Berliner Philharmoniker

«Auf Wiedersehen, Sir Simon»: Abschiedsbrief an den scheidenden Chefdirigenten

Dirigiert er noch, oder beamt Sir Simon Rattle wieder einmal eine Offenbarung in die Herzen der Zuhörer?

Dirigiert er noch, oder beamt Sir Simon Rattle wieder einmal eine Offenbarung in die Herzen der Zuhörer?

Zum letzten Mal gastierte Simon Rattle am Lucerne Festival als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Ein Abschiedsbrief von «Nordwestschweiz»-Kulturredaktorin Anna Kardos.

«Verstehen kann ich es, Sir Simon. Ja, wirklich. Die Berliner Philharmoniker sind schliesslich keine Sonntagskapelle, sondern nachgerade das beste Orchester der Welt. Immer perfekt sein, über alle menschlichen Massstäbe hinaus musizieren, die in der Musik verborgene Offenbarung durch Orchesterinstrumente und Publikumsohren bis in die Herzen der Zuhörer beamen – dagegen wirkt sogar ‹Beam me up, Scotty› wie Kindergarten.

Dass das zehrt, ist klar. Deshalb hatten Sie schon 2013 angekündigt, Ihren Berliner Vertrag aus Altersgründen nicht über 2018 hinaus zu verlängern. Ab kommendem Sommer tritt der musikalische Brexit in Kraft. Kommt dazu noch die alte Binsenweisheit, dass man aufhören soll, wenn es am schönsten ist. Am schönsten aber, das war es bei Ihnen und den Berliner Philharmonikern eigentlich immer – auch am vergangenen Mittwoch mit Joseph Haydns Schöpfung, die Sie und ‹Ihre› Berliner Philharmoniker heuer ans Lucerne Festival mitbrachten.

Ein spätklassisches, monumentales, wundersprühendes Werk, in dem Haydn klammheimlich einige Geniestreiche aus der ‹Zauberflöte› seines jüngeren Kollegen, ähem, adaptiert: Den schreitenden Bass etwa, der Mozarts Geharnischte begleitet, die Pamina-mässige Anmut der Sopranstimme – und natürlich das Jubelfinale.

Dabei hat Haydn selbst mehr als genug auf dem Kasten. Schon der Anfang seiner Schöpfung, dieser Urzustand aus Melodieteilchen, Themenstaub und Metren, die ungerichtet durch eine Art Vorweltlichkeit wabern, ist grossartig – bei Ihnen tönt er zudem umwerfend modern, sodass er fast nahtlos an Georg Friedrich Haas’ tatsächlich zeitgenössisches ‹ein kleines symphonisches Gedicht› anschliesst, mit dem Sie den Abend eröffnen.

Kurz darauf hacken die Geigen Haydns Staccatos in die Atmosphäre, oder das Orchester lässt Töne regelrecht zerfasern. Aber nur, um darauf mit einem imaginären Lichtkegel verschiedene Tonschichten von Haydns Musik zu beleuchten, mal auf die hohen Soprantöne, mal auf den brummelnden Bass schwenkend. Überhaupt tost, braust, leuchtet und glänzt es in Ihrer Schöpfung derart, dass man meint, Haydn habe sich Beethovens Grösse einverleibt.

Daran sind Sie nicht ganz unschuldig, Sir Simon. Als Brite scheuen Sie Pomp nicht (bei Circumstance sind Sie eher zurückhaltend), und selbst Edward Elgar hätte gefallen, wie der (bestens vorbereitete) Rundfunkchor Berlin im dritten Schöpfungstag strahlt. Er tut es nicht allein. Auch Sopranistin Elsa Dreisig (* 1991) gibt ihren Part über beide Ohren strahlend, während Tenor Mark Padmore mehr auf Charakterdarstellung setzt.

Wenn dann der eben erschaffene Adam (Florian Boesch) intoniert ‹Jeder Augenblick ist Wonne›, ist eines gewiss: Er spricht dem Publikum aus dem Herzen. Überhaupt, dieser Bass! Zwischen Florian Boeschs Stimmbändern scheint sich die Schöpfung gerade noch einmal zu vollziehen: Da summen die ‹Insssekten›, da leuchtet das ‹Liiicht›. Hell und Dunkel, Spannung und Entspannung, alles wird zu Form. Stichwort: Form. Es gibt in der Kunst eherne Gesetze. Etwa: Form follows function. Oder in mittelalterlichen Ritterepen: Der kühnste Ritter kriegt die schönste Braut. Und in der Klassik sollte es heissen: Ein Dirigent wie Sie gehört nun mal zum besten Orchester der Welt.

Vielleicht tut man damit dem London Symphony Orchestra Unrecht, dessen Chefdirigent Sie ab kommendem Monat sind. Schliesslich hatten Sie einst mit dem City of Birmingham Orchestra bewiesen, dass Sie aus nicht so hoch dotierten Klangkörpern Klasseorchester schmieden können. Aber es ist schon so: Wenn Ihre Vision auf die Berliner trifft, stieben die Funken – und ich würde glatt meine Hand drauf verwetten, dass es regelrechte Götterfunken sind. Denn etwas in Ihrem Musizieren verweist stets auf das grosse Geheimnis dahinter.

Einst verrieten Sie in einem Interview, dass man als Dirigent einen Pakt mit dem Teufel schliesst. Es gehe darum, ob man sich mit Haut und Haaren der Musik verschreibe oder ob da ein Rest Privatmensch übrig bleibe. Welchen Pakt Sie auch gewählt haben, Sir Simon, Sie haben offensichtlich einen verdammt guten Deal gemacht – zumindest aus Sicht des Publikums.

Seit Sie bei den Berlinern sind, durfte man Jahr für Jahr am Lucerne Festival staunen. Sie luden uns ein, Mahlers oder Schostakowitschs Sinfonien zu hören, wie wir sie nie zuvor gehört hatten: gross und grossartig, glanzvoll und beinahe überirdisch perfekt, dabei aber immer beseelt. Deshalb, Sir Simon, lasse ich Sie nur schweren Herzens gehen. Und ich möchte Ihnen danken. Für die Musik, und dafür, dass Sie uns zum Abschied einen derart grossartigen Haydn zurücklassen.»

Anna Kardos

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