Grammatik

«Auf ein Wort»-Kolumne: Das Grossratsdeutsch hält Einzug

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Die Mundartkolumne diesmal zu einem Wahlinserat, das unserem Autor wegen der speziellen Grammatik auffiel.

In seinem Wahlinserat brachte ein Nationalratskandidat (und Lehrer) den Spruch: «Eusi schön Stadt Züri läbi hoch!» Das ist im Kern pures Schriftdeutsch.

Solches Pseudoschweizerdeutsch hört und liest man oft: Der Kopf formuliert hochdeutsche Sätze, dann setzt sie der Mund in die Lautstrukturen des Dialektes um. Früher nannte man solches Reden «Grossratsdeutsch», weil Politiker ihre Reden schriftdeutsch notierten und beim Ablesen eine scheinbare Mundart daraus machten.

Es gibt eine weitere Hintertür, durch welche fremdes Wortgut in den Dialekt gelangt, nämlich die Einführung von technischen Neuheiten und industriellen Produkten.

Die Rolltreppe wurde nicht bei uns erfunden, sonst hiesse sie vielleicht Umlaufstääge. Jetzt gibt es also die Träppe als zweites Wortglied auch auf Schweizerdeutsch, ebenso den Chüelschrank und den Fäärnseher.

Im Supermarkt kauft auch jemand Kafiraam und Chrüüterbutter, der sonst Niidle und Anke sagt. Solche Beispiele wurden schon vor fünfzig Jahren aufgezählt, als man von der heutigen Tragweite der englischen Einflüsse im Alltag, vor allem in der Werbung, noch keine Ahnung hatte.

Und bei Wörtern, die im hergebrachten Dialekt eine spezielle Form hatten (Hung, Söipfe), hat schon damals die mit dem Hochdeutschen übereinstimmende Lautung, also Honig, Seife, dominiert.

Diese Entwicklung ist wohl nicht aufzuhalten; aber man sollte sie wenigstens nicht ignorieren. Meine Aufgabe ist die Beschreibung und Beobachtung der Dialektwörter, nicht das Predigen. Aber gefreut hat es mich trotzdem, dass der oben zitierte Politiker nicht gewählt worden ist.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1