Auf ein Wort-Kolumne

«Auf ein Wort»: Junge nächtliche Herumschwärmer nannte man früher ...

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Mundartexperte: Niklaus Bigler.

Die Mundartkolumne von Niklaus Bigler diesmal zu einem Wort, das Schweizer in der Schriftsprache meiden, obwohl es in Deutschland rege gebraucht wird.

Wenn der Leiter einer Primarschule im Jahresbericht statistische Angaben macht, so tauchen unvermeidlich «Knaben/Mädchen» auf. In Deutschland versteht man zwar das Wort «Knabe», empfindet es aber als abgehoben oder veraltet. Stattdessen schreibt man in Süddeutschland «Buben» und im Norden «Jungen» – wie in den jeweiligen Umgangssprachen.

Vermutlich will man bei uns ein als dialektal empfundenes Wort vermeiden und weicht auf ein fremdes aus. Ebenso vermeidet der Schweizer beim Schreiben das süddeutsche Regionalwort «Geiss», obwohl «Ziege» nicht weniger regional ist, norddeutsch halt.

Unsere Dialekte haben neben dem Bueb auch den Chnaab, aber mit einer anderen Bedeutung: Chnaab ist (oder war) ein Jugendlicher, der die Schulzeit hinter sich hat. Das Knabenalter begann mit der Konfirmation beziehungsweise der Firmung und endete mit der Heirat.

In vielen Dörfern waren diese Knaben als Gruppe (Knabenschaft) organisiert. Sie wachten unter anderem darüber, dass kein Fremder sich mit einem Mädchen einliess, sonst landete er in einem Brunnentrog. Nächtliche Herumschwärmer nannte man Nachtchnaabe, und ein Holdchnaab war im Wallis ein Freier. Bei Hochzeiten amtete als Brautführer ein Eere-, Voor- oder Hochziterchnaab.

Neben althochdeutsch knabo gab es auch eine Variante knabbo. Dieser Zweiformigkeit entspricht das heutige Wortpaar Knabe/Knappe, so wie es neben dem Raben (schwarzer Vogel) den Rappen (schwarzes Pferd) gibt. Der Knappe war ein Heranwachsender in Bezug auf die Berufstätigkeit, ein Handwerksgeselle oder ein angehender Ritter.

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