spitzenklasse.

Oper und Theater der Spitzenklasse.

Selten sang ein Ensemble so einheitlich auf hohem Niveau. Doch Moment! Schreiben wir da eine Musikkritik? Dürfen wir schon wieder so arrogant sein, zu behaupten: «Gut!» – «Schlecht!»? Muss es nicht vielmehr «danke, spielt ihr für uns!» heissen?

Offenbar ist die Antwort nein. Jetzt sitzt dort die FAZ, da die «New York Times», es wird geurteilt wie ehe und je, gestritten, gescherzt und gejubelt. Doch stopp! Fördert das läppische Händeschlagen nicht den Virenflug? Und feiern die Aerosole beim «bravo!»-Brüllen nicht eine Freiluftparty? Aufzuhalten waren sie bei «Così fan tutte» nicht. Und auch bei Richard Strauss’ «Elektra» war es so.

Ein nichtiger Prolog musste hier überstanden werden, dann erfolgte das Klangwunder: Verursacht hatten es die Wiener Philharmoniker unter der Leitung von Zürich Ex-Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst.

Unglaublich, die flammende Freude der Rache, die da im Orchestergraben loderte, die düstere Unruhe, die da rumorte. Mitsamt den tumultartigen Entfesselungen wurde alles mit nuanciertem Klang und musterhaft genau gemeistert. Die kleine Schwester (Chrysothemis: Asmik Grigorian) triumphierte allerdings (stimmlich) über die grosse (Elektra: Ausrine Stundyte). Die Regie von Krzysztof Warlikowski vertraut alsbald auf starke, bisweilen rätselhafte Bilder, ohne viel zu (zer)deuten.

Allerdings tigerte zur Eröffnungspremiere alles gespannt auf das, was da kommen würde, schon um 16 Uhr vor dem Festspielhaus herum. Als wolle man möglichst viele Leute vor dem Eingang sammeln, Zustände wie in Ischgl schaffen, wurden die Tore erst um 16.30 Uhr geöffnet. Der jeder sozialen Distanz spottende Stau war nicht wegzubringen, zumal jede und jeder sich ausweisen musste.

Unvergessliche Abende bei den Salzburger Festspielen.

Unvergessliche Abende bei den Salzburger Festspielen.

Bis man an seinem Platz sass, war die Maske auf. Dann erfolgte via Tonband die schmeichelnde Ansage von Schauspielerin Caroline Peters:

Kaum getan, fügte sie an, man solle sie aufgesetzt lassen, wenn es nicht weiter störe.

Schutzkonzepte da – Corona bla, bla? Endlich galt es jedenfalls der Kunst! Steil über die Klippen hinab geht der Sprung, ob ins Glück oder ins Unglück? Ins Leben ganz bestimmt. Und obwohl die Salzburger Festspiele naturgemäss an sich denken, spielen sie auch für Wien und Zürich, ja die Welt. Gelingt es, 30 Tage lang mehr oder weniger coronafrei durchzukommen, wäre es ein Signal an die Coronapolitiker weltweit, wäre es das Zeichen für die Kulturinstitute: Wenn ihr aufpasst, könnt ihr spielen.

Wer nach dem Jubel in die Festspielstadt trat, hätte meinen können, es sei Sommer 2019: Eine Schlange vor dem «Goldenen Hirschen», Polterabendgruppen im «Sternbräu», die «Blaue Gans» bestens besucht – vom überfüllten «Triangel» ganz zu schweigen. Da der Waller, dort das Backhendl, überall die Eierschwammerl.

Am Morgen danach sitzt man mit Andreas Gfrerer in der Bibliothek seiner «Blauen Gans» und sieht zwar einen leidenschaftlichen Unternehmer mit Geist für Kultur, hört aber auch, dass er statt wie üblich zu fast 100 Prozent nur zu 50 Prozent ausgelastet ist. «Jetzt sitzt dafür Igor Levit ungestört im Bistro», sagt Gfrerer lächelnd, «an einem normalen Sommer wäre er nach einem Konzert schon längst über alle Berge.»

Gfrerer bewegt Salzburg und er ist jemand, der sich durchaus ausdenken will, was sein wird, wenn 2021 immer noch die Hälfte der Gäste ausbleibt. Schon im Herbst wird er aus seinem Hotel eine WG machen, wenn er sein eigenes Jazzfestival hospitiert. Er sagt:

Die Hotelabsagen kamen in drei Wellen, die letzte und härteste, als die Festspiele ihr neues Programm ankündigten und die Karten dafür neu verteilten. Jetzt hatte jeder schwarz auf weiss, was aus den schönen Plänen geworden war. Statt eines «Don Giovanni» gab es nun eine auf 2 Stunden 15 Minuten verkürzte «Così fan tutte» – die Kartenpreise aber blieben, gehen von 30 Euro hinter der Säule bis 445 Euro.

Die bienenfleissigen Frauen des Kartenbüros wussten nicht, wo ihnen der Kopf stand, bis alles wieder einigermassen gerecht verteilt war. Dann begann das Anstehen, wurden doch die Karten nicht verschickt, sondern mussten an der Kasse abgeholt werden. Des einen Leid, des anderen … Die Kulturoma vor uns jedenfalls merkt nicht, dass die Schlange hinter ihr immer länger wird, weiss sogar, wie es damals 1960 bei der Eröffnung des Grossen Festspielhauses war, und dann, endlich wären wir an der Reihe, sagt sie über den Billettschalter hinweg:

Es hat nicht Karten für (fast) alle Vorstellungen, weil die Chinesen, Amerikaner oder Russen (neuerdings via Festspielsponsor Gazprom) nicht in der Stadt sind. 41 Prozent der Festspielbesucher stammen nämlich aus Deutschland, 38 Prozent aus Österreich. Macht schon 80 Prozent. Und, wenn wir schon mit Zahlen spielen, eine grossartige Nummer noch: 47 Prozent der Gäste kommen bereits das 20. Mal an die Festspiele.

Statt 240 000 Karten wurden 2020 nur 76000 verkauft – immer noch so viele wie Lucerne Festival an einem normalen Vor-Corona-Sommer in sechs Wochen auflegte. Statt der im Herbst vorgestellten 200 Vorstellungen an 44 Tagen wird es in Salzburg 110 Vorstellungen an 30 Tagen geben, statt 30 Millionen Euro Einnahmen nur 7½.

Theater-Uraufführung von Nobelpreisträger Handke

Cashcow wie eh und je ist «Jedermann». 12-mal wird er gegeben.

Mit Hugo von Hofmannsthals Stück über das Sterben des reichen Mannes begannen im August 1920 die Festspiele. Festspielgründer Max Reinhardt machte aus der Not eine grossartige Tugend und wählte damals den Domplatz als Aufführungsort aus. Dass die erste Tribüne aus dem Holz der Baracken eines riesigen Lagers für Kriegsgefangene – dem sogenannten Russenlager – vor den Toren von Salzburg gezimmert wurde, ist für die Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler ein wunderbar gegenständlicher Beweis im Sinne der Festspielgründer (siehe Box). Sie sieht den «Jedermann» als ein Friedensprojekt.

Immer poppiger und lärmiger wird die «Jedermann»-Regie, entfernt sich weit von der Erhabenheit von einst. Der Bogen vom Prasser zum Büsser ist verkürzt, ja verschenkt. Und wenn dann noch wie am Montag Tobias Moretti als Titelheld Aussetzer hat, wird es schwierig. Das Tamtam um die Rolle der Buhlschaft (Caroline Peters) ist noch weniger verständlich als einst, verkommt die Rolle zu einem Auftrittchen.

Hautnah aber sicher.

Hautnah aber sicher.

Warum zum Jubiläum nicht ein kurioser Schritt zurück und eine Rekonstruktion der Aufführung von 1920? Als Gegenpol wird ja «Everywoman» mit der Schweizerin Ursina Lardi und in der Regie von Milo Rau gezeigt.

Auch die zweite Theaterpremiere brachte trotz pompösem Schlagwort «Peter-Handke-Uraufführung» Langeweile: In «Zdeněk Adamec» erzählt der Nobelpreisträger von 2019 eine Geschichte über einen 18-Jährigen, der sich 2003 auf dem Wenzelsplatz in Prag verbrannte.

Inszenierungen, die in Erinnerung bleiben.

Inszenierungen, die in Erinnerung bleiben.

Friederike Heller hat aus dem geschwätzigen Text eine Art Lehrstück für Schauspielschüler gemacht: Jeder Satz wird denkmalgross und bedeutungsschwanger präsentiert – seien es auch bloss acht Worte des Nichts. Am Schluss ist man im Kreis gegangen – und will möglichst rasch hinaus in die Festspielnacht, merkt aber schnell, dass dies fern des Eröffnungsabends ein Begriff aus der Vergangenheit ist.

Galerie: So zeigt sich die österreichische Prominenz an den Festspielen

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

Meistgesehen

Artboard 1